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 Predigten

Predigt über Offenbarung 1, 9-18   (vom Sonntag, dem 29.01.2012)

Predigt zur Jahreslosung 2.Kor 12,9    (vom Sonntag, dem 01.01.2012)

Predigt über Klagelieder 3, 22-26, 31-32   (vom Sonntag, dem 09.10.2011)

Predigt über Genesis 3, 23-24 (vom Engelsonntag, dem 25.09.2011)

Predigt über Matthäus 5, 21-26  (vom Israelsonntag, dem 28.08.2011)

Abendfeier vom 28.07.2011

Predigt über Johannes 11, 35-42  (vom Sonntag, dem 24.07.2011)

Predigt über LK 15, 1-7 das verlorene Schaf  (vom Sonntag, dem 10.07.2011)

Predigt über Lk 14, 16-24 und Matthäus 22, 1-14 (vom Sonntag, dem 03.07.2011)

Predigt über Lukas 11, 5-13  (vom Sonntag Rogate, dem 29.05.2011)

Predigt über Johannes 21, 1-14  (vom 2. Sonntag nach Ostern, dem 08.05.2011)

Predigt über Psalm 22,2  (vom 4. Sonntag der Passionszeit, dem 03.04.2011)

Predigt über Matthäus 26, 69-75  (vom Sonntag Reminiszere, dem 20.03.2011)

Predigt über Johannes 8, 12-16  (vom 2.Weihnachtstag 2010)

Predigt über Jeremia 23  (vom 2.Advent 2010)

 

hier finden Sie die Predigten/Texte bis November 2010

 

 

 

Predigt über Offenbarung 1, 9-18

vom Sonntag, dem 29.01.2012 

 

Liebe Gemeinde!

 

Es ist der 29. Januar. 2 Tage nach dem 27.Januar, dem Gedenktag der Befreiung von Auschwitz, dem Konzentrationslager oder besser Vernichtungslager.

Und es ist wenige Tage vor dem 2. Februar, dem Tag, der auch Lichtmess heißt. Dem Tag, an dem man sagt: das Licht kommt zurück.

Und es ist der letzte Sonntag des Weihnachtsfestkreises, der letzte Sonntag nach Epiphanias.

Es ist Winter geworden.

 

Zu diesem Sonntag gehören Licht-Metaphern. Geschichten, die mit dem Licht zu tun haben. Sprechen lässt sich über diese Geschichten als Licht, das als äußeres Licht zu sehen ist.

Gemeint ist selbstverständlich ein inneres Licht: ein Licht, das in uns Menschen hinein strahlt, ein Licht, das aus uns Menschen heraus strahlt.

 

Die Geschichte von Jesus und den drei Jüngern bzw. den drei strahlenden Personen aus der Tradition Israels ist eine Licht-Geschichte: Jesus wurde von den drei Jüngern, Schülern, Freunden gesehen als einer, dessen Licht wie die Sonne leuchtete, dessen Gestalt weiß wie Schnee im Licht erschien.

 

Die Geschichte für heute steht im letzten Buch der Bibel, in der Offenbarung des Johannes. Sie wird auch Apokalypse genannt. Apokalypsis heißt übersetzt: Enthüllung, Entschleierung. Wir bringen dieses Wort Apokalypse mit Schrecken in Verbindung. Das liegt daran, dass es oft schrecklich ist, was man zu sehen bekommt, wenn man den Schleier hebt. Im echten und im übertragenen Sinn leben wir doch oft so, dass wir Unangenehmes „unter den Teppich kehren“. Was aber ist, wenn wir den Teppich hochnehmen und hinsehen? Dann können die einen oder anderen durchaus einen Schrecken bekommen.

 

Johannes, der die Apokalypse geschrieben hat, wird Prophet genannt. Aus der Sprachanalyse seines Buches wird deutlich, dass griechisch nicht seine Muttersprache ist. Eher ist es aramäisch oder hebräisch. Er dürfte jüdischer Herkunft gewesen sein, eng vertraut mit Geschichten, Bildern und Symbolen der hebräischen Bibel. Ein Jude, der seinen Glauben durch das Kennenlernen der Botschaft Jesu erweitert hat, verändert hat, einer, der durch die Glaubenserfahrung im Horizont Jesu so geworden ist, dass er im römischen Reich in Gefahr kam. Er wurde gefangen genommen und auf die Gefängnisinsel Patmos verbannt. Dort muss er große Qualen erlitten haben. Hitze und Durst sind Qualen, die wir uns noch vorstellen können. Es dürften auch konkrete Gewalterfahrungen gegeben haben, die ihn bzw. seine Person zerstören sollten.

 

Johannes ist ein Visionär. Er sieht Dinge, die andere nicht sehen. Er schreibt sie auf. Denen, die hören oder lesen, was er geschrieben hat, entschlüsseln sie sich nicht auf den ersten und auch nicht auf den zweiten Blick. Offb 1, 9-18:

 

9 Ich, Johannes, euer Bruder, der mit euch Bedrängnis, *Königtum und Beharrungskraft in Jesus teilt, war wegen Gottes *Wort und Jesu Zeugnis auf der Insel Patmos. 10 In *Geistkraft geriet ich am Tag, der Jesu Herrschaft feiert. Hinter mir hörte ich einen lauten Ton, wie von einer Posaune: 11»Was du siehst, schreib in ein Buch und schicke den sieben *Gemeindeversammlungen, nach Ephesus und Smyrna, nach Pergamon und Thyatira, nach Sardes, nach Philadelphia und Laodizea.«

12 Ich drehte mich um, die Stimme zu sehen, die mit mir gesprochen hatte.

Als ich mich umgedreht hatte, sah ich sieben goldene Leuchter 13und in der

Mitte der Leuchter jemand, der einem *Menschen ähnlich war, fußlang bekleidet

und um die Brüste mit einem goldenen Gürtel gegürtet. 14Haupt und Haare waren weiß wie Wolle, weiß wie Schnee, seine Augen wie eine Feuerflamme, 15 seine Füße ähnelten geschmolzener Bronze, wie im Ofen gebrannt, seine Stimme war wie das Rauschen großer Wassermassen, 16 in seiner rechten Hand hatte er sieben Sterne, aus seinem Mund ragte ein zweischneidiges, scharfes Schwert, wie die Sonne in ihrer leuchtenden Kraft sah er aus!

17 Als ich ihn sah, fiel ich wie tot zu seinen Füßen. Er legte seine Rechte auf mich und sagte: »*Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte 18und der Lebende. Ich war tot, und da! ich bin lebendig bis in alle *Ewigkeiten. Ich habe die Schlüssel des Todes und des Totenreichs. 19 Schreib nun, was du gesehen hast und was ist und was danach geschehen wird! 20Hinter den sieben Sternen, die du auf meiner Rechten gesehen hast, und den sieben goldenen Leuchtern verbirgt sich Folgendes: Die sieben Sterne sind Boten der sieben *Gemeindeversammlungen, die sieben Leuchter sind die sieben Gemeindeversammlungen.

 

Johannes ist ein Bote. Bote oder Engel, das griechische Wort dafür ist fast dasselbe: angelos. Deswegen wird er auch oft als ein Mensch mit Flügeln dargestellt, einer, der nicht nur auf der Erde haftet, einer der fliegen kann. Einer, der weiter kommt als es unsereiner oder unsereinem gegeben ist. Es kann passieren, dass uns das Angst macht und wir es schon allein deshalb ablehnen, damit zu tun haben zu wollen. Dann wird der Teppich wieder drüber gelegt.

Oder wir wagen es hinzusehen. In das Licht hinein.

 

Eine Lichtgestalt sehen, sie sehen können. Das ist etwas sehr Besonderes. Das ist keine Leuchtreklame, die man anknipsen kann. Dazu gehört eine innere Voraussetzung, die den oder die, der oder die sie hat, von dem normalen Alltagsgeschehen unterscheidet.

Natürlich kann man sagen: Der oder die ist nicht normal. Ab in die Psychiatrie. Und das passiert auch. Denn geistige Entwicklung, die zur Kenntnis des tiefen Inneren gehört, ist in unserer Kultur sozusagen „ausgestorben“. Fast. Vielleicht nicht ganz.

 

Wenn ich von ausgestorben spreche, könnte ich auch sagen: umgebracht.

Das Vernichtungslager Auschwitz steht für die Herrschaftshaltung, die Missliebiges ausschaltet. Umbringt. Tötet. Kalt macht. Diese Herrschaftshaltung ist absolut. Sie hat recht, sonst nichts und niemand. Alles, was anders ist, ist bedrohlich, heißt: es bedroht die Eindimensionalität dieser Haltung. Logisch, das darf nicht sein, also …

 

Dass es noch viel mehr gibt, wissen wir alle, die wir hier sind. Was das sein mag, darüber können die Geister sich scheiden. Die eine nennt es so, der andere nennt es so. Und vielleicht meinen beide noch nicht einmal dasselbe.

Es passiert mir z.B. immer wieder, dass ich mit Evangelikalen spreche, die mir klar machen möchten, dass ich nicht den richtigen Glauben habe. Im besten Fall können wir friedlich auseinander gehen, indem wir anerkennen, dass wir unterschiedliche Arten haben zu glauben, dass wir uns beide auf Jesus beziehen, dass wir aber vereint sind in der Tatsache, dass wir glauben.

Eine Glaubenshaltung wie diese brauchen wir, wenn wir diesen Text, diese Geschichte an uns heranlassen möchten: es ist etwas möglich, von dem ich bisher noch nichtmal ahnte, dass es das geben könnte.

 

Zurück zu dem Johannes, der in Haft ist, der vermutlich gefoltert wurde, der eine Kraft entwickelt hat zu sehen, die über das Irdische hinausgeht.

Er geriet in Geistkraft, heißt es. Er dürfte in einem Zustand gewesen sein, der außer-gewöhnlich war. Und er war bei vollem Bewusstsein. Träumen ohne zu schlafen, so könnte ich es mir vorstellen, alles, was er erfährt ist „wirklich“, hat also eine Wirkmacht. Aber es ist nicht zum anfassen.

Er hört einen Schall wie von Posaunen. Kommentatoren schreiben, dass das auch Schofarhörner gewesen sein könnten. Un der hört einen Arbeitsauftrag: Schreibe auf, was du siehst und hörst und sende es als Sendschreiben an die 7 Gemeinden.

 

So ein Arbeitsauftrag geht tiefer als jeder andere. Er ist gesehen, gehört, gefühlt und mit  tiefer Resonanz in der Seele empfunden.

Aufschreiben. Das ist passiert. Und wer schreibt der bleibt. Daher haben wir heute unseren Text, das ganze Buch.

 

Erst hat der Johannes gehört, jetzt sieht er auch. Die alttestamentlichen Seher verhüllten ihre Gesichter: Mose am Dornbusch, Elia am Horeb, die Jünger auf dem Berg. Johannes sieht genau hin. Denn er sieht seine Rettung, er sieht, was ihm Trost gibt in der traurigen Lage: eine Lichtgestalt, menschlich aber überirdisch. Wir dürfen sie getrost als den Messias identifizieren, als die Person, für die Johannes diese ganze Trübsal inkauf genommen hat, oder besser: die Identifikationsfigur, an der er sich für sein Leben orientiert.

Jesus, dieser Mensch und dieser begnadete Übersetzer dessen, was wahres Menschsein ist, dieser Übermittler des Göttlichen mitten ins Leben hinein hat den Tod überwunden. Hat die Angst überwunden. Hat hingesehen auf das, was ist und hat sich in Wahrheit nicht zerstören lassen. Er lebt, das, wofür er stand, lebt, ES lebt.

Dieses ominöse ES wird lebendig in der Lichtgestalt.

Und ES gibt Sinn für den Verzweifelten, für den Ohnmächtigen, der sich nun im Kontakt weiß, in Verbundenheit mit dem, was ihm am wichtigsten ist.

Johannes, der Seher, läuft da nicht weg, schließt nicht die Augen, er sieht hin, egal, wie sehr er sich fürchtet.

Die Lichtgestalt bewegt sich auf ihn zu, legt ihm die Hand auf und spricht: „Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebende. Ich habe die Schlüssel des Todes und des Totenreiches.“

 

Ein typisches Wort, das Engel immer sagen, ist: „Fürchte dich nicht!“ Das können wir, die wir Engel nicht gesehen haben, schmunzelnd feststellen. Wo ich von Engel-Erfahrungen gehört habe, gab es immer einen ernstzunehmenden Schrecken. Gleich ob es sich um individuelle Gewalterfahrungen handelte, um politische Gewalterfahrungen oder ob es im Zusammenhang mit einem Unfall war. „Fürchte dich nicht!“ Verkrampfe dich nicht bei allem Schrecken und allem Schmerz, bleibe offen!

 

„Ich bin der Erste und der Letzte.“ Es schließt sich ein kreis von Erfahrungen, Anfang und Ende kommen zusammen, es gibt kein früher und später mehr. Es gibt nur ein Jetzt.

 

Und: „Ich habe die Schlüssel des Todes und des Totenreiches.“ Hier ist die zweisprachige Erfahrung des Johannes spürbar. Das Totenreich ist hellenistisch, der Tod ist eher dem jüdischen Horizont zugehörig. Es geht um die Erfahrung, dass die letzte Angst dem Tod gilt. Die Lichtgestalt hat den Schlüssel zum Tod – sie hat die Macht, eine Türe zu öffnen und zu schließen, die die Angst nimmt.

 

Im Zusammenhang mit der arabischen Revolution habe ich Beiträge im Fernsehen gesehen, in denen einfache Menschen wie du und ich mutig von ihrem Leben und Denken und Handeln berichteten. Ich erinnere eine Frau, die sagte: „Die Soldaten haben mich misshandelt, das war furchtbar. Jetzt habe ich keine Angst vorm Sterben mehr.“

Man nennt sie Märtyrer, diese Leute. Martys ist das Zeugnis, das sie ablegen. Sie sind nicht Menschen, die sich mit Sprengstoff um den Bauch opfern und andere in den Tod reißen. Es sind Menschen, die sich und ihrer Sache treu sind, über die Grenze des Todes hinaus.

 

Die Erfahrung von Licht in so einer Situation gibt Vergewisserung und Halt. Sie orientiert den Menschen und lenkt Geist und Seele.

 

Viele der Menschen, die die Shoa, das Entsetzen, überlebt haben, haben berichtet von solchen und ähnlichen Erfahrungen. Ich habe auch Zeugnisse von Frauen gehört, die vergewaltigt wurden, die in ähnlichen Bildern der Vergewisserung sprechen.

„Du kannst nicht tiefer fallen, als in Gottes Hand“, sagte Margot Käsmann vor 2 Jahren, als sie zurücktrat. Wer je eine existentielle Krise erlebt hat, der oder die dürfte zumindest anmutungsweise Ähnliches erfahren haben: „Wenn du denkst es geht nicht mehr, kommt irgendwo ein Lichtlein her.“ Oder so ähnlich.

 

Wie banal das alles klingen muss, wenn es keine innere Resonanz hat, denke ich mir am Schluss dieser geschriebenen Rede. Ich glaube, das ist nur lebendig transportierbar. Amen.

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Predigt zur Jahreslosung 2.Kor 12,9

Lesung: 2.Kor 12, 1-10

vom Sonntag, dem 01.01.2012 

 

Liebe Gemeinde im neuen Jahr!

 

Lass dir meine Zuneigung genug sein. Gerade in den Schwachen lebt meine Kraft!

Dieser Satz wurde ausgelost aus den vielen vielen Sätzen, die in der Bibel stehen. Ausgelost für das Jahr 2012. Losung genannt. Es ist ein Satz, den man mitnehmen kann als etwas, was einen im Untergrund weiterhin beschäftigen kann. Als ein Ort, an dem man sich für dieses Jahr verankert, von dem aus man fragen und antworten, grübeln oder einfach fröhlich sein kann.

Lass dir meine Zuneigung genügen.

Zuneigung.

Liebe.

Bei Luther heißt es Gnade. Aber das Wort ist für viele fremd geworden, hat es sich doch in dem Ghetto Kirche und Theologie wohler gefühlt als draußen in der Welt.

 

Zuneigung. Zugewandtheit. Hinwendung. Liebevolle Hinwendung. Zärtliche Zugewandtheit. Sympathie. Freundschaft. Ich und Du sind verbunden, eines ist hier und das andere dort, doch beide verbindet ein lebendiges Band, das man Liebe nennen kann.

Lass dir meine Zuneigung genügen.

Du musst nicht von allen geliebt werden, meine Zuneigung genügt.

Und mehr kann ich dir nicht geben. Lass sie genügen.

Frage nicht ständig nach mehr, mehr! „Mehr!“, schrie der kleine Hävelmann, „Mehr!“ und fuhr kantaper kantaper in den Himmel hinein.

Genügen.

Wir sind ein Volk geworden, das wie der kleine Häwelmann immer: „Mehr!“ schreit.

Lass dir meine Zuneigung genug sein.

 

Ganz schön wenig, wenn man leidet! Schmerzen erträgt, Misshandlungen, Hinfälligkeit. Paulus quält etwas, das muss sehr stark sein. Was es ist, darüber gibt es allerhand Spekulationen. Entscheidend ist: er empfindet Schmerzen, Leid. Das ist für ihn wie eine Strafe: „Faustschläge des Teufels“ sagt er dazu, „damit er nicht überheblich“ werde.

Wie schnell legt sich auf die Empfindung Schmerz der Gedanke: Leid tut weh, ist böse. Warum ist es böse? Was ist da böse zu mir? Oder bin ich böse? Ah, da geht der Gedanke weiter: Wenn ich böse gewesen sein kann, dann ist mein Leid eine Strafe. Und ganz schnell gibt es eine Brücke über den Abgrund Schmerz, die heißt: Leid ist böse, ist Strafe und ich bin selbst schuld. Das Gute an diesem Schuld-Gedanken ist nämlich, dass man sich dann nicht mehr so ohnmächtig fühlen muss. Irgendwas wird man schon getan haben… hat jede und jeder von uns getan … war nicht so in Ordnung ….

 

Mit derartigen Gedanken reißen wir uns gerne rein in den nächsten Abgrund. Und Paulus bewegt sich mit diesen Gedanken haarscharf auf der Kante dorthin. Auf der Kante zur Depression.

 

Aaaaber, er schafft die Kurve.

Von irgendwoher, von außen und innen zugleich, von dorther, wo Nicht-Ich ist, spürt er die Nachricht in sich aufsteigen:

„Lass dir meine Zuneigung genug sein.

Gerade in den Schwachen lebt meine volle Kraft!“

 

Es ist, wie wenn er seinen Blick um 180° wenden würde:

Ich sage Ja zu meiner Hinfälligkeit, meinen Schmerzen, meinem Kummer, meiner Not.

Ich sage Ja und sehe hin.

Ich bin nicht so eine hervorragende Figur, wie ich es gerne wäre. Ich lebe. Und ich habe meine Qualitäten, von ihnen spricht Paulus auch in den Sätzen, die nach unserem Text kommen, aber es gibt einfach Vieles bei mir, an mir und in mir, das ist schwach. Ich sage ja dazu. Ja, so ist es. Ich finde das auch nicht schön. Aber es ist so. Und es ist sowohl als auch da, das Angenehme und das Unangenehme. Kein: „Entweder – oder“.

Pls schreibt: „Ich sage ja zu den Krankheiten, den Misshandlungen, den Notlagen, den Verfolgungen und Ängsten, da es für den Messias geschieht. Denn wenn ich schwach bin, habe ich Kraft.“

 

Hier gilt es nicht, eine Loosermentalität zu kultivieren. Hier geht es um die größte Kraft, die es in uns Menschen gibt: die Kraft des Liebens und der Hingabe an das Lieben.

Im Blick auf den Jesus, der geliebt hat, der an nichts festgehalten hat, der sich gelassen hat und selbst in seinem Prozess nicht Recht haben wollte, kann auch ein Paulus von sich selbst ablassen und spüren: Gerade da, wo ich am schwächsten bin, bin ich am stärksten. Nämlich dort in mir, wo ich liebe.

Und das wirkt von allein nach draußen.

 

Die Korinther sind eine kunterbunte Gemeinde, bei der man eigentlich nicht von Gemeinschaft sprechen kann. Sie sind so unterschiedlich, sowohl in ihren Überzeugungen als auch in ihren Handlungen, dass es für Paulus kaum auszuhalten ist.

Er möchte es allen recht machen, das ist unmöglich.

Er versucht es immer wieder, es ist noch immer unmöglich.

Er findet sich selbst eigentlich gut, spürt aber den Gegenwind der Kritik, möchte sich biegen und zerbricht fast daran. Das tut ihm weh.

Dank der inneren Weite, die er gewonnen hat, schafft er den Perspektivwechsel und erkennt seinen wunden Punkt, erkennt den Ort seiner Schmerzen, seines Leides. Er sieht hin, hält aus, was er sieht, sagt Ja dazu – und es passiert eine eigentümliche Verwandlung:

Gerade in den Schwachen lebt Gottes volle Kraft.

Er erlebt die volle Kraft Gottes.

Er erlebt sie als Zuneigung, Zuwendung, als Liebe – oder eben mit dem alten mächtigen Wort gesagt, er erlebt Gnade.

Seine Kraft fließt wieder.

So, wie Paulus gestrickt ist, kann er nichts anderes tun als es aufschreiben, es weitersagen. Gut, das handelt ihm einerseits Ärger ein. Andererseits bekommen wir Anteil an etwas, das ist, würden wir das von uns selbst öffentlich machen, eher mit Scham besetzt. Wer gibt schon gerne zu, was, wie und wo seine Schwächen sind? Es besteht die Gefahr, dass andere schamlos darauf herumtrampeln. Allzumal in unserer Kultur.

 

Wäre es hier nicht höchste Zeit für eine Konversion? Für eine Wandlung, eine Veränderung um 180°, für eine Buße, wie sie z.B. am Anfang des Markus-Evangeliums steht im Zusammenhang mit der Taufe Jesu: Kehrt um und tut Buße! ?

 

Denn wir haben den Gott der Stärke und Allmacht in den Kirchen jahrhundertelang angebetet.

Und es gilt bei diesem Götzen das Recht des Stärkeren.

Wir haben gesellschaftlich den Gott des Geldes als der eigentlichen Macht angebetet. Nietzsche hat diese beiden Götzen auch als Bewohner der Kirchen überführt und damit ausgesprochen, was lange als Missbrauch in den heiligsten Räumen gewohnt hat: Das zarte Wort von der Liebe zum zerbrechlichen Leben wird zum Machtwort von der Herrschaft über das Leben anderer Menschen. Bis heute, nur bis gestern hoffentlich.

Denn heute ist ein neues Jahr.

Heute kann es anders weitergehen. Heute muss es nicht so bleiben, wie es war.

Doch das setzt voraus, dass auf dieser Insel des heutigen Tages ein Leuchtturm entsteht, der aufmerksam und hell dorthin strahlt, wo es sonst dunkel ist. Dorthin, wo unser eigener Schmerz wohnt, dorthin, wo Leid ist.

Der Kraftstoff für diesen Leuchtturm ist das Lieben, mit dem wir zu jeder Art von Leben ja sagen. Und aus dem Handlungen erwachsen, die vom Lieben gespeist werden. Schon das liebevolle Hinsehen ändert etwas, bewirkt eine Konversion. Handeln, das keine kalte Moral bleiben kann, ist dann Folge des Liebens. Folge der Liebe zum Leben.

Dieses Leben ist schwach und zerbrechlich.

Es ist angefochten: „Wer braucht mich schon?“

Es ist endlich, ob mit Krankheiten oder ohne.

Es ist wunderschön. Und tieftraurig zugleich. Und trotzdem lebenswert als einmalige Chance, jeder Tag ein Geschenk.

Leben ist schwach und stark zugleich.

Es ist hell und dunkel zugleich.

Eine unglaubliche Fülle tut sich auf für die oder den, der hinsieht mit dem Blick des Leuchtturmes: einmal rundum, 360°. In dieser zugemuteten Fülle steckt „Gottes Zuneigung“, für die das Wort Größe oder Macht nur ungenügende und missbräuchliche Wörter sind. Doch wir haben keine anderen Worte als diese. Außer vielleicht dem in die Verbannung geschickten Wort Gnade?

Auch im neuen Jahr werden wir also die Mühe nicht los, uns immer wieder wachsam zu fragen, ob wir da nicht doch wieder einem Götzen dienen, der uns Stärke vorgaukelt, wo es keine gibt.

„Lass dir meine Zuneigung genug sein. Gerade in den Schwachen lebt meine Kraft.“ 2.Kor 12,9  Amen.

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Predigt über Klagelieder 3, 22-26, 31-32

vom Sonntag, dem 09.10.2011 

 

Liebe Gemeinde!

 

Es ist Herbst. Die Zeit des Vergehens, Zeit, in der Vergänglichkeit allenthalben zu sehen und zu spüren ist. Ein letztes Aufbäumen am vergangenen Wochenende mit Spätsommerwetter, so sommerlich war es hier im letzten Sommer nur selten. Doch den ersten Herbststurm hatten wir, es ist nicht zu leugnen.

Auch in dem neuen Gemeindebrief können sie lesen, das Thema Tod und Sterben ist nahe. Vor beidem haben wir Angst. Vor dem Sterben aber wohl am allermeisten. Denn, das ahnen wir und meinen es zu wissen, es hat mit Schmerzen zu tun, mit Leid.

 

Wohl deshalb wurde dem heutigen Sonntag ein Text aus den Klageliedern zugeordnet, aus dem Zusammenhang geschnittene Verse des 3. Kapitels.

Ein Wort vorweg zu den Klageliedern.

Sie sind entstanden nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels in der Zeit nach 500 v.Chr. Mit ihrer ungeheuer ausdrucksstarken Kraft haben die Christen sie dem Propheten Jeremia zugeordnet, denn auch er litt lautstark, vernehmbar, bis heute schriftlich vernehmbar:

Gott hat einen Elenden in den Staub gestoßen, er muss leiden, er schreit um Hilfe und hat nicht das Gefühl, dass da wer wäre, die oder der sich kümmerte. Ausdruck größten Leidens, laute sprachgewaltige Klage.

Und zwischen diesen vielfältigen Klagen, Klagebildern, befinden sich Worte einer Gewissheit, die irgendwoher aus einem Untergrund zu kommen scheint, der nicht erkennbar ist: Gott hört nicht auf sich zu erbarmen. Erbarmt sich aufs Neue, Morgen für Morgen.

Wie ein Hiob im Staub, so mutet der an, dessen Worte hier aufgeschrieben wurden, wie einer der verzweifelt ist, fast hoffnungslos und der den berühmt gewordenen Satz zum Klingen bringt: „Ich kann nicht tiefer fallen als in Gottes Hand.“

Auch wenn die Sprache dieser Verse uns im heutigen Deutsch befremdlich klingt, sei doch gesagt, dass die Worte im Hebräischen kunstvoll gedichtet sind. Man nennt es Akrostichon: Die Verse beginnen jeweils mit einem folgenden der 22 Buchstaben des Alphabetes. Unsägliches Leid erfährt eine feste Form, die hält und trägt.

 

Noch einmal diese Worte, eben schon gelesen Klagelieder 3, 22-26. 31-32 (Übersetzung Bibel in gerechter Sprache):

 

Nicht zu Ende ist Adonaj damit, sich freundlich zu erweisen, hat ja nicht aufgehört sich zu erbarmen,

tut’s auf’s neue Morgen für Morgen. Wie ist deine Treue so groß!

„Adonaj gehört zu mir“, spricht meine Kehle, „deshalb harre ich aus.“

Wohl denen, die auf Adonaj hoffen, der Kehle, die danach fragt.

Gut ist’s, still zu harren auf die Hilfe Adonajs.

-

Nicht auf immer verstößt mein Gott,

stößt zwar in Kummer, erbarmt sich jedoch voll freundlicher Güte.

 

 

Zu einigen befremdlichen Wörtern:

 

Adonaj: Wenn im hebräischen Text das Tetragramm stand, war es vokalisiert als Adonaj. „Mein Herr“ hieße das ins Deutsche übersetzt, eine Ehrenanrede für jemanden höher Stehendes. Ins Deutsche übertragen wurde es von Luther und seinen Nachfolgern schlicht als „Herr“ übersetzt. Gemeint als Ehrenanrede führte dieser Titel zur Verfestigung der Vorstellung Gottes als Mann, zur Gleichschaltung des Göttlichen mit dem Männlichen. In dieser Übersetzung ist das hebräische Wort beibehalten worden, erklingt fremdartig anmutend und bewirkt damit bei uns, dass das Göttliche weit weg zu sein scheint, spiegelt die Erfahrung die Getrenntseins zwischen Gott und Mensch.

 

Wohl der Kehle, die nach Gott fragt, ruft, schreit – das hebräische Wort ist näfäsch. Und es hat mehrere Übersetzungen: Seele, Kehle, Blut.

Wir können davon ausgehen, dass Körper und Seele, Bauch und Kopf in diesem Wort nicht getrennt sind sd. vereint, verbunden. Blut, der Saft des Lebens, der fließen muss, sonst gibt es kein Leben. Atem fließt durch die Kehle, es geht nicht anders. Was die Kehle zuschnürt bedroht das Leben. Zuguterletzt ist die Kehle der Ort, durch den die Töne kommen, die unsere Lebendigkeit vernehmbar machen, Kommunikation, reden, singen, Stimme. Feines Vibrieren und Artikulieren verbindet uns miteinander.

Also: Hier mein Körper, da dein Körper – in jeder und jedem von uns ist alles mit allem verbunden, wir alle miteinander sind verbunden durch die Luft, die eine Luft, die wir alle durch unsere Kehlen atmen. Durch das, was unsere Stimmen zu Gehör und Klang bringen.

Näfäsch, ein Seelenwort.

 

Nun zum Text.

„Adonaj gehört zu mir, deshalb harre ich aus“, spricht meine Kehle.

Tiefes Leid kann in tiefe Verzweiflung führen – oder eben auch ausharren lassen. Ausharren, aushalten, ertragen – Tillich, ein großer Theologe des vergangenen Jahrhunderts prägte den Begriff: Hineingehalten in das Nichts.

Ich glaube, es ist sehr schwer, tiefes Leid auszuhalten, zu ertragen ohne dass es eine Perspektive für die Hoffnung gäbe. „Hinabgestiegen in das Reich des Todes“, heißt es im Glaubensbekenntnis, wissen wir eigentlich, was wir da sagen?

Wo ist da der Glaubensanker?

Es gibt und gab Menschen, die „ausharren“ müssen. Ausharren im Nichts, in Schmerzen, in Verletzungen, in Todesnähe. Ich denke an die Geschichten, die ich aus der Shoa gehört habe. Und an andere Geschichten, fürchterliche Geschichten von Gewalt, die Menschen Menschen angetan haben. Wo eine oder einer in seinem Intimsten verletzt ist, kann auch das Vertrauen in den Abgrund fallen.

 

Carola Mossbach dichtet dazu:

 

Lebendig verwundet

 

Gebrochenen Auges

sehe ich manches schärfer und tiefer

ins Dunkle

zerschlagenen Herzens

fühle ich über den Rand

meiner Trauer hinaus

aufrecht gehe ich auf wunden Füßen

mit Gottes Stärke im Rücken

die Seele blutet

aber nicht mehr zum Tod hin

die Schmerzen sprechen

mich in die Welt

zerbrochen

hat er mich nicht

aus dieser Wunde fließt

auch

Leben

(aus Himmelsspuren S. 123)

 

„Gut ist’s, still zu harren auf die Hilfe Gottes / Adonajs.“

Wo Leid spürbar wird, besteht die Tendenz zu fliehen. Weg, nur weg hier! Den Schmerz übertönen, überspielen, beiseite schieben.

Still harren, stille werden, innen und außen, sich hinhalten – so wie man sich hier dem Wind hinhalten kann, dann passiert noch immer sehr viel. Nein, ganz „einfach“ mal nichts tun, geschehen lassen. Was meinen Sie, was da los ist, wenn man mal nichts tut! Für viele ist das schier unerträglich. Das Wunder, das da passieren kann, ist, dass alles Mögliche und Unmögliche sich sehr laut bemerkbar macht  aber nicht bleibt. Es zieht weiter, es verändert sich. Still ausharren als körperliche Erfahrung kann dahin führen, dass Tränen fließen und versiegen. Dass aus der fürchterlichen Leere eine lebendige Weite wird. (Hier habe ich frei von der Stelle auf dem Kniepsand gesprochen, die man als fürchterliche Leere oder auch unermesslich reiche Weite empfinden kann. Und beides ist wahr, existiert miteinander.) Hier spricht Erfahrungstheologie und nicht Dogmatik.

 

Nicht auf immer verstößt mein Gott,

stößt zwar in Kummer, erbarmt sich jedoch voll freundlicher Güte.

Hier ist eine Theologie angesprochen, die die Generation vor mir mal Mülleimer-Theologie genannt hat. Erst den armen Menschen in den Mülleimer treten und ihn dann mit der Gnade wieder rausholen. Ich glaube, diese Theologie ist jahrhundertelang getrieben worden, ohne dass aufgearbeitet wurde, was wir Theologen da verbrochen haben. Ihr Strickmuster geht ganz einfach:

Wenn es dir schlecht geht, ist das bestimmt eine Strafe für etwas. Du hast Krebs? Lungenkrebs? Ha, das kommt vom Rauchen.

Du Hast Brustkrebs? Ha, du hast ein Problem mit deinem Muttersein. Mütter sind sowieso an allem schuld.

Du hast ein Problem mit der Haut? Na, bestimmt Kontaktschwierigkeiten … usw., was dergleichen Plattitüden noch mehr sind.

Oder: jemandem werden Kind, Frau, Eltern oder andere nahe Menschen genommen, er oder sie ist in tiefer Trauer gefangen und fragt sich: Womit habe ich das verdient?

Leid wird oft als Strafe gedacht. Gedacht. Also bewertet. Und Bewerten hilft beim Leiden nicht. Denken auch nicht.

Leiden ist Erfahrung, es ist kein Akt des Denkens.

Wir bringen Leiden und Gott miteinander in Verbindung.

Dabei geht es um den inneren Ort an dem wir leiden: Seele, Kehle, näfäsch, Blut bzw. Herz – oder wie auch immer man diesen inneren Bereich nennen möchte. Meister Eckart nannte ihn Seelefünklein. Es ist der Ort, an dem wir am tiefsten verletzlich, empfindlich, empfänglich sind. Dort sind wir gleichzeitig so schwach wie ein neugeborenes Kind und stark wie eine weise Alte oder ein weiser Alter. Dort wohnt unsere Liebe und unsere Fähigkeit zum Leid.

 

Wer Leid vermeiden will, vermeidet auch das Lieben.

Und dort wartet dann der Tod, der Beziehungstod. Dann kann das Verbundensein nicht mehr gespürt werden: es kommt kein Ton mehr aus der Kehle.

 

Was da mit uns geschieht, ist nichts, was wir steuern könnten. Wir können nur eines tun: uns hinhalten. Stille werden. Und wach sein dabei: hinsehen, hinhören, wahrnehmen und annehmen und ziehen lassen, auch vergeben ist ziehen lassen.

 

Ein uraltes Bild ist es zu sagen: Was da geschieht, macht Gott. Gott ist im Werden, Gott ist im Vergehen. Was da geschieht ist ohne Wenn – dann und ohne Warum. Es ist auch ohne wozu. Es geschieht einfach, Kummer und Leiden gehören zum Leben dazu. Auch im Leiden ist Gott.

Erbarmen und freundliche Güte zu erfahren, aus der Enge in die Weite geleitet zu werden, darin ist Gott.

Und das kann nirgendwo anders geschehen als in der Seele, in dem einzelnen Menschen.

 

Hier in diesem Textabschnitt geht es um den Einzelnen, die Einzelne. In den anderen Kapiteln des Buches der Klagelieder geht um die Gemeinschaft, um die Tochter Zion, wie das Volk Gottes genannt wird. Ausgehend von diesem Kern, den jeder und jede einzeln in sich trägt kann sich dieses Geschehen ausbreiten zu einem großen Frieden der Verbundenheit aller mit allen. Amen.

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Predigt über Genesis 3, 23-24

vom Engelsonntag, dem 25.09.2011 

 

Liebe Gemeinde!

 

Heute am Michaelissonntag, dem Sonntag nach Herbstanfang, dem Sonntag vor Erntedank, soll es

um Engel gehen.

 

Engel, was sind das eigentlich? In der protestantischen Theologie haben sie fast keinen Platz. In der Volksfrömmigkeit umso mehr. Wäre Weihnachten ohne Engel denkbar?

 

1. Die Entstehungsgeschichte der Engel ist ein Zusammentun von Gen 6 und der Legende: Die Gottessöhne (die männlichen Engel) stiegen auf die Erde herab und vermählten sich mit den Menschentöchtern. Die daraus geborenen Kinder seien Engel gewesen. Einer von ihnen nahm himmlisches Licht mit auf die Erde und wollte sich dort zum Chef machen: Luzifer, der Lichtbringer. Dafür wurde er vom Himmel ausgestoßen und musste künftig auf der Erde und unter der Erde bleiben und wurde zur Figur des Teufels, des Satans.

Dass passiert, wenn man oben und unten, hell und dunkel, gut und böse so bewertet, dass das eine das andere ausschließt. Dann braucht es Mittler. Und das sind die Engel.

 

2. Wir brauchen die Engel oft dann am meisten, wenn wir uns der Zerbrechlichkeit des Lebens bewusst werden. Wenn wir merken und erfahren, dass wir nicht alles machen können. Oder sogar, dass wir gar nichts machen können. „Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen …“ Wie viele Kinder haben diesen Taufspruch von ihren Eltern bekommen. „Wir wollen ja nicht Gott damit belästigen, sich um unser Kind zu kümmern. Er kann bestimmt nicht auf alle aufpassen. Aber einen Engel, den brauchen wir!“ Dahinter steckt noch das neuplatonische Gottes- und Weltbild, in dem der Himmel und die Erde wie eine Hierarchie sind: oben, an der Spitze thront Gott, der unbewegte Beweger, je tiefer die Chargen kommen, desto mehr Bewegung und Verstrickung gibt es.

Wie auch immer wir uns das erklären mögen, es gibt die Erfahrung von Engel-Präsenz. Es gibt die Erfahrung, dass da etwas zwischen Himmel und Erde ist, das ganz selbstständig handelt und in liebevoller Weise mit jeder und jedem von uns verbunden ist.

 

Der Engel in dir

 

Der Engel in dir

freut sich über dein

Licht

 

weint über deine Finsternis

 

Aus seinen Flügeln rauschen

Liebesworte

Gedichte Liebkosungen

 

Er bewacht

deinen Weg

 

Lenk deinen Schritt

engelwärts

 

Rose Ausländer

 

3. Wir brauchen Engel! Engel brauchen wir an den Stellen, wo wir unserer Angst vor dem Tod begegnen.

 

3.1. Ich erinnere eindrucksvolle Bilder von Chagall oder von Hieronymus Bosch, die ihrer Phantasie freien Lauf gelassen haben. Auch Phantasie schöpft aus einem großen Meer, das zu uns gehört und das wir gerne verdrängen. Weil es eben Angst macht.

Kinder sind oft noch näher an diesen Gefilden. Ich las von 4-6-Jährigen, die schwebende Menschen malten und entsprechende Geschichten dazu erzählten, ohne dass irgendwer sie vorher damit beschäftigt hätte. Es ist schon viel in uns drin. Und es kommt viel hinzu im Laufe des Lebens.

 

3.2. Menschen, die Nahtod-Erfahrungen gemacht haben, berichten von Lichtwesen, die zu ihnen gesprochen hätten. Dieser Bereich wird häufig von okkult veranlagten Menschen zitiert, bei denen ich das Problem sehe, dass sie sich interessant oder gar mächtig machen möchten damit. Aber das ist noch kein Grund, diesen Bereich aus dem Leben auszuschließen.

 

3.3. Engel als Mittler zwischen Himmel und Erde, Engel als Mittler zwischen Leben und Tod – ihre Aufgabe ist es, die Angst zu nehmen. Ihre Aufgabe ist es Mut zu machen. Ihre Aufgabe ist es, durch die Angst hindurch zu begleiten.

Eine Engelgeschichte dafür ist die Geschichte vom Erzengel Michael. Sie hat nur wenig Anknüpfungspunkte in der Bibel. In der Apokalypse des Johannes wird er kurz genannt, den Rest überliefert die Tradition, v.a. die der Legenda aurea. Unzählige Legenden ranken sich um diesen obersten (Erz) – Engel.

Michaels große Tat ist es, mit dem alten Drachen, dem Luzifer, gekämpft zu haben und ihn besiegt zu haben. Fortan ist er derjenige, der die Seelen der Verstorbenen im Himmel wiegt und ins Paradies führt. Über wie vielen Kirchenportalen ist seine Gestalt abgebildet!

 

3.4. Aus unserer heutigen Sicht gehören diese Geschichten ins Mittelalter. Doch wir brauchen sie. Manche Menschen mögen vielleicht sagen: Das brauche ich nur in einer schwachen Stunde. Aber die Kinder zeigen es uns, ihr unbedarfter Zugang ist selbstverständlich. Und so verstecken sie sich in Büchern wie z.B. bei Michael Ende: Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivfahrer. Die beiden besiegen den Drachen Frau Malzahn. Weil sie sie nicht töten, kann sie zum goldenen Drachen der Weisheit werden. Oder der Drachenreiter von Cornelia Funke. Oder … es gibt bestimmt noch mehr Bücher und Geschichten, die einigen von Ihnen einfallen. Ob die Kuschel-Drachen der Spielzeugindustrie die gefährlichen Schattenseiten dessen einschließen, was Drachen symbolisieren, das bezweifle ich.

 

4. Engel sind gestaltgewordener Ausdruck für lebendige, liebevolle Vermittlung zwischen den Welten.

Wir hängen mit unserem Denken und Fühlen oft in dieser einen Wirklichkeit fest, die so irdisch, so materiell ist. „Ich glaube nur an das, was ich sehen kann!“ ist einer der Kernsätze dieser Lebensweise. Für viele, für sehr viele Menschen ist daraus der Glaube an Geld geworden.

4.1. Wenn es um Begriffe wie Glück geht oder Leid, Angst vorm Tod oder Gerechtigkeit, dann plötzlich merken wir, wie sehr wir auch die andere Wirklichkeit / andere Wirklichkeiten brauchen. Wir kennen uns damit nicht so gut aus, haben vielleicht sogar Angst. Denn hier haben wir keine Kontrolle, keine Macht mehr.

Einer der Schritte des Zähmens dieses Drachens der Angst könnte sein zu sagen: Ja, ich habe Angst. Und ich schaue hin: Wie sieht sie aus? Wie fühlt sie sich an? Lässt sie sich erforschen? Das kann ein qualvolles Versteckspiel geben, der Drache Angst lauert. Wenn man ihm in die Augen schaut, kann man erleben, dass die Angst weicht und ein Tor sich öffnet, sich etwas Neues auftut. Das ist ein Geschenk.

Alle diese Geschichten sind Mutmach-Geschichten für die, die das noch nicht erleben durften: Sie mutig, schau hin! Dafür braucht es einen Engel, der den Rücken stärkt. Hieronymus Bosch hat es so gemalt.

 

4.2. Erkennbar wird: Es gibt noch mehr zwischen Himmel und Erde als nur Luft und Astronomie. Wenn ich mich dem zuwende, kann es gefährlich werden. Ich begegne meiner Angst. Der Angst vor dem Fremden, dem Unbekannten. Und zugleich meiner Liebe, meiner Sehnsucht, „dem, was mich unbedingt angeht“, würde Paul Tillich sagen.

„Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein“, dichtet Rudolf Otto Wiemer und nimmt die kleine Tat des Aufrichtens und Stärkens als ein Hineinragen in das Himmelreich. Die Engel vermitteln den Weg dorthin, zeigen ihn sozusagen, machen vor, wie es geht – und wie das Handeln der Engel aussieht: wohl tun, stärken, aufrichten – oder auch Nein sagen. Wie bei dem Engel, der Abraham in den Weg trat, als er sein Kind opfern wollte, den Isaak.

 

4.3. Cherubim bewachen den Baum des Lebens, der mitten im Paradies, im Garten Eden wächst. Denn, so wird es in der Bibel erklärt: der Mensch, die Menschen sollen nicht nach dem Baum des Lebens greifen. Im Kino gab es vor einiger Zeit den Film Avatar. In ihm wird, so sah ich es, anschaulich gezeigt, was mit dem Baum des Lebens gemeint ist. Bei aller Gewalt, die in diesem Film leider auch gezeigt wird, zeigt dieser Baum die strömende Kraft der Liebe, die das ganze Leben erfüllt und alle mit allem verbindet, Himmel und Erde.

An der Grenze des Paradieses gibt es die Cherubim und die Flamme des zuckenden Schwertes, so heißt es in Gen 3.

Für mich ist das symbolischer Ausdruck dafür, dass es wirklich gefährlich ist, das Paradies betreten zu wollen. Es haben zu wollen. Engel zeigen den Weg. Ebenso berühren sie auch mit dem flammenden Schwert.

Uns bleiben diese Berührungen nicht erspart. Dafür brauchen wir einen imaginierten Weltenherrscher auf seinem höchsten Thron nicht verantwortlich zu machen. In meinen Augen ist er ein Produkt der Phantasie. Eher schon kann es heißen, der Spur des Liebens zu folgen, die den Schmerz leider einschließt, und auf das Geführt-Werden zu vertrauen.

 

4.4. In dem Weihnachtslied: Lobt Gott, ihr Christen, alle gleich … heißt es in der letzten Strophe: Heut schließt er wieder auf die Tür zum schönen Paradies, der Cherub steht nicht mehr dafür, Gott sei Lob, Ehr und Preis!

Dieses Lied wird zur Geburt des Jesus-Kindes gesungen. In dem Geborensein ist der Tod mit in die Welt gekommen. Das Paradies steht erst dann offen, wenn das Geheimnis von Leben und Tod, von Liebe und Schmerz erkannt, erlebt, begriffen wird. Dafür ist Jesus als der Christus, als der Auferstandene unser Bild, unser Glaubensbild. Amen.

 

Ich habe sehr viele Anregungen aus dem Buch von Ellen Stubbe gewonnen: Die Wirklichkeit der Engel in Literatur, Kunst und Religion, 1995

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Predigt über Matthäus 5, 21-26 

vom Israelsonntag, dem 28.08.2011  

 

Liebe Gemeinde!

 

Der 10.Sonntag nach Trinitatis ist in unserem Kalender der Israelsonntag. Das liegt ungefähr in der Nähe des 9.Aw, der nach dem jüdischen Kalender der Tag ist, an dem 67 n.Chr. der Tempel in Jerusalem geschändet, entweiht und zerstört wurde.

In unserer christlichen Tradition hat er keine ganz einfache Geschichte. Als sog. Judensonntag war er der Tag, an dem die Juden besonders verfolgt wurden, mit der schlichten Begründung, sie hätten unserer Herrn Jesus umgebracht. Dass Jesus auch ein Jude war, kam niemandem in den Sinn.

Der Tempel wurde zerstört. Es gab einige Synagogen in der damals bekannten Welt, der Tempel aber war das zentrale Heiligtum. Der Hügel Zion, auf dem im übertragenen Sinne der Schemel für die Füße Gottes gedacht wurde, war ein heiliger Berg. Ein Hügel wie viele andere und doch vorgestellt und gedacht als das Zentrum der Welt.

Die Besatzungsmacht, damals waren es die Römer, hatten den Tempel geschliffen. Sie hatten zerstört, was heilig war, symbolisch als heilig gesehen wurde, denn Gott ist unsichtbar. Aber wir brauchen etwas zum Anfassen. Etwas, woran wir uns halten können. Wer einen Tempel zerstört, vernichtet etwas Heiliges, etwas, was heil sein und heil machen soll. Was eine Vergewaltigung für einen einzelnen Menschen ist, das ist die Zerstörung eines Tempels für ein Volk. Da wird mutwillig, also absichtsvoll in das Intimste der Seele vorgedrungen und es wird zerstört, was sichtbar ist, was fühlbar ist. Ob es nun die Person eines Einzelnen ist oder die Individualität eines Volkes. Diese Art Gewalt zielt auf die Vernichtung des Lebens.

Von diesem zerstörten Tempel ist bis heute nur noch die Klagemauer übrig. Der Ort ist bis heute als ein heiliger heiß umstritten: Juden, Christen und Muslime leben dort ihre Religionen in einem labilen Gleichgewicht, bis heute.

 

Die Gewalt, die dem Tempel und damit den Juden angetan wurde, wurde über die Jahrhunderte transportiert. Unendlich viel Leid wurde angerichtet, Ein Vernichtungsfeldzug gegen die Juden war im vergangenen Jahrhundert der traurige Tiefpunkt einer Überzeugung, die heute auf dem Prüfstand steht.

Ob diese Überzeugung als christliche zu identifizieren ist?

Ich glaube, es gibt bis heute Menschen, die sich als Christen identifizieren und glauben, es sei recht und billig, den anderen zu vernichten, wenn er nicht seine Überzeugung teilt –

 

Am heutigen Sonntag möchte ich das auf den Prüfstand stellen.

 

Ich habe mich leiten lassen von den Gedanken des Peter von der Osten-Sacken, der in der Arbeitshilfe von Aktion Sühnezeichen einen sehr umfassenden hervorragenden Text zu den Antithesen der Bergpredigt geschrieben hat.

 

Doch zuvor möchte ich auf ein Wort eingehen, das immer wieder vorkommt, auch in unserem Psalm ist es wieder da: Das hebräische Wort Tora, das so schwer übersetzbar ist und hier mit Weisung übersetzt wird.

 

Tora leitet sich von dem Verb jrh ab, das lehren, unterweisen und zeigen heißt. Dieses Wort gehört nicht in die Sphäre des Rechtes, sd. in die ethischer Unterweisung, Instruktion.

Im AT wird Tora im Zusammenhang mit Gottesbefragung gebraucht: Propheten, Priester und Weisheitslehrer vermitteln das, was sie als göttliche Weisung erhalten haben an das Volk. Tora ist das, was diese Personen von Gott verstanden und begriffen haben, wobei Intellekt und Erfahrung zusammen gehen.

In der Mose-Gestalt kommt der Aspekt des Rechtes hinzu: die 10 Gebote als Weisungen sind Maßstab für ein Urteil.

Aus christlicher Sicht ist dieser Maßstab Recht bezeichnet worden, in der Polarisierung von Gesetz und Evangelium ist viel darüber geschrieben worden.

Das wird dem Bedeutungszusammenhang des wWortes Tora nicht gerecht. Die Tora ist göttliche Weisung, die in die Praxis, also in den Erfahrungsraum des Menschen, des Lebens gehört und deren Quelle das Herz ist. In das Herz aus Fleisch, das das Herz aus Stein erweicht.

Bei Mt heißt es in der Bergpredigt: Jesus sei gekommen, die Tora zu erfüllen (Mt 5,17). Das bedeutet nicht, dass sie von nun an abgelöst wäre, sd. das bedeutet, dass sie aktuell ins Heute gholt wird und damit neu angesagt wird. Denn sie muss immer wieder neu gelernt werden.

 

Und jetzt zu den Antithesen aus der Bergpredigt.

Sie stehen nicht am Anfang der Bergpredigt, ihnen vorausgegangen sind Seligpreisungen, die so klingen wie im Psalm 1: Selig oder Glücklich ist der Mann, die Frau, die …

Selig oder glücklich, es geht um die Erfahrung des Reiches Gottes, um das erfüllte, das erlöste Leben, das im Sinne Gottes geführt werden kann – soll .- wird.

 

21 Ihr habt gehört, dass Gott zu früheren Generationen sprach: Du sollst

nicht töten. Wer aber tötet, wird vor Gericht als schuldig gelten. 22 Ich lege

euch das heute so aus: Die das Leben ihrer Geschwister im Zorn beschädigen,

werden vor Gericht als schuldig gelten. Und die ihre Geschwister durch

Herabwürdigung beschädigen, werden in der Ratsversammlung als schuldig

gelten. Und wer ihnen das Lebensrecht abspricht, wird im Gottesgericht als

schuldig gelten. 23Wenn du also im Begriff bist, deine Gabe auf dem Altar

darzubringen und dich dort erinnerst, dass eines deiner Geschwister etwas

gegen dich hat, 24 so lass dein Opfer dort vor dem Altar und geh’, vertrage

dich erst mit deinem Bruder oder deiner Schwester, und dann magst du

kommen und dein Opfer darbringen. 25 Einige dich schnell mit Menschen,

die dich vor Gericht bringen wollen, solange du noch mit ihnen auf dem

Weg bist, damit sie dich nicht aburteilen lassen und du dem Gerichtsdiener

übergeben wirst und ins Gefängnis musst. 26 *Wahrhaftig, ich sage dir, du

wirst von dort nicht freikommen, ehe du nicht den letzten Rest deiner

Schulden bezahlt hast.

 

Antithesen heißen diese Sätze, weil sie die These des Gebotes, z.B. „du sollst nicht töten“ in ein Gegenüber stellen, sozusagen eine Anti-Haltung einnehmen.

Im Grunde geht es jedoch um etwas Anderes: Da ist ein gebot, eine Regel, ein Maßstab. Dieser hat eine Oberfläche, die Fläche des Handelns. In der Wirklichkeit, von der in der Bergpredigt gesprochen wird, geht es um das, was dahinter liegt: um die Überzeugung, den Glauben, das, was das Herz wirklich bewegt.

Man kann böse auf jemanden sein. Aber man wird in seiner Wut durch das Gebot gebremst: nein, ich darf ihm jetzt nicht wehtun. Ich darf ihm nicht an sein Leben gehen.

Doch die innere Grundhaltung bleibt.

Wovon in dieser Predigt die Rede ist, die an die gerichtet ist, die erleben möchten, was das Reich Gottes ist, das ist die tiefe innere Veränderung, die mit einem Glaubenden stattfinden soll, in einem Seligen stattgefunden haben soll, die dafür sorgt, dass keiner dem anderen an die Kehle geht.

Und wer ihnen das Lebensrecht abspricht, wird im Gottesgericht als

schuldig gelten.

 

Nehmen wir die Geschichte des Nationalsozialismus, die Geschichte des Antijudaismus: Juden ist das Lebensrecht abgesprochen worden. Ca. sechs Millionen Juden wurden umgebracht, vernichtet.

Bis heute hat sich Europa davon nicht erholt. Es gibt Organisationen, die den Muslimen das Lebensrecht absprechen. Und einige ihrer Mitglieder nennen sich christlich, wie z.B. dieser Anders Brejvik, der in Norwegen zig Menschen gezielt umgebracht hat. Er hat nicht Muslime umgebracht, er hat im Grunde „Geschwister“ umgebracht. Sein Hass auf die, die ihm ähnlich sind und waren, war größer als der Hass auf die Feinde, auch das eine bemerkenswerte Tatsache im jahrtausendealten schlechten Verhältnis zwischen Juden und Christen.

 

Versteht man diese Verschärfung des Gebotes: „Du sollst nicht töten!“ als ein Gesetz, wird es zu einer bedrückenden Moral. Versteht man es als Einladung zu einer tieferen Arbeit am Herzen, an der inneren Einstellung, wird es zu einer Seelenarbeit, die es wagt, den unangenehmen Anteilen der Seele zu begegnen.

 

Ebenso die Anweisung, sich mit dem Bruder / der Schwester zu vertragen, bevor ich mich zu Gott wende „zum Altar gehe“.

Eine ausgesprochen gesetzliche Haltung ist im christlichen Zusammenhang daraus entstanden:

  1. du darfst nicht zum Abendmahl, wenn du dich nicht vorher mit all denen verträgst, mit denen du im Streit gelegen hast. Mit der liturgischen Sprache „Wahrhaft, würdig und recht, billig und heilsam ist’s …“ dürfte sich jeder ausgeschlossen fühlen, der irgendwo im Winkel seines Herzens noch einen Groll auf irgendjemanden spürt.

  2. In der liturgischen Gestaltung ist dies in den Händedruck als Friedensgruß vor dem Abendmahl eingeflossen. Das ist eine geradezu fundamentalistische, gesetzliche Auslegung dieses Textes.

Wenn ich mich Gott zuwende, öffne ich mein Herz, lasse zu, dass auch Unangenehmes, Peinliches, Schambesetztes sein darf. Wenn ich mich nach dem Reich Gottes sehne, ist meine Liebe angesprochen, in erfüllter und in unerfüllter Weise. Dann bin ich offen, schwach, verletzlich, dann bin ich im Kontakt mit mir selbst und mit dem, was ich zurzeit als Tiefstes empfinde. Dort, auf dem Grund meiner Seele, wohnt auch das, was ich am Anderen nicht leiden mag, weil ich es bei mir selbst nicht ertrage.

An diesem Ort widerspricht es sich, Gott zu lieben und die Menschen zu hassen.

 

Mit der Bergpredigt will der Jesus des Mt ins Reich Gottes einladen. Und das Reich Gottes ist nicht hier und nicht da, denn es ist, wie es in Lk 21,17 heißt: mitten unter uns.

Unser Verhältnis zu Gott und unser Verhältnis zu unseren Mitmenschen – es ist ein und dieselbe Haltung.

Erst wenn das Lebensrecht eines jeden Menschen geachtet wird, erst wenn die Heiligkeit des Lebens nicht nur für die gilt, die man liebt sondern auch für die, die man nicht lieben kann, erst dann betritt man die Schwelle, auf der das anfangen kann, was als „Reich Gottes“ bezeichnet wird.

In der Bergpredigt geht es nicht um die Verwirklichung von Idealen. Es geht um die Verwirklichung von Menschlichkeit, wie sie in Jesus vorgelebt wurde.

 

Mit der rhetorischen Einführung der Tora: „Es ist euch gesagt“ oder: „Den Alten wurde gesagt..“ – „ich aber sage euch“ geht es im Grunde nicht um eine Gegenüberstellung. Es geht um eine Vertiefung, eine Unterweisung für Fortgeschrittene, für Menschen, die sich auf dem Weg ihrer Sehnsucht und ihrer Liebe bewegen und Menschlichkeit verwirklichen möchten.

Das kann man und das darf man nicht gesetzlich verstehen, das ist eine Unterweisung. Und damit ist es im tieferen Sinne Tora. Herzensbildung.

 

Glücklich sind die, die Lust haben an der Weisung Gottes.

Sie werden sein wie Bäume, gepflanzt an Wasserläufen, die ihre Frucht bringen zu ihrer Zeit und ihre Blätter welken nicht.

 

War Jesus so einer? Ich denke: Ja!

 

Es täte unserer Welt gut, die Christen würden ihm darin nachfolgen. Auch die, die sich zumindest „noch“ christlich nennen. Vielleicht können sich sonst andere, die sich mal christlich nannten, sich so bald nicht mehr nennen.

 

Es bleibt die Frage, wie ein Mensch wie der Mörder Anders Brejvik unwidersprochen sich christlich nennen kann.

Und es bleibt die Frage, wie das weltweite Christentum, die christlichen Kirchen sich zur Gewalt verhalten. Diese Frage kann nur mit der Bergpredigt und nicht ohne sie beantwortet werden. Amen.

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Abendfeier vom 28.07.2011

 

Knapp eine Woche ist es her, da hallte ein Ruf um Erbarmen durch die Welt. In Oslo brachte ein einzelner Mann viele Menschen um. Unvermittelt, ohne, dass irgendwelche Zusammenhänge deutlich wurden, es gab keinen äußerlich erkennbaren Grund.

Mit einer Bombe zerstörte er Gebäude des Regierungssitzes der norwegischen Regierung. Mit einem Gewehr erschoss er gezielt junge Menschen, die sich mit Fröhlichkeit in einem Camp versammelt hatten.

Seine Gewalt platzte mitten in den Frieden hinein.

Erbarmen!

Entsetzen!

Furchtbar!

Das Leid der Hinterbliebenen können wir uns nur vorstellen, ermessen können wir es nicht. Das Leid derer, die für ihr Leben verletzt sind erst recht nicht. Erbarmen!

 

Kyrie eleison – das ist ein Ruf um Erbarmen. Herr, erbarme dich. Herr – das ist eine Majestät, Name für eine regierende Gestalt, Kyrie!, das klingt wie gesungene Ohnmacht im gegenüber zu einer größeren Macht. Die Mächte des Lebens empfinden sich als getrennt. Eine kleine Macht, die sich einer größeren Macht unterwirft. Mensch ruft Gott. Keine Verbindung. Falsch verbunden. Bitte wählen Sie eine andere Nummer.

 

Erbarmen.

Ein seltsames Wort, in der Alltagssprache kommt es nicht vor. Es gehört zur Kirchensprache, zu einer Sprache, die aus dem Alltag herausgesetzt ist. Erst wenn das Leid zu schlimm wird, taucht es auf in unserem Alltag: erbarmungslos habe er geschossen, gezielt Menschen umgebracht.

 

Barmen, es ist der Ausdruck dafür, dass das Herz Leid empfindet, Schmerzen ausdrückt. Der Schmerz der Liebe ist Trauer, die schwer auszuhalten ist. Leicht wendet sich dieser Schmerz um in Zorn, in Fragen nach dem Warum, wendet sich vom Herzen zum Kopf. Erbarmen ist Mitfühlen, den nicht-eigenen Schmerz in sich selbst empfinden. Erbarmen verbindet sich mit dem Herzen das anderen, der anderen.

 

Der Norwegische Regierungschef reagierte mit einer Geste der Verbundenheit, die die Trennung der Gesellschaft in friedliche und unfriedliche Menschen nicht zuließ: Wir bleiben eine offene Gesellschaft, wir wollen weiterhin einander vertrauen und in Frieden leben.

Aus meiner sicht stimmte das Volk ihm zu, als es sich am Montagabend zu einer riesigen friedensdemonstration versammelte, in der die Verbundenheit mit den Opfern und ihren Angehörigen ausgedrückt wurde.

 

Verbundenheit.

Auf einmal sind wir alle miteinander verbunden, fühlen einander sogar, wenn wir die Menschen, die dort leiden, gar nicht kennen. Erbarmen.

In Norwegen. Am Horn von Afrika. Die Bilder rücken nahe.

 

Wie kann Gott das zulassen? Tausende Menschen haben diese Frage gestellt, haben sich zergrübelt an ihr, sind an ihr zugrunde gegangen. Denn sie haben das Gefühl, ihr Ruf um Erbarmen bleibe ungehört.

 

Ich sage es anderes: in dem Ruf erklingt Gott. In dem Ruf ist die Kraft des Lebens, die auch im Leid sehr stark ist. In dem Ruf ist Gott gegenwärtig. Die Kraft der Liebe. Die Kraft der Verbundenheit.

 

Ein ganz besonderes Lied, das diesen Ruf um Erbarmen unterstützt ist das Lied: Gott ist gegenwärtig, das wir gleich auch singen werden, EG 165.

Gott ist gegenwärtig, Gott ist da. Immer schon da. Gott ist hier. Jetzt an diesem Ort. Und auch da, in Norwegen bei den Leuten die trauern. In Somalia, Kenis, Äthiopien.

 

Wir fühlen uns so oft getrennt von allem und allem, so selten verbunden mit allen und allem. Vielleicht kann man sagen, dass, wer sich unglücklich fühlt, sich auch getrennt fühlt. Ich bin anders als die anderen, keiner mag mich – undsoweiter. Und wer sich glücklich fühlt, sich mit allem und allen verbunden fühlt: „I love you all!“

 

Gerhard Tersteegen lebte in der Zeit des Barock und der Aufklärung, einer Zeit steiler dogmatischer Thesen, einer Zeit der Vernunftorientierung. Er wählte einen dritten Weg, einen fast verschütteten, den Weg der Mystik. Myein ist griechisch und heißt: die Augen schließen.

Tersteegen schreibt, von Gottes Gegenwart werden wir angerührt, wenn wir „Mund und alle Sinne stille halten“ und „alles, Äußere, insoweit es das Innere hindern möchte, drangeben, um dem inneren Zug und den Wirkungen des Geistes Gottes Raum zu lassen …“

Er dichtete in einer Weise, die den Menschen auf dem Weg nach innen begleitet, Str. 4:

Luft, die alles füllet, drin wir immer schweben, aller dinge Grund und Leben. Meer ohn Grund und ende, wunder aller Wunder, ich senk mich in dich hinunter. Ich in dir, du in mir, lass mich ganz verschwinden, dich nur sehn und finden.

Hier hören wir von einem Bild der Verbundenheit, das noch tiefer und weiter geht als nur in die beziehung von Ich-Du-Wir. Verbundenheit mit allen und allem. Mit der Luft schwebend, im Wasser des Meeres fließend – ein Bild löst sich in das andere auf, kein Bild wird gehalten, es entsteht ein großes gemeinsames Bild wie bei einem Mandala.

 

Am vergangenen Montag waren wir wieder um 18.00 Uhr versammelt in der Mahnwache mit Gebet. Meistens sind wir wenige. Am letzten Montag waren wir ein paar mehr Menschen. Ca. 5 Min schweigen wir immer, beten. Beten für die Menschen in Japan, beten für eine Welt, die Frieden und Vertrauen erlaubt. Am vergangenen Montag waren die Menschen in Oslo und die Menschen in Afrika mir besonders nahe. Unsere Stille empfand ich besonders intensiv. Als ich dann in der Tagesschau die Menschen in Oslo sah, die an jenem Tag demonstriert hatten, Menschen guten Willens, Menschen mit einer Rose in der Hand, da wusste ich: Hier ist die Kraft, die ich gespürt habe. Das ist Wirklichkeit. Erbarmen für diese Welt.

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Predigt über Johannes 11, 35-42

vom Sonntag, dem 24.07.2011  

 

Liebe Gemeinde!

 

Sehr oft, wenn ich am Sonntag Menschen verabschiede, bedanken sie sich dafür, dass ich mich mit dem Bibeltext auseinander gesetzt habe, dass ich zuweilen auch Anteil gegeben habe an meinem Fragen und mich nicht mit bereits bekannten Antworten begnügt habe. Ich bedanke mich für diese Rückmeldung. Und hoffe zugleich, dass ich Sie nicht zu sehr anstrenge. Und hoffe, dass das, was ich sage, nicht nur intellektuell redlich ist, sd. Ihnen auch etwas gibt. In die heutige Zeit hinein, für Ihr gegenwärtiges Leben.

 

Heute haben wir ein Textstück aus dem Johannes-Evangelium als Predigttext: Joh 1,  35-42.

Zunächst einmal zum Zusammenhang, in dem das Textstück steht:

Das Johannes-Evangelium ist das jüngste der vier Evangelien. Es ist ein jüdischer Text, in griechischer Sprache geschrieben. Es wird „dem Jünger, der Jesus liebte“ zugeschrieben, ist daher als Johannes benannt. Der Verfasser ist eng vertraut mit der jüdischen Tradition. Wie Klaus Wengst herausgearbeitet hat, gehörte er zur jüdischen Gemeinde, zu einer kleinen Schar derer, die Jesus als den Messias betrachteten und sich damit aus der jüdischen Gemeinschaft, der Synagoge lösten, lösen mussten. Es ist davon auszugehen, dass sie ausgeschlossen wurden, dass ein schmerzlicher Trennungsprozess stattfand, der im Johannes-Evangelium verarbeitet wird: „Jesus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben!“ Mit dieser Überzeugung schlossen diese Juden sich aus der Gemeinschaft des Judentums aus.

 

Über die Jahrhunderte sind Sätze aus dem Johannes-Evangelium im anti-judaistischen Sinn missbraucht worden. Der christliche Antisemitismus speiste sich unter anderem auch mit Sätzen aus dem Johannes-Evangelium, die in zweifelhafter Weise ausgelegt wurden.

Vor dieser Geschichte stehen wir heute. Sie hat einen tiefen Graben, der viele Juden das Leben gekostet hat.

Bei näherem Hinsehen entziehen sich die Texte einer derartig eindeutigen Auslegung.

 

Unser Text steht gleich am Anfang des Evangeliums. Er beginnt mit dem philosophisch anmutenden Prolog: Am Anfang war das Wort, das Wort war bei Gott und Gott war das Wort ..“

 

Und es fährt fort mit einer Erdung:

Der Jude Johannes lehrt die Menschen, er tauft sie und wird gefragt: Bist du der Messias?

Nein, antwortet er, es kommt einer, der größer ist als ich.

 

Noch dichter werden wir herangeführt:

Johannes sieht Jesus auf sich zu kommen und spricht: „Hier ist das Lamm Gottes, das das Unrecht der Welt aufhebt.“ (Ich folge der Übersetzung der Bibel in gerechte Sprache.) Johannes bekennt sich zu Jesus als dem Messias, dem Gesalbten, dem Christus.

 

Im Joh ist eine große Sprachbegabung zu erkennen, die den Wechsel zwischen den Kulturen einschließt. Wir können die Vertrautheit mit der jüdischen Kultur voraussetzen, das Aramäische ebenso wie die jüdischen Lehrhaus-Traditionen und die Kenntnisse der Schriften, die wir heute das Alte Testament nennen. Aus dieser Tradition stammt das Wort Messias, es heißt: Gesalbter.

Wir können eine Vertrautheit mit der hellenistischen Tradition voraussetzen, die Kenntnisse des Griechischen und der hellenistischen Traditionen voraussetzt. Aus dieser Tradition stammt das Wort Christos, Gesalbter.

Gesalbt ist, wer eine besondere Würde empfangen hat, hinter die er nicht zurück kann: eine prophetische, eine priesterliche, eine königliche. Die Salbung dient der Erfüllung eines göttlichen Auftrages in der Welt.

 

Johannes, der Lehrer am Jordan, bekennt sich zu Jesus, nun folgen ihm weitere nach:

Joh 1,35-42

35Am nächsten Tag stand Johannes wieder da und zwei aus der Gruppe seiner Jüngerinnen und Jünger. 36 Johannes richtete seinen Blick auf Jesus, wie er vorbeiging, und sagte: »Hier ist das Lamm Gottes.« 37 Die beiden aus der Gruppe der Jüngerinnen und Jünger hörten ihn sprechen und folgten Jesus. 38 Jesus drehte sich um und sah sie, wie sie folgten, und sagte ihnen: »Was sucht ihr?« Sie sagten ihm: »Rabbi – was übersetzt Lehrer bedeutet –, wo bist du zu Hause?« 39 Er sagte ihnen: »Kommt und seht!« Da kamen sie und sahen, wo er wohnte, und blieben bei ihm jenen Tag. Es war ungefähr vier Uhr nachmittags.

40Andreas, der Bruder des Simon Petrus, war einer von den beiden, die Johannes gehört hatten und Jesus gefolgt waren. 41 Dieser fand zuerst seinen Bruder Simon und sagte ihm: »Wir haben den Messias gefunden« – was übersetzt *Christos oder der Gesalbte heißt. 42 Er brachte ihn zu Jesus. Jesus richtete seinen Blick auf ihn und sagte: »Du bist Simon, der Sohn des Johannes, du wirst Kephas genannt werden« – was übersetzt Petrus oder Felsbrocken heißt.

 

Schüler des Johannes folgen dem Jesus, der auch für ihren Lehrer ein Lehrer ist.

Jesus fragt sie: Was sucht ihr?

 

Wenn dich einer fragt: Was suchst du?, dann fragt er / sie dich mehr als nur „Was willst du haben?“ Da fragt einer nach dem Ganzen, dem Einen, dem Alles: „Wonach sehnst du dich?“ „Was ist dein Wunsch nach Erfüllung, nach Erlösung, deine Vision vom Leben?“

 

Die Jünger antworten mit einer Frage: „Lehrer, wo bleibst du?“ Diese Frage ist aus dem Griechischen schillernd ins Deutsche zu übersetzen: Wo wohnst du?, Wo ist dein Zuhause? – Wohin kann und darf ich dich verorten, welcher Landsmann bist du? - Oder auch: Wie lebst du? Was ist deine Lebensform, deine sichtbare Überzeugung vom Leben?

 

Jesus lädt sie ein: „Kommt und seht!“

Sie kommen mit, sehen, wie Jesus „wohnt“ und bleiben bei ihm einen Tag lang. Sie sehen, wie er lebt, wovon er überzeugt ist, was sein Zuhause ist, seine Heimat kann man auch sagen – ein hoch besetztes Wort, ich weiß! Was ist für dich, was ist für mich Zuhause, Heimat? Wo schlafe ich, wo esse ich, wie tue ich das? Mit wem teile ich mein Leben? Und wie teile ich mein Leben?

Für viele von uns ist das ein privater Bereich. Privat heißt auch: verboten. Da lässt man nicht jeden und jede hinein.

„Kommt und seht!, lädt Jesus diese Schüler des Johannes ein. Er hat nichts zu verbergen, er legt sein Leben offen. Er lehrt mit seinem Leben.

 

Am Nachmittag geht einer von den beiden, Andreas, zu seinem Bruder: „Wir haben den Messias gefunden!“

Offensichtlich ist Andreas von dem, was er gesehen hat, überzeugt. Jesus ist der Richtige. Der richtige Lehrer, der richtige Meister, der Gesalbte, der, der den Gottesauftrag hat und ihn lebt.

Wir erfahren leider nicht, was er noch gesehen hat. Wo Jesus schläft, was er isst, mit wem er lebt und wie er das tut. Was war das Zuhause des Jesus, die Heimat und damit auch der Ort der Geborgenheit für ihn, den Andreas gesehen hat?

 

Was sind meine, deine, unsere Vorstellungen von Zuhause, wohnen, Heimat, um die hoch besetzten Begriffe zu nennen, bevor ich nüchtern-sachlich nur von „bleiben“ spreche, wie der griechische Text es tut? Von Jesus wissen wir immerhin so viel, dass man von seiner geografisch-räumlichen Heimat als der eines Vagabundierenden sprechen kann. Seine Heimat war in ihm.

Passt das mit einem Bild von Kirche zusammen, die am örtlich Bestehenden festhält und die Lebensform Familie geradezu heiligt?

 

Den Andreas hat das, was er sah, überzeugt, er läuft zu seinem Bruder Simon und erzählt es ihm. Simon kommt mit ihm zu Jesus. Jesus sieht ihn an, nennt ihn beim Namen und benennt ihn um: Du bist Simon, der Sohn des Johannes, du wirst Kephas genannt werden!“, was übersetzt Felsbrocken heißt.

Kephas ist die mit einem Schluss-S versehene Transskription des aramäischen Wortes kefa und bedeutet Fels. Die genaue griechische Transskription wäre petra. Einen Mann mit einem femininen Wort zu bezeichnen dürfte als unpassend empfunden worden sein, so wurde die maskuline Form petros genommen, auch wenn das nur Felsbrocken heißt.

 

So kam nach Johannes Petrus zu seinem Namen. Spontan, intuitiv, mit einem Blick, in einem Augenblick erkannt, benannt, in den Machtbereich Jesu hinein genommen.

Ein wichtiger Hinweis in diesem Zusammenhang ist für mich, dass der erste Jünger Jesu Andreas und nicht Simon ist, der später in der Hierarchie den ersten Platz bekam. Wengst versteht das als ein geschwisterliches und nicht hierarchisches Modell von Gemeinde.

 

Als drittes Thema in diesem Text erkenne ich: das Benennen, Bezeugen.

Johannes benennt Jesus als „Lamm Gottes“.

Jesus benennt Simon als „Kephas“.

Andreas benennt Jesus als Messias, Christos, Gesalbten.

In allen drei Fällen handelt es sich um ein Bezeugen:

Ich sehe in dir …. Das Lamm Gottes, den Felsen, den Gesalbten.

Ich drücke damit meine Beziehung zu dir aus, mein Bild von dir:

Johannes sieht in Jesus als dem Lamm die Zartheit, die Schwäche, die zugleich eine Stärke ist, die Kindlichkeit, die Einfachheit, die Arglosigkeit – und was man noch sehen kann, wenn man ein Lamm sieht.

 

Andreas sieht in Jesus den lang erwarteten Menschen, der den Lebensauftrag von Gott verwirklicht und den Menschen damit eine neue Orientierung gibt. Zugleich sieht er ihn als Lehrer, als einen, der ihm beibringen kann, worauf es im Leben wirklich ankommt.

 

Und Jesus sieht den Simon, den gar nicht zu kennen scheint, als einen Felsen oder Felsbrocken, der zuverlässig, schwer und hart sein soll. Und was man noch in einem Felsbrocken sehen kann.

Wir benennen einander mit Namen und wenn es sein muss auch mit Titeln. Das ordnet unser Lebensumfeld und unsere Beziehungen und gibt uns Sicherheit im Umgang miteinander. Wir ordnen und verorten: hier gehörst du in meinem Leben hin.

 

Das bist du, Jesus, für mich, sagen Johannes der Täufer und Andreas, der Schüler:

Lehrer, Lamm, Gesalbter.

Und Jesus benennt den Simon: Felsbrocken. Das hört sich schon weniger nach Chef, Stellvertreter Christi auf Erden oder oberster Apostel an. Auch wenn es dann so gekommen ist.

 

Was ist Jesus für uns heute?

Lehrer?

Es gibt so viele Worte, Aussprüche von ihm, die man alle kritisch befragen kann: Hat er das wirklich gesagt? Konnte er das überhaupt so gesagt haben? Oder haben das Menschen so aufgeschrieben, wie sie gemeint haben, dass er das gesagt habe?

Wir müssen uns darauf verlassen, dass es so gemeint war, wie es aufgeschrieben wurde. Und die Mühe wird uns nicht erspart, selbst den Zusammenhang, die tiefere Bedeutung zu entdecken, zu erforschen. Indem wir uns damit auseinandersetzen, eignen wir uns das Gemeinte und nicht die exakten Worte an. Denn das wäre Auswendiglernen mit einer Neigung zum Fundamentalismus. Auch den hat es schon gegeben und gibt es noch immer.

Lehrer.

Ich wüsste so gerne, wie Jesus ganz konkret gelebt hat. Was mögen Andreas und der andere Johannes-Schüler wohl gesehen haben? Wie geht das tiefere Glauben wirklich? Wer bringt einem das bei? Oder besser gefragt: Wer begleitet einen? Wo sind die Lehrer, die den Weg durch das Dickicht der Seele begleiten? Dabei geht es eben nicht nur um intellektuelle Beweglichkeit und theoretisches Denken, es geht auch ganz einfach um Praxis. Um das Beten-Lernen, um das Lieben-Lernen, um das Wachsen des Glaubens durch Tiefen und Untiefen hindurch.

 

Es gibt einige Lehrerinnen und Lehrer, viele in intellektueller Hinsicht, weniger schon in praktischer Hinsicht.

Die verfasste Kirche hat sich mit den Lehrerinnen und Lehrern in praktischer Hinsicht immer etwas schwer getan. Langsam, langsam, im Zuge der geistlichen Erosion auch der Kirche wachsen sie heran und fallen wieder Sparmaßnahmen zum Opfer. Sei es das Ansverus-Haus als solch ein Ort, seien es andere Orte und Einrichtungen am Rande der Kirche. Und selbstverständlich ist auch der Gottesdienst ein Ort des Lehrens, in begrenztem Umfang.

 

Lehrer und Gesalbter. Gesalbt und damit in seinem göttlichen Auftrag benannt wurde Jesus durch die Frau, die in die Mahlzeit der Männer platzte und ihm Salböl auf den Kopf tat. „Zu ihrem Gedächtnis sei das geschehen, habe Jesus gesagt. Ich denke heute daran.

Bei diesem Lehrer und Gesalbten, dem Messias, dem Christus, gibt es immer wieder Überraschungen, Entdeckungen, Aufregungen:

Nichts ist einfach nur gewöhnlich. Beim näheren Hinsehen entstehen neue Zusammenhänge, die plötzlich sehr viel mit unserem Leben zu tun haben können.

Ich nehme ihn für mich als einen fernen und doch nahen Lehrer für das Reich Gottes, den ich in den Texten der Bibel finden kann. Als einen der mich fragt: „Was suchst du?“ Und der dann sagt: „Komm und sieh!“

Ich denke dabei an die vielen Reich-Gottes-Sucherinnen und –Sucher und an die Möglichkeit, sich zu verirren. Wie ein Wegweiser kommt mir dabei der Satz Martin Bubers in den sinn, der mich seit Jahren begleitet:

Dieses ist der Reich Gottes:

Das Reich der Gefahr und der Herausforderung,

des ewigen Beginnens und des ewigen Werdens,

des aufgetanen Geistes und der tiefen Verwirklichung,

das Reich der heiligen Unsicherheit.

Amen.

                                                                                                                                  nach oben

 

Predigt über Lk 15, 1-7 das verlorene Schaf

vom Sonntag, dem 10.07.2011  

(es gilt das gesprochene Wort, z.T. frei gehalten)

 

Liebe Gemeinde!

 

In dem wunderbaren Gleichnisse-Buch von Luise Schottroff fand ich eine kleine Geschichte, in der sie ihren Vater zitierte:

 

Es ist Kindergottesdienst.

Ihr Vater, der Pastor erzählt: „’Stellt euch vor, vorhin, als ich hierher kam, ist mir etwas Wunderbares begegnet: klein, braun, mit buschigem Schwanz und ganz flink. Es jagte einen Baum hoch. Könnt ihr erraten, was das war?’ Fritzchen antwortet: ‚Normalerweise würde ich ja sagen, es war ein Eichhörnchen. Aber so, wie ich den Laden hier kenne, war es der Herr Jesus.’“ (S.134)

 

So könnte es uns mit dem Gleichnis vom verlorenen Schaf auch passieren. Wir kennen sie schon, bevor wir sie fertig gehört haben und sagen uns selbst: Ah ja, so ist das! Und sind damit ganz schnell fertig: Hundert Schafe, eines ist fort, wird wiedergefunden: große Freude. 99 allein gelassen, macht nichts, das war das eine wert.

So könnte man schnell fertig sein.

 

Ich möchte mit Ihnen aber noch etwas tiefer hineinspüren, gerade weil das Eichhörnchen nicht der Herr Jesus ist.

Ich habe schon am vergangenen Sonntag über ein Gleichnis gepredigt und die bisher gängige Interpretation etwas infrage gestellt. Ich bin sehr dankbar für das Gespräch, das ich daraufhin mit einer Gottesdienstbesucherin hatte und möchte jetzt etwas genauer hinsehen: Was eigentlich ist ein Gleichnis? Und was soll das?

 

Jesus befindet sich in unserem Text inmitten einer Schar von Hörerinnen und Hörern, die sich sonst nicht verstehen würden: Zöllner als einfache Leute, die generell verdächtig werden Unrecht zu tun, zu betrügen. Und Rechtgläubige Pharisäer – also Menschen, die versuchen die Regeln des Glaubens einzuhalten- und Schriftgelehrte, also Leute die sehr gut bescheid wissen, gerade über die heiligen Dinge.

Lk 15,1: „Es kamen immer wieder alle, die beim Zoll beschäftigt waren und zu den Sündern gezählt wurden zu Jesus, um ihn zu hören.“

Jesus wird hier als Lehrer beschrieben. Jede und jeder kann kommen, auch solche, die als böse, als nicht-dazu-gehörig gelten.

Lk 15,2: „Die Angehörigen der pharisäischen Glaubensrichtung und die Schriftgelehrten murrten und sagten: „Der akzeptiert ja sündige Leute und isst mit ihnen!“

Hier passiert eine Polarisierung, eine Dramatisierung, das Problem wird deutlich: Ist einer mehr wert als der andere? Für wen eigentlich ist das Wort von Gott da? Für die, die schon kennen oder für die, die es (noch) nicht kennen? Wer darf die Lehre Jesu überhaupt hören? Nur Eingeweihte? Oder alle? Wer gehört dazu und wer nicht?

 

Lk 15,3: „Jesus aber erzählte ihnen folgendes Gleichnis: …“

 

Gleichnisse sind Geschichten, die nie wirklich stattgefunden haben – aber doch immer wieder stattfinden, in jedem Leben irgendwie anders, aber in der Grundstruktur gleich.

Im Rahmen der jüdischen Tradition des Lehrens sind die Gleichnisse Geschichten, die indirekt von Gott erzählen. Wir Hörenden sollen mit ihnen arbeiten, wir sollen sie in uns aufnehmen und in uns bewegen, wir dürfen nicht nur, wir sollen unser eigenes Leben in ihnen wieder finden. Jesus erzählt keine abstrakten Lehrsätze. Er nimmt das ganz konkrete Leben hier und jetzt als Schauplatz für das, was er von Gott ausrichten möchte: Das Reich Gottes.

 

Die Hörerinnen und Hörer dieses Gleichnisses wissen, was es heißt, Schafe zu besitzen, Schafe zu hüten. Ein Schaf hat einen Wert, vielleicht nicht nur einen finanziellen.

Für uns heute bräuchten wir andere Bilder.

Heute ist es chic, im Tausend-Sterne-Hotel für eine zeitlang Schafe zu hüten. Da bezahlen manche viel Geld für: unter freiem Himmel, einen Hütehund an der Seite und weit und breit nichts und niemanden.

Wer oder was sind heute unsere Schafe? Wer, wo, wie und was ist das Lebendige, was uns heute vielfach verloren geht, und wenn wir noch so viel haben? Vielfach hüten wir heute nichts Lebendiges mehr, eher hüten wir Dinge. Und wo es sich um lebendige Wesen handelt, werden sie häufig verdinglicht, verwaltet, abgewickelt und behandelt in Modulen –

 

Die Schafe und die Hirten haben in der biblischen Sprache eine lange Tradition. David, der erste israelitische König, war ein Schafhirte – und ein Taugenichts in seiner Jugend. Das Hirtenbild schillert in seiner historischen Bedeutung.

Das Bild des Schafes schillert weniger. Sie gelten eher als dumm und als treu. Wenn jemand sie leitet, laufen sie gerne hinterher, außer manchmal, wie das so ist. Ziegen wären da anders.

 

Ein Schaf geht verloren. Und der Hirte / die Hirtin geht hinterher.

Im Sinne des Eichhörnchens müsste man jetzt sagen: Aha! Damit ist bestimmt Jesus gemeint, der hinterher geht. So ist dieses Gleichnis jahrhundertelang interpretiert worden. Macht das Sinn, wenn es doch Jesus sein soll, der dieses Gleichnis erzählt? Kann es nicht einfach so sein, das jeder und jede die gute Hirtin, der gute Hirte sein könnte, der oder die dem Verlorenen hinterher geht?

 

Und der Hirte findet das verlorene Schäfchen! Es macht sich eine oder einer mit einer lebensfördernden Absicht auf und erreicht das Gute, erreicht das Gesuchte, findet das Ziel.

 

Das ist die eigentliche Aussage dieses Gleichnisses: geh los, du wirst finden! Die Freude wird groß sein!

Und wenn du mal das Schäfchen sein solltest, verloren, ausgestoßen aus der Gemeinschaft, verirrt und hilflos: es gibt bestimmt jemanden, der oder die losgeht und dich vermisst, dich sucht und dich auch findet.

Oho, das ist heutzutage in unserer Gesellschaft nicht mehr selbstverständlich. Kürzlich las ich in der Zeitung, dass eine Frau acht Jahre lang tot in ihrem Haus gelegen hat. Erst dann hat es jemand bemerkt. Der Jammer ist hier meines erachtens nicht ihr Tod, sd. die Tatsache, dass es keine und keiner gemerkt hat. Was merken wir noch voneinander? Keiner denkt an mich, nur ich?

Die Rolle des Schäfchens dürfte niemandem von uns fremd sein: mit dem Opfer-Sein kennen wir uns aus.

Schwerer hingegen ist das Mitfühlen mit dem oder der anderen. Das Gefühl dafür zu haben: da fehlt mir jemand. Ich bin verbunden mit ihm oder ihr, sie oder er gehört zu mir dazu. Und selbst wenn ich sauer darauf sein sollte, dass „das Schaf“ gerade weggelaufen ist, ich mache mich trotzdem auf den Weg.

Heute wird diese Verbundenheit nur noch in Familien vorausgesetzt, auch dort kann man sie nicht für selbstverständlich erachten. Die Vision, Jesu Vision für das Reich Gottes wäre, dass diese Verbundenheit für die ganze Herde gälte.

Nicht nur die Kleinfamilie, auch nicht nur die Großfamilie, eher schon das ganze Dorf, die Stadt, das Land, die ganze Welt!

 

Und jetzt wieder auf der Erde landen, ganz konkret:

 

Oft bin ich ein Schaf. Das steht allein in der Landschaft und fühlt sich nicht wahrgenommen. Keiner sieht mich, keiner liebt mich, keiner sucht mich – das Lied kennen wir alle und haben es bestimmt auch schon in den unterschiedlichen Tonlagen gesungen. (Ich denke an das Bild von F.K. Wächter mit der Ganz im Stiefel: Bestimmt sieht mich wieder kein Schwein! Und dabei ist das alles so ernst.)

Doch, es gibt jemanden, der sucht. Das ist ein Glück für beide. Für das Schaf und für die suchende Person. Und in der Freude des Findens und des Gefundenseins ereignet sich Gott.

 

Oder ich bin eine Hirtin, ein Hirte. Das eine weggelaufene Schaf tut mir weh, ich bedaure es, ich sorge mich, vielleicht bin ich auch sauer, weil es mir Arbeit macht, aber ich gehe trotzdem los. Da ist ein Vertrauen in mir, eine Liebe, die ist stärker als die Gleichgültigkeit, als die Bequemlichkeit, als die Selbstbezogenheit des Selbstmitleides. Ich gehe los und ich finde! Ist das nicht wunderbar? Es hat etwas genützt!

 

Liebe Gemeinde!

Die Bilder in diesen Gleichnis-Geschichten dürfen nicht absolut genommen werden. Dafür gibt es das Bilderverbot.

Wir wissen, dass wir uns von Gott keine Bilder machen sollen, aber wir brauchen Bilder. Und wenn wir das schon tun, dann dürfen wir sie nicht anbeten! „Mach dir kein Bild und bete es nicht an!“

 

In allen diesen Geschichten gibt es einen roten Lebensfaden, einen goldenen Heiligkeitsfaden. Den können wir nur dann aufspüren, wenn wir uns in die Geschichten hinein begeben, mit ihnen spielen, wenn wir selbst Teil der Geschichten geworden sind.

Lange galten sie als Sinnbilder, in denen das Reich Gottes mit der Kirche gleichgesetzt wurde, in denen den Sündern Angst eingejagt wurde und der ganze Kirchenbetrieb prima funktionieren konnte, weil ja jeder einen Platz im Reich Gottes haben wollte.

Irgendwie haben die Gläubigen es gemerkt.

Schon klein Fritzchen hat es gemerkt.

 

In meiner Glaubenswirklichkeit ist es eher so:

Keine Schwierigkeit wird uns erspart. Wir gehen verloren. Und wir müssen Verlorenes suchen. Das Versprechen gilt: Wir werden gefunden. Und wir finden. Doch dafür müssen wir uns ein bisschen bewegen. Das lehrt Jesus uns bis heute.

Das könnte am Anfang einfach heißen: Ich mache die Augen auf und sehe hin. Sehe mein Selbstmitleid in dem Verlorensein. Sehe meine Übergriffigkeit im Bevormunden derer, die ich gefunden zu haben meine.

Und kehre um zu dem unmittelbaren Suchen und Finden, kehre um zu den anderen Schafen, die vielleicht genauso einsam sind wie ich. Das Versprechen gilt: Gott ist immer schon da, bevor wir Gott suchen. Amen.

                                                                                                                                           nach oben

 

Predigt über Lk 14, 16-24 und Matthäus 22, 1-14

vom Sonntag, dem 03.07.2011 (2.Sonntag nach Trinitatis) 

(es gilt das gesprochene Wort)

 

Liebe Gemeinde!

 

„Erzähl mir eine Geschichte!“ so endete oft der Tag, wenn ich mein Kind ins Bett brachte. Dann las ich vor

oder ich erzählte frei aus der Erinnerung, aus spontaner Eingebung. Und wenn sie nicht gestorben sind,

leben sie noch heute.

 

Wie wahr waren diese Geschichten? Wie echt?

 

Die meisten Geschichten waren frei erfunden. Nicht nur von mir, auch von anderen. Märchen, wir wissen alle, dass das Geschichten sind, die nie wirklich stattgefunden haben. Und doch sind sie wahr – auf eine andere Weise.

Gleichnisse heißen die Beispielgeschichten der Evangelien, die Jesus erzählt und die ebenso wenig stattgefunden haben. Im Erzählfluss des Lebens bilden sie etwas ab, was überall wahr und wirklich ist. Nur wie kann man das jetzt verstehen? Es gibt so viele Auslegungsmöglichkeiten wie Menschen – und noch mehr.

 

Die Ausgangsituation unserer heutigen Geschichte ist zweimal aufgeschrieben worden, einmal von Lukas und einmal von Matthäus. Die Lukas-Version haben wir eben in der Lesung gehört, die Matthäus-Version lautet so nach der Bibel in gerechter Sprache:

 

1Und Jesus fuhr fort und sprach wieder zu ihnen in Gleichnissen:

»2 Die *gerechte Welt Gottes ist mit der Wirklichkeit in der folgenden Geschichte von einem Menschenkönig zu vergleichen, der ein Hochzeitsmahl für seinen *Sohn veranstaltete. 3Und er schickte seine *Sklaven, um die Eingeladenen zum Hochzeitsmahl zu rufen, und sie wollten nicht kommen. 4Da schickte er noch einmal andere Sklaven und sagte: ›Richtet den Eingeladenen aus: Hört her! Ich habe mein Mahl vorbereitet, meine Stiere und die gemästeten Tiere sind geschlachtet, und alles ist bereit. Kommt her zum Hochzeitsfest.‹ 5 Sie aber gingen weg, ohne sich beeindrucken zu lassen, einer zu seinem eigenen Ackerland, ein anderer zu seinen Geschäften. 6 Die übrigen Eingeladenen überwältigten die *Sklaven des Königs, misshandelten sie und töteten sie. 7Da wurde der König zornig und schickte seine Truppen und vernichtete diese Mörder und verbrannte ihre Stadt. 8Dann sagte er zu seinen Sklaven: ›Das Hochzeitsmahl ist vorbereitet,

doch die Eingeladenen waren es nicht wert. 9 Geht zu den Stadtausgängen der Straßen und ladet alle, die ihr findet, zum Hochzeitsmahl ein.‹ 10Und diese Sklaven gingen hinaus auf die Straßen und sammelten alle ein, die sie fanden, böse und gute. Und der Hochzeitssaal war gefüllt mit Menschen, die zu Tisch lagen. 11Der König kam herein, um die zu Tisch Liegenden zu besichtigen, und sah dort einen Mann, der trug keine der Hochzeit angemessene Kleidung. 12Und er sagte zu ihm: ›Mein Lieber, wie bist du hier hereingekommen ohne festliche Kleidung?‹ Der aber blieb stumm. 13Da sagte der König zu seinen Bediensteten: ›Bindet ihm Füße und Hände zusammen und werft ihn hinaus an einen Ort, an dem absolute Finsternis herrscht. Dort wird er schreien und vor Todesangst mit den Zähnen knirschen.‹ 14 Gott ruft alle Völker, aber das schwächste liebt er besonders.«

 

In beiden Geschichten, Gleichnissen, wird eingeladen zu einem Festessen. Bei Lukas gibt es keinen Anlass, bei Matthäus ist der Anlass der schönste, den man sich denken kann: ein Hochzeitsmahl. Fest der Liebe, Fest der Verbundenheit zweier Menschen.

In beiden Gleichnissen ergeht eine Einladung zunächst an ausgesuchte Menschen. Doch die können nicht kommen und sagen ab.

 

Ist Nein-Sagen so etwas Schlimmes?

 

Der Gastgeber aus dem Lukas-Evangelium scheint auf die Ablehnung seiner Einladung hin seine Ausrichtung geändert zu haben: er schickt seinen Sklaven und bittet ihn, die Leute von den Hecken und Zäunen zu holen.

Bei Matthäus geht es dramatischer zu: Die Eingeladenen wollen nichts von der Einladung hören und erschlagen die Boten, die sie brachten. Mord und Totschlag gehen weiter, der König rächt sich und bringt die Mörder um. Auch hier werden jetzt die Leute von den Hecken und den Zäunen geholt. Und wieder wird der gastgebende König wütend, als er sieht, dass einer nicht angemessene Kleidung trägt – Die Geschichte endet mit einer Verwünschung und einem knappem Moralsatz: „Gott ruft alle Völker, aber das schwächste liebt er besonders.“

 

Unsere Gefühle werden angesprochen, wir identifizieren uns und fragen: Wer ist wer in dieser Geschichte? Wo bin ich?

 

Ganz oft sind diese Geschichten in einfacher Weise verstanden worden:

Der Gastgeber ist Gott.

Die Eingeladenen sind wir. Wir lassen uns allerhand einfallen, um der Einladung nicht Folge zu leisten, Gott wird böse und das Leid wird groß. Und damit wir unser Leid besser verstehen können und uns nicht so ohnmächtig fühlen müssen, sagen wir dann, dass wir selber böse sind. Oder die anderen, unsere Brüder und Schwestern seien es, schließlich hätten sie den Boten erschlagen –

1. kommt so kein Frieden.

2. vom Reich Gottes ist keine Rede mehr. Das Gleichnis hat seine Auftrag verloren.

 

Die gerechte Welt Gottes, die Vision von Gerechtigkeit, das geheilte Leben – wo in diesen Geschichten wird es abgebildet?

Wut, Mord und Totschlag sind in dieser Welt das, worunter wir leiden. Das kann nicht das Reich Gottes abbilden.

 

Matthäus und Lukas interpretieren in ihrem Erzählen beide. Matthäus trägt starke Gefühle ein, Gefühle, die so stark sind, dass man es mit der Angst bekommen kann. Wo Angst und Gewalt sind, sind wir mitten in der Welt, mitten drin im dicksten Sumpf.

Wie da rauskommen?

 

Eine Einladung ist da. Gleich wie vornehm oder zerlumpt die Geladenen sind.

Ein Festmahl soll gefeiert werden, sogar ein Hochzeitsmahl könnte es sein. Doch der Anlass spielt in Wirklichkeit keine Rolle. Es geht ums Feiern, um Essen und Trinken, das Leib und Seele zusammen hält, es geht um Gemeinschaft, Zusammensein – wie schön! Darauf kann man sich freuen, das ist ein Genuss.

Im Grunde ist es so einfach:

Alle sind eingeladen. Egal ob früh oder spät gerufen.

Das mag schwer sein es anzunehmen. Es beginnt ein Karussell von Geschichten, die immer komplizierter werden, je mehr man sich in ihnen verstrickt. Und selbst der, der es gut meinte, der König, der seinem Sohn ein schönes Hochzeitsfest ausrichten wollte, verstrickt sich geradezu heillos und gerät dabei in einen Kreislauf von Leid, Gewalt, Mord und Totschlag. Dieser Mensch kann unmöglich für Gott stehen!

 

Es ist schwer, etwas Gutgemeintes anzunehmen.

Warum darf man nicht nein sagen?

Dann kann man das Fest eben nicht mitfeiern. Und? Dann bleibt man eben allein zurück. Bleibt auf dem Zaun sitzen und schaut zu.

 

Wenn man selbst einlädt und wird zurück gewiesen. Das ist traurig. Ist es nicht ehrlicher, sich dieser Traurigkeit bewusst zu werden als sie umzuwandeln in Zorn. Zorn speist sich oft aus enttäuschter Liebe, aus einem Wunsch, das Leben möge so und so sein. Hier war es der Wunsch: alle sollen zusammen sein, sollen es gut haben. Alle! Der Wunsch geht etwas zu weit. Das klappt nicht. Das kann gar nicht gehen. Der König täte gut daran, etwas weiser zu werden.

 

Ohne dass es Mt bewusst gewesen sein dürfte, hat er in seiner Art der Darstellung viel von dem abgebildet, was das Christentum schuldhaft in den beiden Jahrtausenden seiner Existenz bewirkt hat. Nach wir vor bleibt die ur-menschliche Vision einer göttlichen Verbundenheit, die die Grenzen von Verschiedenheit aller Art überschreitet. Reich oder arm, gebildet oder ungebildet, männlich oder weiblich, Sklave oder frei, alle sind eingeladen.

Und wenn ich die Geschichte in meiner Version mal weitererzählen dürfte, würde ich hinzufügen: Du musst nicht kommen. Nein-Sagen ist erlaubt!

 

Wie wird das wohl mal werden in unserer Welt mit uns Christinnen und Christen? Es gibt ja allerhand Leute, die inzwischen Nein sagen. Leute, die auf den Zäunen sitzen und genau beobachten, was die anderen beim Festmahl so tun.

Und es gibt auch allerhand Leute, die gerne mal reinschauen würden, auf Stippvisite sind.

Und es gibt die große Vision vom Frieden, der nur gewaltfrei sein kann. Vom Frieden, der über Essen und Trinken für alle hinausgeht.

 

Wenn ich es mir mal erlauben darf, die Geschichte für heute umzudichten:

In einer Welt voller Krieg, Gewalt und Leid gibt es eine Königin, die lädt ein zu einem Fest der Liebe, des Friedens und der Verständigung (Darüber gibt es einen Film: Babettes Fest).

Geladen sind die Nächsten, die Angehörigen, die Familienmitglieder. Das wären für uns Christinnen und Christen auch die anderen Konfessionen, das sowieso, und das sind die Mitglieder der anderen Religionen, der Geschwisterreligionen wie die Juden und die Muslime. Und jetzt kommen noch die von den Hecken und den Zäunen: alle, die an Gott glauben, alle, die dem Lebensprinzip des Liebens folgen möchten, einfach alle religiösen Menschen. Alle!

Alle sind eingeladen. Keiner muss kommen, jeder und jede, die mag, kann kommen.

Und mit denen, die kommen, wird’s ein schönes Fest.

Wär das nicht wunderbar?

Dann gäb’s mal ein paar Stunden lang Frieden auf dieser Welt.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute! Amen!

                                                                                                                                              nach oben

 

 

Predigt über Lukas 11, 5-13

vom Sonntag Rogate, dem 29.05.2011

 

Liebe Gemeinde!

 

Bittet, so wird euch gegeben. Sucht, so werdet ihr finden.

Klopft an, so wird euch aufgetan.

Wie wahr und wie unwahr zugleich sind diese Verse, die ich so gerne eindeutig und klar hätte – ich würde mir wünschen, dass es so, und genau so wäre.

Um etwas bitten – und es bekommen.

Etwas suchen – und es finden.

Anklopfen – und es wird geöffnet.

 

Am heutigen Sonntag geht es um das schwierige Thema Beten. Und oft heißt beten bei uns: bitten.

Beten. Zunächst einmal: ich habe es mir inzwischen angewöhnt, die Menschen, große und kleine, dazu aufzufordern die Hände zu falten. Das hilft nämlich: wenn die Hände zusammen sind, sind sie ruhig und sammeln nicht von irgendwo sonst her noch irgendwelche Ablenkungen ein. Das konzentriert.

Sammelt auf eine Mitte.

Die Augen zu schließen. Dann wandert der Blick nicht irgendwo herum sondern richtet sich nach innen.

Da innen ist immer noch Trubel genug.

Und wenn wir jetzt, Hände und Augen konzentriert, auf das richten, was wir bitten, dann passiert das, was Dorothee Sölle auch nannte wünschen. Beten und wünschen. Beten und Wünschen liegen nah beieinander.

Die eine wünscht sich einen Puppenwagen, die andere, dass ihr Sohn sie besuchen kommt.

Der eine wünscht sich ein neues Auto, der andere wünscht sich eine schöne Reise mit der Familie –

Wünschen, damit ist noch nicht genug gesagt.

Bitten, das ist dann schon ein Schritt mehr: Du, bitte, höre mich. Mach deine Türe auf und lass mich

herein mit meinem Wunsch!

Ob das nun ein Nachbar ist, der den anderen nachts um Brot bittet oder ob ich Gott bitte, dass den

Menschen in Japan geholfen wird.

 

Es klingt unverschämt, dass da nachts einer den anderen aus dem Bett wirft, weil er Brot für seinen

Gast braucht. Deswegen erzählt Jesus auch dieses Beispiel. Weil es so unverschämt klingt und man

drüber nachdenken soll.

 

Der Nachbar bittet um Brot.

Er bittet nicht um das Silberbesteck. Und er bittet auch nicht um Schätze oder Großartiges. Einfach Brot.

Brot ist Lebensmittel, Grundnahrungsmittel. Brot ist das Wesentliche der Nahrung, auch in dieser Kultur.

Vom Brot sagt Jesus an anderer Stelle: Brot des Lebens.

 

Es geht hier um zweimal Heiliges: Brot, das als Grundlage unserer Lebensmittel not-wendig ist. Und es

geht um das heilige Gebot der Gastfreundschaft.

Wenn nachts einer kommt und unter deinem Dach Zuflucht sucht, dann ist es ein heiliges Gebot, ihn aufzunehmen, zu bewirten und ihm ein Bett zu geben.

 

Es gibt einen Unterschied beim Wünschen, beim Bitten. Geht es um Brot und ein Dach über dem Kopf?

Oder geht es um den Ferrari und den Kaviar?

 

Wenn wir die Hände falten, die Augen schließen und nach innen schauen, dann merken wir leichter, was wichtig ist. Dann spüren wir eher, was mit uns ist: das Herz, das da klopft und manchmal klein und ängstlich ist oder groß und weit. Dann spüren wir wer und was uns wichtig ist: die guten Wünsche für die, die wir lieben. Dann kann man sogar erleben, dass man das ganze Leben, die ganze Welt liebt.

 

Um dieses große weite Herz geht es Jesus.

Beim Bitten und wenn wir gebeten Werden.

Beim Suchen und beim gesucht Werden.

Beim Anklopfen und wenn bei uns selbst angeklopft wird.

 

Es gibt Situationen, da mag man nicht gefragt werden. Da ist man so sehr mit sich selbst beschäftig, da darf auch niemand eindringen. Das ist richtig, wichtig und nötig. Nachts jemanden aus dem Bett zu holen, dafür braucht es einen richtig guten Grund.

Durchaus gibt es die berechtigte Möglichkeit nein zu sagen. Gerade nach den fürchterlichen Missbrauchsskandalen in den Kirchen wird es mir immer deutlicher, wie sehr Menschen im Raum der Kirchen sich gefürchtet haben davor nein zu sagen.

 

Deswegen ist es wichtig hinzusehen: worum wird gebeten.

Um Brot des Lebens bei dem einen Nachbarn. Und bei dem, der Besuch bekommen hat, noch um ein Bett dazu.

Es geht um ganz einfache schlichte not-wendige Bedürfnisse, die das Leben erhalten. Um nicht mehr. Es geht nicht um Luxus. Etwas zu essen und ein Dach über dem Kopf.

 

Wenn ich an die vielen Menschen denke, die sich auf den Weg nach Europa gemacht haben und an den Küsten Italiens ankommen, erschöpft und ausgetrocknet, übermüdet und oftmals krank. Diese Menschen kommen für Brot und ein Dach über dem Kopf. Und nicht für den Luxus. Niemand verlässt ohne Not seine Heimat. Auch und gerade wenn es Muslime sind, die hier nach einer neuen Lebensgrundlage suchen – wie christlich sind wir eigentlich hier im Abendland? Jesus hat uns hier ganz direkt etwas gesagt, an dessen Bedeutung geht kein Weg vorbei.

 

Warum können wir, warum können so viele Menschen um uns herum das nicht hören? Was hindert uns daran?

Ich glaube, das Problem liegt da, wo unser Herz hart und klein ist. Wo wir Angst haben, es nicht wahr haben wollen und uns allerhand ausdenken, damit nur ja keiner merkt wie viel Angst wir eigentlich haben. Dann pusten wir uns auf uns fühlen uns stark mit unseren Bomben.

Doch das eigentliche Problem ist, dass wir selbst Angst haben.

Wenn wir das spüren können, ist schon viel gewonnen.

Unsere eigene Angst macht uns so eng, dass wir die Not der anderen nicht erkennen können.

Keiner kann immer nur Angst haben. Wenn sie etwas abgeflaut ist, dann spüren wir unsere Liebe, unsere Verbundenheit mit anderen Menschen. Da ist eine Tür: Jeder Mensch auf dieser Erde ist ein geliebtes Wesen, ein zu liebendes Wesen. Keiner kann leben ohne zu lieben und geliebt zu werden. Alle Menschen auf der Erde sind geliebte Wesen Gottes, die Bibel sagt sogar: Gottes Ebenbilder!

 

Wenn wir das Lieben in uns finden, dann haben wir schon an die Türe Gottes angeklopft. Und die wird uns aufgemacht. Versprochen. Ob wir dort finden, was wir uns gewünscht haben, ist fraglich. Ich glaube aber, dass die Wünsche sich auf diesem Weg verändern.

 

Wenn wir unser Herz in die Hand nehmen, unsere Angst und unser Lieben, dann finden wir, was wir suchten. Dann wird uns die Türe aufgetan, an die wir klopften. Dann bitten wir, und es wird nicht nur uns selbst sondern allen reichlich gegeben.

 

Ja, Eliane, da ist in Christus dann alles neu. Du selbst wirst neu dabei, dein Leben wird neu und die Welt wird dadurch auch neu. Jesus sprach vom Königreich Gottes, das dann anbricht. Das, wonach sich, glaube ich, alle sehnen. Amen.

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Predigt über Johannes 21, 1-14

vom 2. Sonntag nach Ostern, dem 08.05.2011

 

Liebe Gemeinde!

 

„Hast du auch deinen Johannes gelesen?!“, diese Aufforderung, diese Ermahnung erinnere ich aus irgendeinem

Brief von irgendeinem „Kirchenvater“, der seinen Schüler ermahnte. Ob das vor 50 Jahren vor 100 Jahren, vor

500 Jahren oder gar vor 1800 Jahren geschrieben wurde, ich erinnere es nicht. Ich erinnere nur, wie wichtig

diesem Lehrer war, dass sein Schüler das Johannes-Evangelium las.

 

Genau das Evangelium, das mir am unzugänglichsten erschien. Am schwersten verständlich.

Und daher heute drei Schritte:

1.   Die Voraussetzung das Johannes-Evangelium heute zu lesen

2.   Die Geschichte selbst, Joh 21.

3.   Der Riss in der Geschichte.

 

Zu 1.

Die Geschichte des jüngsten Evangeliums hat zur Voraussetzung die Zerstörung des Tempels, Zerstreuung

der Juden. Ihnen war von den Römern untersagt im Tempel zu beten. Zwei Schüler des jüdischen Lehrers

Jochanan Ben Sakkaj schmuggeln ihn noch während des Krieges aus Jerusalem (im Sarg). Dieser Lehrer

erwirkt beim römischen Kaiser die Erlaubnis, ein Lehrhaus zu eröffnen. Und diese Lehrhaus wurde zur

Keimzelle jüdischen Überlebens. Dort fand dieTora-Auslegung statt, diie Interpretation der Gebote und damit

eine neue Definition der Lebenspraxis, die ohne den Tempel auskommen musste. Pharisäer. Jetzt erst gibt

es sie!

 

Viele Lehr-Meinungen stehen nebeneinander. Eine Richtung meint, sie habe exklusiv recht: die Christen.

Denn sie meinen, der Messias sei in Jesus gekommen, Gott sei in Jesus in die Welt gekommen,

ein-für-alle-mal. Sie werden als Ketzer ausgeschlossen.

Abschiedsrede Joh 16,2: Ihr werdet ausgeschlossen werden! Nachträgliche Ankündigung, die das Geschehen

erklärt und erträglich macht.

Der Konflikt bekommt eine größere Schärfe: die Gefährdung der ohnehin verfolgten Juden durch eine „Irrlehre“

ist größer als die Kritik durch Unwissende, die Christus-Gläubigen. Häretiker waren für die jüdische

Gemeinschaft schlimmer als Nicht-Juden. Polemik gegen Juden und Pharisäer ist auf diesem Hintergrund

anders als auf dem Hintergrund dessen, was sich dann entwickelte: ein Antisemitismus, der sich aus Sätzen

des Johannes-Evangeliums speist. „Hast du deinen Johannes gelesen?“ Zu dieser Frage gehört der

Antisemitismus dazu. Hier lebt die Identität des Christen aus der Abgrenzung gegen das Judentum.

 

Notwendig ist’s daher den Text neu sprechen zu lassen. Mit ihm neu in den Dialog treten, das „im Joh-Ev

manifeste Nichtgespräch“ aufbrechen. (Wengst)

Zum Text für heute: Er ist, das ist allenthalben gesichert, nachträglich an das Joh-Ev drangehängt worden.

Es muss eine Gruppe von Verfassern / Redakteuren gegeben haben, die fanden, es sei notwendig, die

Geschichte nach Jesu Auferstehung weiter zu erzählen.

 

Zu 2.

Und jetzt kommt unser Text, die Geschichte für heute: Joh 21,, 1-14 in der Übersetzung der Bibel in

gerechte Sprache.

 

Danach erschien Jesus den Jüngerinnen und Jüngern noch einmal am See von Tiberias. Er erschien so: Simon

Petrus und Thomas, der Didymos oder Zwilling genannt wird, und Nathanael aus Kana in Galiläa und die Söhne

des Zebedäus und zwei andere von seinen Jüngerinnen und Jüngern waren zusammen. Simon Petrus sagte zu

ihnen: „Ich gehe fischen.“ Die anderen sagten zu ihm: „Wir kommen mit dir.“ Sie gingen hinaus und stiegen in

das Boot, aber in jener Nacht fingen sie nichts. Als es schon Morgen war, stand Jesus am Ufer, die

Jüngerinnen und Jünger wussten jedoch nicht, dass es Jesus war. Da sagte Jesus zu ihnen: „Kinder, ihr habt

wohl keinen Fisch?“ Sie antworteten ihm: „Nein.“ Er sagte zu ihnen: „Werft das Netz auf der rechten Seite des

Bootes aus, dann werdet ihr welche finden.“ Sie warfen es aus und konnten es nicht mehr herausziehen wegen

der Menge der Fische. Da sagte jener Jünger, den Jesus liebte, zu Petrus: „Es ist Jesus, der Lebendige.“ Als

Simon Petrus hörte, dass es Jesus sei, zog er sein Oberkleid an, denn er war nackt, und sprang in den See.

Die anderen Jünger kamen mit dem Boot, denn sie waren nicht weit vom Land entfernt, nur etwa 100 Meter.

Sie zogen das Netz mit den Fischen. Als sie an Land stiegen, sahen sie ein Kohlenfeuer mit Fischen darauf

und Brot. Jesus sagte zu ihnen: „Bringt von den Fischen, die ihr jetzt gefangen habt!“ Simon Petrus stieg aus

dem See hinaus und zog das Netz an Land. Es war mit 153 großen Fischen gefüllt. Obwohl es so viele waren,

zerriss das Netz nicht. Jesus sagte zu ihnen: „Kommt und frühstückt!“ Niemand von den Jüngerinnen und

Jüngern wagte zu fragen: „Wer bist du?“ Denn sie wussten, es war Jesus, der Lebendige. Jesus kam, nahm

das Brot und gab es ihnen, und den Fisch ebenso. Dies war schon das dritte Mal, dass Jesus seinen

Jüngerinnen und Jüngern erschien, nachdem er von den Toten auferweckt war.

 

Liebe Gemeinde!

Zum dritten Mal erscheint der Auferstandene, der Lebendige. Und das war nicht wirklich so, also wie Kinder

sagen würden „in echt“, sondern es ist eine Geschichte, die noch dringend all den anderen Geschichten mit

Jesus hinzugefügt werden musste, damit sich der Kreis schließt. Der Kreis des Wirkens Jesu, der am See

begann, wo die Jüngerinnen und Jünger zu Menschenfischern wurden.

 

Die Jüngerinnen und Jünger sind an den See Genezareth zurückgekehrt. Nach Galiläa. Sie tun wieder das, was

sie damals liegen ließen, ihre Arbeit. Das Fischen.

Es ist Abend geworden. Petrus, der Anführer sagt: „Ich gehe fischen.“ Die anderen sagen: „Wir kommen mit.“

So geht das oft. So einfach. So banal.

Sie fischen die ganze Nacht. Sie fangen nichts.

Diese Geschichte gab es schon mal. Sie fischten die ganze Nacht, doch sie fingen nichts.

Es wird Morgen, ein sanftes Licht zieht am Himmel hoch. Es ist die kälteste Stunde der Nacht. Alle sind müde

und erschöpft. Die Anstrengung war bisher vergeblich. Dem Ufer schon recht nahe, ca. 100 Meter entfernt ist

eine Gestalt zu sehen. Sie spricht zu den sich nahenden Fischern: „Kinder, ihr habt wohl keinen Fisch?“

Sie rufen zurück: „Nein!“

„Na, dann werft euer Netz mal auf der rechten Seite des Bootes aus!“

Die rechte Seite, ich muss schmunzeln. Mich erinnert das an die Geschichte von den Schildbürgern, die die

Stelle am Boot markierten, wo sie die Glocke versenkten. Die rechte Seite – ohne den schmunzelnden Blick

könnte das die richtige Seite bezeichnen – als ob es „die“ richtige Stelle je gäbe.

Wir verwechseln das oft: zum richtigen Zeitpunkt an der richtigen Stelle zu sein machen wir fest an

irgendwelchen Bedingungen, die „richtig“ sein sollen. Ich glaube, hier handelt es sich um so etwas wie den

richtigen Moment in dieser Dämmerstunde zwischen Nacht und Tag, zwischen der einen und der anderen

Wirklichkeit. Man könnte auch Kairos dazu sagen, Kairos bezeichnet einen solchen besonderen Zeitpunkt

am besonderen Ort.

 

Zu 3.

Plötzlich wird aus der Banalität des gewöhnlichen Tuns ein besonderes Tun. Unversehens wurde eine Grenze

überschritten, überfahren, übertreten.

Und sie fangen Fische, viele Fische, sehr viele Fische. So viele, dass das Netz eigentlich reißen müsste.

Große Fische: 153 Stück!

Es sei wohl sehr gerätselt worden, was diese 153 als Zahl zu bedeuten hätte. In dem Kommentar, den ich

benutzt habe, konnte das nicht geklärt werden. Ich verstehe das so: es waren ganz viele! Sehr viele! Nämlich

genau soundso viele. Es soll sich alles ganz wirklich anhören. Ja, das ist wirklich passiert. Auch wenn wir

heute wissen, dass es nicht so passiert ist. Wissenschaftlich sozusagen, an der körperlichen Realität

orientiert. Aber diese Realität ist eben nicht die einzige. Es gibt auch die Glaubensrealität. Die geglaubte

Wirklichkeit. In der ist alles möglich.

Und das hat mit Jesus zu tun, dem Lebendigen, wie die BigS übersetzt. Dem Auferstandenen, der überall

gegenwärtig sein kann, wo geglaubt wird.

Wo geglaubt wird, befinden wir uns häufig in diesem Dämmerungsbereich zwischen Nacht und Tag, zwischen

Tag und Nacht. Im Zwielicht, wie man auch sagt, in dem Bereich, in dem beide Lichter wirksam sind. Vielen

macht das Angst – genau: hier geht es um Vertrauen, um Mut. Vertrauen und Mut, Zuversicht und Hoffnung

an der Pforte der Hoffnungslosigkeit und Vergeblichkeit, an der Pforte zwischen Nacht und Tag.

Simon Petrus und der Jünger, den Jesus lieb hatte sind die beiden Personen, die allen voran Jesus erkennen

und bedingungslos ihrer Wahrnehmung vertrauen. Sie geben den Übrigen damit ein Beispiel, gehen ihnen voran

oder voraus, bis dahin, dass Simon Petrus sein Obergewand anzieht und damit ins Wasser springt.

Die Geschichte endet damit, dass auf einem Kohlefeuer Brote und Fische geröstet werden und als Frühstück

verzehrt werden.

„Kommt und esst!“ sagt Jesus, der, der ihnen auch gesagt hatte: „Werft eure Netze noch einmal aus!“

Alles ist wieder normal, so wie immer. Sie sind zusammen, sie essen und trinken – und doch ist es ein ganz

besonderer Tag, der da beginnt. Ein einmaliger Tag. Ein Tag wie alle anderen.

 

Gerade weil diese Geschichte so wunderbar komponiert ist, spricht sie mich heute, am 2.Sonntag nach Ostern

besonders an. Sagen wir mal, es sei 1900 Jahre her, dass sie aufgeschrieben wurde. Das macht nichts. Sie ist

so farbig, so lebendig, wie wenn sie eben erst geschehen wäre. Und das genau passiert Menschen auch heute.

Mit anderen Geschichten, die vergleichbar sind. Die Geschichten gehen anders. Aber immer wieder gibt es

diesen Sprung in der Wirklichkeit, der auf eine andere, eine Glaubens- und Vertrauenswirklichkeit hinweist.

Wer sich darauf einlässt, kann einen reichen Fang machen.

 

So bekommt bei aller historischen Kritik das Johannes-Evangelium einen versöhnlichen Schluss, der

keineswegs als judenfeindlich zu verstehen ist. Hier entsteht Identität für die, die mit dem auferstandenen

Jesus verbunden sind, ganz ohne Abgrenzung gegenüber der gemeinsamen Herkunft.

Wenn wir über unseren Glauben sprechen, geht es um solche Erfahrungen. Lehrmeinungen können zu Streit

führen. Glaubenserfahrungen sind bereichernd für jeden und jede, die berichtet, der zuhört. Amen.

 

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Predigt über Psalm 22,2

vom 4. Sonntag der Passionszeit, dem 03.04.2011

 

Liebe Gemeinde!

 

Heute, am 4. Sonntag in der Passionszeit, möchte ich mich mit Ihnen dem Thema Verzweiflung annähern.

Es ist ein Wagnis, das braucht Mut. Wäre ein grundlegender Mut nicht da, könnte ich das Thema nicht wagen.

Ich lade Sie ein, gemeinsam dieses Wagnis einzugehen. In Gemeinschaft sind wir jede und jeder beschützter.

 

Jesus ruft am Kreuz:

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Eli, eli, le’ma sabachtani! So ähnlich mag es auf aramäisch geklungen haben.

Worte aus dem 22. Psalm.

Und der lautet weiter in den Versen 2.3.7 und 15:

Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne.

Mein Gott, des Tages rufe ich dich, doch antwortest du nicht, und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe.

Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch, ein Spott der Leute und verachtet vom Volke. Ich bin ausgeschüttet

wie Wasser, alle meine Knochen haben sich voneinander gelöst; mein Herz ist in meinem Leibe wie

zerschmolzenes Wachs.

 

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!

Wie viele Menschen haben diesen Schrei in ihrem Leben erlebt.

Wie viele Menschen ihn heute schreien in den Naturkatastrophen und den menschengemachten

Katastrophen unserer Zeit –!

Es ist Passionszeit. Zeit, in der wir das neue Leben nahen sehen können. Zeit, die dunklen Themen

zu betrachten, das Finstere zu beleuchten und daran zu wachsen. Passion ist nicht nur Leiden, es ist auch

Leidenschaft. Es ist der Mut, das Leiden zu sehen und auszuhalten, an ihm zu wachsen, aus ihm zu lernen.

Es ist der Blick auf Jesus am Kreuz.

 

Ich möchte jetzt mit Ihnen einen Weg gehen, der Schmerzpunkte berühren kann. Einen Weg in Stationen.

Sie sind gehalten, aufgefangen in Gottes Hand. Und Sie können sich jederzeit abseits hinstellen und

zuschauen, wenn Sie nicht mehr hinspüren möchten.

 

Mein Gott, warum hast du mich verlassen!

Verlassen. Allein. Einsam. In Schmerzen, bestimmt von Schmerzen, im Körper, in der Seele.

 

Peter L. Niegel dichtet:

Immer noch im Werden

 

Meine Seele verletzt, mein Körper kalt und erstarrt

in diesen tausend dunklen Gefühlen der Angst, der Traurigkeit,

der Verzweiflung

 

Widersinnig ist mir das Gekrieche

in dieser mundtot gemachten und tausendfach vergewaltigten

Welt

Unmöglich Worte zu finden

 

Wenn das Maß überläuft

Wenn die Wahrheit so weh, so sehr weh tut

 

Wenn ich keinen Weg mehr zu mir selbst finde

Wenn ich mich selbst nicht mehr erkenne

 

Und doch – ich spüre es

Ich bin noch immer im Werden

 

Immer wieder zerrissen in mir

So chaotisch, so höllisch, so schmerzvoll

 

Und dann gibt es ein Wort, einen Brief, eine Berührung

dass aus dem Chaos die Ordnung entsteht

 

Bloß wann, bloß wann?

 

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Ich kenne so viele Menschen, die das rufen. Und ich habe es selbst oft getan. Ich blicke auf den Jesus, der

das ruft und verbinde mich mit ihm, verbinde mich mit denen, denen es ähnlich geht:

der Frau in der Klinik, die ich einige Jahre kenne. Sie ist so schwer krank, sie sagte, sie wolle lieber sterben

als weiterleben. Und lebt doch weiter, jeden schwerfälligen Atemzug neu.

Ich denke an das Kind, das auf dem Foto des Briefes der Pastorin aus Tokio abgebildet ist. Es sucht seine

Eltern, sie sind nach dem Erdbeben verschwunden.

Ich denke an die Frau, die von Libyschen Soldaten vergewaltigt wurde und den Mut fand, in das Hotel einzudringen, in dem die Journalisten wohnen. Aller Scham und Schande zum Trotz fand sie den Mut, den

Journalisten und Journalistinnen ihre Geschichte zu erzählen.

Und mein Blick geht zurück zu diesem Jesus, dem Verzweifelten.

 

Manchmal ist der Schmerz der Verzweiflung zu groß. Dann macht man sich selbst tot, stumpft ab, wird fühllos. Ich will es nicht, schreit das Ich, ich will nicht! Es schreit. Immerhin. Es schreit.

 

Die Stunde der Angst (Christa Mathies)

 

Tropfen um Tropfen füllt sich die Schale

Mit Bitterkeit.

 

Es ist die Stunde des Argwohns.

Hinter vertrautem Gesicht

lauert Verrat.

 

Die Lemuren rücken vor.

Die Beklommenheit wächst.

Die Schlinge wird enger.

Es ist die Stunde der Angst.

 

Schrei

Bevor du erstickst!

 

Schreien, wütend werden, das hilft der Macht wieder auf. Eben noch Ohnmacht, jetzt immerhin Schrei.

Und bevor wir die Sackgasse der Wut betreten, lenken wir den Blick dorthin, wo der Schmerz wohnt:

Verlassen, verhöhnt, nichts ist übrig von dem Ich, das gerne lebt, gerne lebte. Angst vor dem Sterben,

Angst vor dem Tod, wie eine riesenmächtige Wolke legt sie sich auf den Schmerz, nimmt gefangen,

macht eng.

 

Ich rufe zu Dir, Gott,

gib Antwort!

 

Du hast mich geführt,

jetzt bin ich hier,

und es ist einsam, kalt und leer

und still – Du schweigst.

 

Wo soll ich Halt und Richtung finden,

wenn doch alles zerbricht?

Ich habe Dir geglaubt,

und Du schweigst.

 

Wenn ich jetzt falle, alles hinwerfe

Und mich weigere zu gehen …

Du schweigst.

 

Und wenn ich einfach gehe,

blind in irgendeine Richtung laufe ….

Du schweigst auch dann.

 

Du bist geduldig, Gott, in deinem Schweigen,

ausdauernd, hart.

 

Ich stehe in der Stille

Und ziehe mich auf mich zurück.

Ich möchte alle Weisheit

Dir vor die Füße werfen.

 

Doch wo sind Deine Füße,

wo die Grenze,

wo dein Außerhalb?

 

Du bist ein strenger Lehrer,

unausweichlich groß

indem Du frei lässt.

 

Du bist das Sein, lässt es auch Dich –

Du lässt niemals los.

Judith Magdalena Kornev-Rietmann

 

Jesus schrie noch einmal und hauchte seinen Atem aus.

Dieser Schrei war nicht das letzte Wort.

Doch wer verzweifelt ist, kann darauf nur hoffen.

Nähren wir die Hoffnung, die eigene und die anderer. Amen.

 

Alle Zitate aus dem Büchlein: Österlich leben, ein spiritueller Begleiter. Erschienen im

Verlag am Eschbach 2009

 

Lied 383 Bekanntmachungen Lied 346,1-

 

Fürbitte

Zu dir, Gott, schreien wir, den Schrei der Verzweifelten

Den Schrei der Trostlosen, den Schrei der Verlassenen, den Schrei der Geschändeten.

Zu dir Gott rufen wir die Frage ohne Antwort: Warum! Warum?!

Wir sind nicht mehr als Menschen, begrenzt in unserem Verstehen, begrenzt in unserem Leben

Wir würden diese Grenzen gern überschreiten

Doch wir scheitern daran, verzweifeln und stürzen in deine antwortlose Stille

Du, Gott, auf dem Grund unseres Betens

Du, Gott, über allem und unter allem

Du, Gott, wir hoffen auf dich – fang du uns auf.

Was uns persönlich bewegt, bringen wir in der Stille vor dich

-

Vaterunser …

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Predigt über Matthäus 26, 69-75

vom Sonntag Reminiszere, dem 20.03.2011

 

Liebe Gemeinde!

Es ist Passionszeit, Fastenzeit. Zeit, um über die unangenehmen Seiten des Lebens nachzudenken. Zeit der Reinigung von innen und von außen. Vorbereitungszeit für das größte Fest, das wir feiern können, das Fest des Lebens, der Auferstehung, das Fest des Sieges: Leben ist stärker als der Tod.

In diese Zeit hinein platzt die Naturkatastrophe des Erdbebens mit verheerenden Auswirkungen in Japan: der Tsunami hat ungezählte Menschenleben gekostet. Die Ausmaße der Atomkatastrophe sind noch nicht zu ermessen.

Und in diese Zeit hinein durften wir Anteil nehmen an dem gewaltfreien Befreiungskampf islamischer Völker in Nordafrika, die ihre Diktatoren herausgefordert haben. Den Menschen in Libyen gilt unsere besondere Sorge und Aufmerksamkeit.

Räumlich sind wir weit entfernt von dem Geschehen. Doch die Welt ist kleiner geworden. Schneller bekommen wir Informationen und sind verbunden mit den Menschen, Schwestern und Brüdern, die wir nicht persönlich kennen und die doch einfach leben möchten. So wie wir auch.

Vieles von dem, was dort geschieht, können wir nur ahnen. Teils weil die technischen Informationen nicht transportieren können, was geschah. Teils weil die Informationen teil der Politik sind. Jede Regierung teilt zunächst im Fall einer Katastrophe mit, es bestünde keine Gefahr für die Bevölkerung. Bis sich dann anderes herausstellt.

Sieben Wochen ohne ausreden heißt die Fastenaktion der evangelischen Kirche. Es gibt einen Kalender, der für jeden Tag eine Situation zeigt, die geeignet ist zu sagen: Ich war’s nicht. Ich habe ihn im Gemeindehaus aufgehängt, er zeigt Bilder und Worte, die Menschen mit und ohne Humor einladen, sich ein Stück weit auf sich selbst zu besinnen. Z.B. eine Küchenspüle voll benutzten Geschirrs. Dazu ein Text von Al Gore. Oder eine Wiese, auf der junge Menschen Bockspringen spielen. Dazu der Text, Eisenhower zugeschrieben: Die Suche nach Sündenböcken ist von allen Jagdarten die einfachste.

Wie einfach ist es, im Fall einer schlimmen Lage zurück zu schauen. Wie einfach ist es, nach Schuldigen Ausschau zu halten und sich selbst frei zu halten: Ich war’s nicht.

Jetzt aber ist es so schlimm gekommen, dass sich niemand mehr frei halten kann.

Wir haben nur diese eine Erde.

Wir atmen die Luft aus der einen Atmosphäre.

Jetzt ist es spätestens so weit, dass wir genau jetzt hinsehen müssen: So ist es. Von all dem, was geschah und geschieht, kann uns niemand frei halten. Wir können allenfalls mitwirken daran, den Schaden zu begrenzen. Denn der Schaden ist da.

Es ist zunächst ein sichtbarer Schaden: die Verwüstungen des Tsunami sind als Bilder an uns alle herangekommen. Es ist ein zu ahnender Schaden, der die beiden Atombomben von Hiroshima und Nagasaki bei Weitem übersteigt. Radioaktivität kann man nicht sehen.

Und es ist ein Vertrauensschaden: Atomenergie ist nicht sicher. Wir haben denen vertraut, die uns glauben machen wollten, Atomenergie sei sicher.

Wir haben ihnen geglaubt. Ich war’s.

Nicht: Die haben uns belogen, du warst’s!

Ich habe Verantwortung für mein Leben. Und nicht: du hast Schuld.

Der Text, den ich eben vorlas aus Mt 26, 69-75 schildert so eine Situation:

Feststimmung in Jerusalem, es soll Passah gefeiert werden, ein schönes, ein fröhliches Fest.

Jesus und seine Jünger sind auch dort, wollen auch das Passahfest feiern.

Bei der letzten Mahlzeit, die sie gemeinsam einnahmen, gab Jesus ihnen die Sinnworte mit: brot des Lebens, Kelch des Heils. Alle schworen ihm ihre Treue. Zu Petrus sagte er: „Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnet haben.“

Am Nachmittag geschah die Katastrophe: Jesus wurde gekreuzigt. Die Jünger Jesu zerstreuten sich. Petrus war allein unterwegs und drückte sich in der Nacht in den Winkeln der Stadt herum. Er setzte sich in einen Hinterhof, in dem auch andere Menschen sich aufhielten.

Eine Sklavin spracht ihn an: „Du warst auch bei Jesus!“

Petrus: „Ich weiß nicht, was du meinst.“

Er verließ den Hof.

Im Tor sagte eine andere Sklavin: „Sieh mal, der gehört auch zu Jesus, dem Nazoräer.“

Petrus: „Ich kenne ihn nicht.“

Kurz darauf sagen herumstehende Leute zu Petrus: „Du bist auch einer von denen. Dein Dialekt verrät dich.“

Petrus griff zum Fluchen und zum Schwören, ich nehme an, er wurde laut. Er sagte: „Ich kenne den Mann nicht.“

Da krähte ein Hahn.

Petrus ging ‚nach draußen’ und weinte bitterlich.

Wo auch immer dieses „Draußen“ ist.

Für mich ist es die aufgebaute Scheinwirklichkeit, in der der Petrus sich bewegt hat, die er verließ. Nach „Draußen“ ist dort, wo das Wirklichkeit ist, was wirklich ist. Auch wenn es unerträglich scheint. Auch wenn es furchtbar wehtut.

Diese Wirklichkeit kennt kein Zahnpasta-Lächeln, keine Profitmaximierung, kein Prestige.

Diese Wirklichkeit ist nackt und verletzlich, aber lebendig.

Petrus weinte bitterlich, Petrus weinte verzweifelt, so wird es auch übersetzt.

Sein Weinen, seine Tränen erlösen ihn. Es tut ihm furchtbar weh, er ist verzweifelt. D.h. er sieht auch nicht, wohin der Weg ihn weiter führen kann und wird.

Aber er lässt los von der alten Scheinwirklichkeit, in der das Überlebensgesetz der Lüge gilt. Er gibt sich hin dem, worauf er wirklich vertrauen kann, das so ohne Waffen daher kommt und ihm sein Vertrauen und seine Liebe zurückgibt. Die Liebe, die er bei Jesus entdeckt und zu leben gelernt hat.

Ich glaube, dass unsere gegenwärtige Situation mit der des Petrus vergleichbar ist.

Die eine Katastrophe ist geschehen. Das Erdbeben, der Tsunami, die Naturgewalt.

Ihr anderer Teil ist selbstgemacht und steht in unmittelbarem Zusammenhang mit unserem Hunger nach Energie, der Ideologie des Größer, Schöner, Schneller, Besser, Mehr. Dazu gehört der Satz: „Ich war’s nicht!“

Die Einsicht: „Ich bin’s!“ ist ein schmerzlicher Schritt. Aber ein heilsamer. Vieles muss durchgeschmerzt werden auf dem Weg des Erkennens: Ich bin’s. Drum ist’s besser, wir gehen ihn gemeinsam. In der Passionszeit. In der Fastenzeit. In dieser Gemeinde. Hier im Gottesdienst.

Im Namen des Jesus, der von den Toten auferstand, der auferweckt wurde zu neuem Leben. Ein stärkeres Bild des Heilwerdens kenne ich nicht.

Amen.

 

Für unsere gegenwärtige Situation habe ich schon mit dem Psalm 69 das Bild des Wassers benutzt.

Das Lied 568 nimmt dieses Bild wieder auf.

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Predigt über Johannes 8, 12-16

vom 2.Weihnachtstag 2010

 

Liebe Gemeinde!

 

Weihnachten ist das Fest der Lichter. In der Tiefe der Nacht werden sie alle angezündet: Der Adventskranz,

die Lichter am immergünen Baum.

Hier auf Amrum war es spüren, was Margot Käsmann forderte: Advent ist erst im Dezember. Der Schmuck für die Weihnachtszeit kam erst nach dem Ewigkeitssonntag in die Vorgärten und an die Straßen.

Und jetzt leuchten sie alle.

 

Heute sind wir hier versammelt im Nachsinnen. Der Heiligabend ist vorbei, die Aufregung hat sich gelegt. Geschenke, die dieses Fest würzen, sind ausgepackt.

 

Es geht um die tiefere Bedeutung. Und heute geht es um das Licht. Jesus spricht:

Ich bin das Licht. Und alle, die mir folgen, werden nicht mehr in der Finsternis umherirren, sondern das Licht des Lebens haben.

 

Licht.

Die erste Tat Gottes im uranfänglichen Schöpfungsbericht war der Satz: Es werde Licht. Oder: Licht werde.

Das, was vorher war, war Chaos, Wüste, Dunkelheit. Licht trennt die Dunkelheit auf in Tag und Nacht.

Die Dunkelheit ist nicht fort, doch sie ist nicht mehr das Einzige.

Damit Leben sein kann, braucht es uranfänglich Licht.

 

Licht ist immer wieder Metapher für Klarheit, für Wahrheit, für die Gegenwart Gottes. "Dein Wort ist meines Fußes Leuchte" (Ps 119,105), Jesus trifft sich auf dem Berg mit Mose und Elia "im Licht" -

Jesus IST das Licht.

So schreibt Johannes es auf, ca 100 Jahre nach Jesu Geburt.

Das ist Glaubenswort, geglaubtes Wort. Das ist eine auf Jesus angewandte Metapher, die ihm in den Mund gelegt wird.

Natürlich klingt es anmaßend, wenn einer sagt: "Ich bin das Licht!" Wir können davon ausgehen, dass Jesus das von Johannes in den Mund gelegt wurde - mit guter Absicht.

 

Der Zusammenhang dieses Wortes wird so komponiert, dass man sich ein Streitgespäch vorzustellen hat, bei dem Jesus sagt: Ich bin ..., und andere, die Pharisäer, bezweifeln das. Beide beharren auf ihrer Position, das Ergebnis ist kein Dialog, also auch kein Frieden, sondern Streit, Auseinandersetzung.

 

Hier gilt es, genau hin zu hören.

Johannes, einer der fünf verschiedenen Johannesse des Neuen Testamentes, gehört in eine Gruppe, die der jüdischen Gemeinde sehr nahe stand. Die jüdische Tradition, die Rituale, alles, was zum Judentum seiner Zeit gehörte, war auch seines und das seiner Freundinnen und Freunde. Doch in einem unterschieden sie sich kräftig: Johannes und seine kleine gruppe bezogen sich auf Jesus als den Gesalbten, auf Jesus als den Messias: Gott hat endlich sein Versprechen eingelöst und den Messias geschickt: in Jesus. Und das ist wesentlicher Bestandteil des jüdischen Glaubens gewesen über viele hunderte Jahre: eines Tages schickt Gott den Erlöser!

Für die Johannes-Gruppe stimmte das, für den größten Teil der jüdischen Gemeinde nicht.

Das führte zu scharfen Auseinandersetzungen, zu Abgrenzungen und zum Schluss zur Trennung.

Übrig geblieben sind polemische Worte gegen "die Juden", die dann schlimme Geschichte machten und bewirkten. Erst in jüngerer Zeit ist darüber geforscht worden, wurde der Antisemitismus in dieser Wurzel aufgedeckt. Hier in den Johannes-Texten ist der antisemitische Bezugspunkt des sich später bildenden Christentums.

Man kann es auch anders sagen: Hier bildet sich Kirche in scharfer Abgrenzung zum Judentum. Und diese Abgrenzung ist so nötig wie der Streit unter Geschwistern: man weiß besser, wer man ist, wenn man schonmal weiß, wer man nicht ist.

 

Lassen Sie uns dieses als historische Tatsache in dem Streitgespräch abgebildet sehen und uns nun dem Inhalt zuwenden:

 

Jesus ist das Licht der Welt -

alle, die ihm nachfolgen, werden nicht mehr in der Dunkelheit umher irren -

sondern sie werden das Licht des Lebens haben.

 

Das Weihnachtschristentum beschwört die Krippe, die Familie, Harmonie und Frieden.

Wenn man genau hinsieht, zieht es im Stall, besonders hygienisch dürfte es auch nicht zugegangen sein, der Vater des Kindes ist unbekannt, die Mutter blutjung - eigentlich ist der Stachel unübersehbar. Trotzdem schauen wir systematisch fort.

Der Jesus des Johannes hat keine Krippe, hat nicht die Bodenhaftung des Lukas-Berichtes, dafür aber eine Geisteshaltung, die ihn über alles, was bisher bekannt war, hinaus leuchten lässt:

Er blieb gewaltfrei bis zum Schluss, als er gewalttätig ermordet wurde.

Er überwand den Tod - oder besser gesagt: in ihm wurde der Tod überwunden, denn das hat er nicht aktiv betrieben, - er wurde auferweckt, er lebte wieder - und das noch heller, noch strahlender.

 

Jesus sei fortan der Blickpunkt für die, die sich auf Gott beziehen und Gott doch nicht greifen, spüren, erkennen können. Für die, die in den Geheimnissen der Tradition forschen und doch noch immer fragen: Hier, schaut her: Jesus ist das Licht der Welt!

Wie ein Leuchtfeuer in der Nacht gibt das Orientierung, Wegweisung. Dem kann man folgen. Und wenn man das tut, wird man selbst leuchten, wird zum "Licht des Lebens".

 

Immer wieder brauchen wir das: Wir lassen uns vom Leuchten anderer anstecken, ein Funke springt über und das Leben wird schöner als vorher. In Jesus ist der abgebildet, der Licht in Hülle und Fülle hat, von dem wir uns anstecken lassen können.

 

Bei der Taufe überreichen wir heutzutage eine Taufkerze mit genau diesem Wort: Jesus spricht: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis umherirren, sondern das Licht des Lebens haben.

Die Weihnachtsbotschaft wird hier mit dem ganzen Leben verbunden. Und das ist dann nicht nur die Krippe, sondern auch das Kreuz.

 

Advents - und Weihnachtsbeleuchtung kann man auch ohne Jesus "einfach schön" finden. Man kann aber auch in jedem angezündeten Licht einen Hinweis auf Jesus sehen, der das Licht der Welt ist für die, die auf dem Weg sind, dem Licht des Lebens, der Lebendigkeit, der Auferstehung zu folgen.

Wenn man seinen Blick dann noch weitet, kann man in jedem Sonnenstrahl Gott erkennen.

Das ist ein besonderer Blick, eine besondere Perspektive. Und die kann man bestimmt nicht immerzu aushalten. Doch es ist ein Schatz, wenn das glaubende Sehen zu einem tieferen Sehen, einem tieferen Verstehen werden kann.

Möge jeder und jedem von uns dieser Schatz in dieser Zeit mal geschenkt sein.

Amen.                                                                                                                                     nach oben

 

 

 

Predigt über Jeremia 23

vom 2.Advent 2010

 

Liebe Gemeinde!

 

Am vergangenen Sonntag, dem 1.Advent, feierten wir hier zusammen mit Kindern Gottesdienst. Ein Stück wurde gespielt, in dem das Schiff, beladen mit einem Kind, in die Kirche einzog. "Es kommt ein Schiff geladen...", dieses bedeutungsschwere Lied war Wegweiser in den Advent.

 

Prophetenstimmen wurde gelesen: Er wird bald kommen. Ja, er kommt! Wir warten auf den König. Aber der König kommt nicht in Pracht, er wird klein sein. So klein wie der Ort Bethlehem, der vom Glanz der Nachbarstadt Jerusalem überstrahlt wird.

Er wird kommen.

Er wird kommen.

Wir warten.

Wann kommt er endlich?

Kommt er?

Er wird kommen! Ganz bestimmt.

 

2000 Jahre ist dieses Warten inzwischen alt. Jesus kam, wurde geboren, lebte und starb. Unser Glaubensbekenntnis erzählt nur von diesen kurzen Stationen: Empfängnis, Geburt, Leiden und Tod. Und Auferstehung. Auferstehung in ein anderes Leben, ein Leben an der Seite Gottes, ein Leben in der Nähe Gottes, ein Leben wie Gott. Und wir Christinnen und Christen haben uns inzwischen in alledem eingerichtet, auch in seiner Widersprüchlichkeit.

 

Es kommt immer wieder mal vor, dass Menschen Anstoß daran nehmen, dass ich die jüdische Tradition zitiere, die Israelitische Herkunft Jesu und seiner Leute ausdrücklich nenne. Das geschieht durchaus mit Absicht. Denn die Geschichte Jesu gründet auf der Geschichte des jüdischen Volkes, der jüdischen Traditionen. Sie gehört zu unserer Tradition dazu wie das Alte Testament zur Bibel.

Und so kommt heute eine Stimme aus dieser Tradition zu Gehör, die schon am letzten Sonntag hier erklungen ist, gelesen wurde von einem Kind, die Stimme Jeremias.

 

Ich lese uns Jeremia 23, 5-8

Seht, die Zeit wird kommen, - so Gottes Spruch - da lasse ich für David einen gerechten Spross erstehen; diese Person wird umsichtig herrschen und Recht und Gerechtigkeit im Land umsetzen. Zu jener Zeit wird Juda Hilfe zuteil werden und Israel in Sicherheit wohnen. Ihr Name wird sein: Gott ist unsere Gerechtigkeit.

Deshalb seht, die Zeit wird kommen, - so Gottes Spruch- da sagt niemand mehr: So wahr Gott lebt, Gott hat die Kinder Israels aus dem Ägyptenland herausgeführt. Es ist vielmehr zu hören: so wahr Gott lebt: Gott hat die Nachkommen des Hauses Israel aus dem Nordland herausgeführt und aus allen Ländern, in die ich sie zerstreut habe, und hat sie hingebracht, damit sie auf ihrem eigenen Boden wohnen können.

 

Um hier die Zusammenhänge zu verstehen, braucht man etwas Vorwissen.

Jeremia war ein Prophet. Propheten haben das von Gott auszurichten, was ihnen aufgetragen wird, ob sie das wollen oder nicht. Im Falle Jeremias wurde das aufgeschrieben durch einen Schreiber, der diesen Worten Bedeutung und Gewicht beimaß. In vielen Fällen wurden Propheten auch für verrückt gehalten: Sie nahmen Dinge wahr, die andere nicht sehen und erkennen konnten - und wollten.

Im Buch des Propheten Jeremia kann man viel vom Zorn Gottes lesen. "Spruch Gottes" heißt es dann, die Ich-Rede ist Gottesrede. Da ist der Mensch, der das sagt, überhaupt nicht mehr wichtig.

Und die Menschen, zu denen er spricht, sind Angehörige des jüdischen Volkes. Die sind nicht zuhause bei sich. Denn sie sind vertrieben worden, deportiert nennt man das. Ein Kriegherr hat das jüdische Volk militärisch besiegt. Die Bauern hat er zuhause gelassen, aber die Führungsschicht, also die gebildeteren Menschen, die Leute, die machen, dass das Land funktioniert und die Sitten und Regeln eingehalten werden, die hat er nicht umgebracht sondern mit zu sich nach hause genommen. Dort lebten sie nun als Fremde, als Entwurzelte in ständiger Angst, etwas falsch zu machen. Natürlich mussten sie sich anpassen. Und natürlich vergaßen sie dabei, was ihre eigenen ursprünglichen Regeln gewesen waren. Wie schnell spreche die Kinder dann nur noch die Sprache des Landes, in dem sie leben und nicht mehr die Muttersprache von Vater und Mutter.

 

Jeremia lebte ungefähr um 600 vor Christi Geburt in dieser Zeit des großen Durcheinanders, in dieser Zeit der Heimatlosigkeit.

Er möchte trösten, bzw. Gottes Stimme in ihm tröstet die Leute:

für David wird ein gerechter Spross erstehen -

das heißt: so einer wie David, der mal König war für Israel, nur ein gerechter, nicht so ein verwegener Freischärler, so einer wird kommen und euch alle leiten. Ihr bekommt einen König, auf den sollt ihr schauen und euch dann einig sein.

Denn er ist gerecht.

Nicht so ungerecht und eigennützig, so machtbesessen und korrupt wie die anderen Herrschenden.

 

Da kommt einer, der ist gut, dem könnt ihr vertrauen. Er ist ein König.

In mir erklingt die Strophe aus dem Lied macht hoch die Tür: er ist gerecht, ein Helfer wert, Sanftmütigkeit ist sein Gefährt ...

 

Und nun kommt noch eine Verheißung dazu, die wir alle besonders zu Weihnachten erfahren: Die Sehnsucht danach, ein Zuhause zu haben und auch wirklich geborgen zu sein, diese Sehnsucht wird erfüllt. Die Prophezeiung heißt:

Seht, die Zeit wird kommen, da sprechen wir nicht mehr von dem Gott, der das Volk aus der Sklaverei geführt hat, sondern von dem Volk, das Gott nach Hause gebracht hat, damit es auf eigenem Boden wohnen kann.

"Eigener Boden" für viele ist das Grund und Boden, ein eigenes Haus, die Scholle - oder wie auch immer man das Nennen soll. Für das Volk Israel in der Situation, die ich geschildert habe, war es das eigene Land. Nach dem 2. Weltkrieg wurde aus dieser Hoffnung das Land Israel gegründet, eine Hoffnung, die politisch ausgegriffen und die dann auch politisch realisiert wurde.

 

So stark ist diese Sehnsucht, so möchte ich sie mal nennen, dass sie Menschen und Völker über Jahrtausende bewegt. Sie gehört zu den Ur-Hoffnungen, Ur-Sehnsüchten. Sie ist archaisch. Und sie ist es auch, die angesprochen wird, wenn wir auf den Stall blicken.

Ein windiger Stall oder ein hochwärmegedämmtes Haus: der Mythos von der Erwartung des Nachhausekommens wird gebrochen: Verwechsle die konkrete Realität nicht mit dem Urbild!

Dein Haus oder dein Zuhause hängt nicht am Reetdach und auch nicht an der Erde, auf der es steht. Du teilst es mit denen, die zu dir gehören, in letztendlicher Wirklichkeit ist es in dir! Erst wen du diesen Ort gefunden hast - und das ist der Ort in dir, in dem Gott wohnt, dann kannst du es teilen.

Der "Eigene Boden", das ist jener innere Ort, ohne den jeder äußerliche Ort unbeseelt bleibt.

 

Nach-Hause-Kommen, für jeden und jede einzeln ist das ein schwieriges Thema.

Für eine Gemeinschaft ist das erst recht schwierig. Die Sarazin-Debatte zeigt es. Und unser Verhältnis zum Islam ebenfalls. Sogar in Bezug auf unsere Wurzeln sind wir unsicher, ungeborgen, wissen nicht bescheid und bekommen schnell Angst, etwas zu verlieren, über das wir uns zu definieren meinen. Ich war verwundert zu hören, dass es für viele undenkbar sei, dass wir eine Menora auf den Altar stellten - als Zeichen der Kontinuität mit dem jüdischen Volk, das sich auf David beruft, ebenso wie wir.

Unser Glaube hat Geschichten. Sie sind wie ein Kleid. Viele unserer Geschichten entstammen der jüdischen Tradition. Allen voran die Geschichte, dass wir auf einen Erlöser warten, der in Gerechtigkeit regiert. Dass wir sehnsüchtig darauf warten, dass er uns nach hause führt, auf unseren eigenen Boden - in unser eigenes Herz.

 

Die Adventszeit in der Kirche ist ganz anders als die Adventszeit in unserer sich christlich nennenden Kultur. In vielen Adventsfeiern wird das behagliche Zushausesein vorweggenommen. Wie wenn Weihnachten vier Wochen lang gefeiert würde.

Hier in der Kirche ist der Advent anstrengender: es ist Fastenzeit, Zeit der Vorbereitung, Zeit zum Nachdenken, Zeit in die Tiefe zu schauen. Zeit auch, sich dem vielleicht Unangenehmen zu stellen, alte Bilder zu überprüfen und der entstehenden Leere Raum zu geben, in der etwas Neues wachsen möchte.

Amen.                                                                                                                                 nach oben

 

 

 

 

 

 

 

 

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