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Predigten
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Predigt
über Offenbarung 1, 9-18
(vom
Sonntag, dem 29.01.2012)
Predigt
zur Jahreslosung 2.Kor 12,9
(vom
Sonntag, dem 01.01.2012)
Predigt
über Klagelieder 3, 22-26, 31-32
(vom
Sonntag, dem 09.10.2011)
Predigt
über Genesis 3, 23-24 (vom
Engelsonntag, dem 25.09.2011)
Predigt
über Matthäus 5, 21-26 (vom
Israelsonntag, dem 28.08.2011)
Abendfeier
vom 28.07.2011
Predigt
über Johannes 11, 35-42
(vom
Sonntag, dem 24.07.2011)
Predigt
über LK 15, 1-7 das verlorene Schaf
(vom
Sonntag, dem 10.07.2011)
Predigt
über Lk 14, 16-24 und Matthäus 22, 1-14
(vom
Sonntag, dem 03.07.2011)
Predigt
über Lukas 11, 5-13 (vom
Sonntag Rogate, dem 29.05.2011)
Predigt
über Johannes 21, 1-14 (vom
2. Sonntag nach Ostern, dem 08.05.2011)
Predigt
über Psalm 22,2 (vom
4. Sonntag der Passionszeit, dem 03.04.2011)
Predigt
über Matthäus 26, 69-75 (vom
Sonntag Reminiszere, dem 20.03.2011)
Predigt
über Johannes 8, 12-16 (vom
2.Weihnachtstag 2010)
Predigt
über Jeremia 23 (vom
2.Advent 2010)
hier
finden Sie die Predigten/Texte bis November 2010
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Predigt
über Offenbarung 1, 9-18
vom
Sonntag, dem 29.01.2012
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Liebe
Gemeinde!
Es
ist der 29. Januar. 2 Tage nach dem 27.Januar, dem Gedenktag der
Befreiung von Auschwitz, dem Konzentrationslager oder besser
Vernichtungslager.
Und
es ist wenige Tage vor dem 2. Februar, dem Tag, der auch Lichtmess
heißt. Dem Tag, an dem man sagt: das Licht kommt zurück.
Und
es ist der letzte Sonntag des Weihnachtsfestkreises, der letzte
Sonntag nach Epiphanias.
Es
ist Winter geworden.
Zu
diesem Sonntag gehören Licht-Metaphern. Geschichten, die mit dem
Licht zu tun haben. Sprechen lässt sich über diese Geschichten
als Licht, das als äußeres Licht zu sehen ist.
Gemeint
ist selbstverständlich ein inneres Licht: ein Licht, das in uns
Menschen hinein strahlt, ein Licht, das aus uns Menschen heraus
strahlt.
Die
Geschichte von Jesus und den drei Jüngern bzw. den drei
strahlenden Personen aus der Tradition Israels ist eine
Licht-Geschichte: Jesus wurde von den drei Jüngern, Schülern,
Freunden gesehen als einer, dessen Licht wie die Sonne leuchtete,
dessen Gestalt weiß wie Schnee im Licht erschien.
Die
Geschichte für heute steht im letzten Buch der Bibel, in der
Offenbarung des Johannes. Sie wird auch Apokalypse genannt.
Apokalypsis heißt übersetzt: Enthüllung, Entschleierung. Wir
bringen dieses Wort Apokalypse mit Schrecken in Verbindung. Das
liegt daran, dass es oft schrecklich ist, was man zu sehen
bekommt, wenn man den Schleier hebt. Im echten und im übertragenen
Sinn leben wir doch oft so, dass wir Unangenehmes „unter den
Teppich kehren“. Was aber ist, wenn wir den Teppich hochnehmen
und hinsehen? Dann können die einen oder anderen durchaus einen
Schrecken bekommen.
Johannes,
der die Apokalypse geschrieben hat, wird Prophet genannt. Aus der
Sprachanalyse seines Buches wird deutlich, dass griechisch nicht
seine Muttersprache ist. Eher ist es aramäisch oder hebräisch.
Er dürfte jüdischer Herkunft gewesen sein, eng vertraut mit
Geschichten, Bildern und Symbolen der hebräischen Bibel. Ein
Jude, der seinen Glauben durch das Kennenlernen der Botschaft Jesu
erweitert hat, verändert hat, einer, der durch die
Glaubenserfahrung im Horizont Jesu so geworden ist, dass er im römischen
Reich in Gefahr kam. Er wurde gefangen genommen und auf die Gefängnisinsel
Patmos verbannt. Dort muss er große Qualen erlitten haben. Hitze
und Durst sind Qualen, die wir uns noch vorstellen können. Es dürften
auch konkrete Gewalterfahrungen gegeben haben, die ihn bzw. seine
Person zerstören sollten.
Johannes
ist ein Visionär. Er sieht Dinge, die andere nicht sehen. Er
schreibt sie auf. Denen, die hören oder lesen, was er geschrieben
hat, entschlüsseln sie sich nicht auf den ersten und auch nicht
auf den zweiten Blick. Offb 1, 9-18:
9
Ich, Johannes, euer Bruder, der mit euch Bedrängnis, *Königtum
und Beharrungskraft in Jesus teilt, war wegen Gottes *Wort
und Jesu Zeugnis auf der Insel Patmos. 10 In *Geistkraft
geriet ich am Tag, der Jesu Herrschaft feiert. Hinter mir hörte
ich einen lauten Ton, wie von einer Posaune: 11»Was du siehst,
schreib in ein Buch und schicke den sieben *Gemeindeversammlungen,
nach Ephesus und Smyrna, nach Pergamon und Thyatira, nach Sardes,
nach Philadelphia und Laodizea.«
12
Ich drehte mich um, die Stimme zu sehen, die mit mir gesprochen
hatte.
Als
ich mich umgedreht hatte, sah ich sieben goldene Leuchter 13und in
der
Mitte
der Leuchter jemand, der einem *Menschen
ähnlich war, fußlang bekleidet
und
um die Brüste mit einem goldenen Gürtel gegürtet. 14Haupt und
Haare waren weiß wie Wolle, weiß wie Schnee, seine Augen wie
eine Feuerflamme, 15 seine Füße ähnelten geschmolzener Bronze,
wie im Ofen gebrannt, seine Stimme war wie das Rauschen großer
Wassermassen, 16 in seiner rechten Hand hatte er sieben Sterne,
aus seinem Mund ragte ein zweischneidiges, scharfes Schwert, wie
die Sonne in ihrer leuchtenden Kraft sah er aus!
17
Als ich ihn sah, fiel ich wie tot zu seinen Füßen. Er legte
seine Rechte auf mich und sagte: »*Fürchte
dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte 18und der Lebende.
Ich war tot, und da! ich bin lebendig bis in alle *Ewigkeiten.
Ich habe die Schlüssel des Todes und des Totenreichs. 19 Schreib
nun, was du gesehen hast und was ist und was danach geschehen
wird! 20Hinter den sieben Sternen, die du auf meiner Rechten
gesehen hast, und den sieben goldenen Leuchtern verbirgt sich
Folgendes: Die sieben Sterne sind Boten der sieben *Gemeindeversammlungen,
die sieben Leuchter sind die sieben Gemeindeversammlungen.
Johannes
ist ein Bote. Bote oder Engel, das griechische Wort dafür ist
fast dasselbe: angelos. Deswegen wird er auch oft als ein Mensch
mit Flügeln dargestellt, einer, der nicht nur auf der Erde
haftet, einer der fliegen kann. Einer, der weiter kommt als es
unsereiner oder unsereinem gegeben ist. Es kann passieren, dass
uns das Angst macht und wir es schon allein deshalb ablehnen,
damit zu tun haben zu wollen. Dann wird der Teppich wieder drüber
gelegt.
Oder
wir wagen es hinzusehen. In das Licht hinein.
Eine
Lichtgestalt sehen, sie sehen können. Das ist etwas sehr
Besonderes. Das ist keine Leuchtreklame, die man anknipsen kann.
Dazu gehört eine innere Voraussetzung, die den oder die, der oder
die sie hat, von dem normalen Alltagsgeschehen unterscheidet.
Natürlich
kann man sagen: Der oder die ist nicht normal. Ab in die
Psychiatrie. Und das passiert auch. Denn geistige Entwicklung, die
zur Kenntnis des tiefen Inneren gehört, ist in unserer Kultur
sozusagen „ausgestorben“. Fast. Vielleicht nicht ganz.
Wenn
ich von ausgestorben spreche, könnte ich auch sagen: umgebracht.
Das
Vernichtungslager Auschwitz steht für die Herrschaftshaltung, die
Missliebiges ausschaltet. Umbringt. Tötet. Kalt macht. Diese
Herrschaftshaltung ist absolut. Sie hat recht, sonst nichts und
niemand. Alles, was anders ist, ist bedrohlich, heißt: es bedroht
die Eindimensionalität dieser Haltung. Logisch, das darf nicht
sein, also …
Dass
es noch viel mehr gibt, wissen wir alle, die wir hier sind. Was
das sein mag, darüber können die Geister sich scheiden. Die eine
nennt es so, der andere nennt es so. Und vielleicht meinen beide
noch nicht einmal dasselbe.
Es
passiert mir z.B. immer wieder, dass ich mit Evangelikalen
spreche, die mir klar machen möchten, dass ich nicht den
richtigen Glauben habe. Im besten Fall können wir friedlich
auseinander gehen, indem wir anerkennen, dass wir unterschiedliche
Arten haben zu glauben, dass wir uns beide auf Jesus beziehen,
dass wir aber vereint sind in der Tatsache, dass wir glauben.
Eine
Glaubenshaltung wie diese brauchen wir, wenn wir diesen Text,
diese Geschichte an uns heranlassen möchten: es ist etwas möglich,
von dem ich bisher noch nichtmal ahnte, dass es das geben könnte.
Zurück
zu dem Johannes, der in Haft ist, der vermutlich gefoltert wurde,
der eine Kraft entwickelt hat zu sehen, die über das Irdische
hinausgeht.
Er
geriet in Geistkraft, heißt es. Er dürfte in einem Zustand
gewesen sein, der außer-gewöhnlich war. Und er war bei vollem
Bewusstsein. Träumen ohne zu schlafen, so könnte ich es mir
vorstellen, alles, was er erfährt ist „wirklich“, hat also
eine Wirkmacht. Aber es ist nicht zum anfassen.
Er
hört einen Schall wie von Posaunen. Kommentatoren schreiben, dass
das auch Schofarhörner gewesen sein könnten. Un der hört einen
Arbeitsauftrag: Schreibe auf, was du siehst und hörst und sende
es als Sendschreiben an die 7 Gemeinden.
So
ein Arbeitsauftrag geht tiefer als jeder andere. Er ist gesehen,
gehört, gefühlt und mit tiefer
Resonanz in der Seele empfunden.
Aufschreiben.
Das ist passiert. Und wer schreibt der bleibt. Daher haben wir
heute unseren Text, das ganze Buch.
Erst
hat der Johannes gehört, jetzt sieht er auch. Die
alttestamentlichen Seher verhüllten ihre Gesichter: Mose am
Dornbusch, Elia am Horeb, die Jünger auf dem Berg. Johannes sieht
genau hin. Denn er sieht seine Rettung, er sieht, was ihm Trost
gibt in der traurigen Lage: eine Lichtgestalt, menschlich aber überirdisch.
Wir dürfen sie getrost als den Messias identifizieren, als die
Person, für die Johannes diese ganze Trübsal inkauf genommen
hat, oder besser: die Identifikationsfigur, an der er sich für
sein Leben orientiert.
Jesus,
dieser Mensch und dieser begnadete Übersetzer dessen, was wahres
Menschsein ist, dieser Übermittler des Göttlichen mitten ins
Leben hinein hat den Tod überwunden. Hat die Angst überwunden.
Hat hingesehen auf das, was ist und hat sich in Wahrheit nicht
zerstören lassen. Er lebt, das, wofür er stand, lebt, ES lebt.
Dieses
ominöse ES wird lebendig in der Lichtgestalt.
Und
ES gibt Sinn für den Verzweifelten, für den Ohnmächtigen, der
sich nun im Kontakt weiß, in Verbundenheit mit dem, was ihm am
wichtigsten ist.
Johannes,
der Seher, läuft da nicht weg, schließt nicht die Augen, er
sieht hin, egal, wie sehr er sich fürchtet.
Die
Lichtgestalt bewegt sich auf ihn zu, legt ihm die Hand auf und
spricht: „Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte
und der Lebende. Ich habe die Schlüssel des Todes und des
Totenreiches.“
Ein
typisches Wort, das Engel immer sagen, ist: „Fürchte dich
nicht!“ Das können wir, die wir Engel nicht gesehen haben,
schmunzelnd feststellen. Wo ich von Engel-Erfahrungen gehört
habe, gab es immer einen ernstzunehmenden Schrecken. Gleich ob es
sich um individuelle Gewalterfahrungen handelte, um politische
Gewalterfahrungen oder ob es im Zusammenhang mit einem Unfall war.
„Fürchte dich nicht!“ Verkrampfe dich nicht bei allem
Schrecken und allem Schmerz, bleibe offen!
„Ich
bin der Erste und der Letzte.“ Es schließt sich ein kreis von
Erfahrungen, Anfang und Ende kommen zusammen, es gibt kein früher
und später mehr. Es gibt nur ein Jetzt.
Und:
„Ich habe die Schlüssel des Todes und des Totenreiches.“ Hier
ist die zweisprachige Erfahrung des Johannes spürbar. Das
Totenreich ist hellenistisch, der Tod ist eher dem jüdischen
Horizont zugehörig. Es geht um die Erfahrung, dass die letzte
Angst dem Tod gilt. Die Lichtgestalt hat den Schlüssel zum Tod
– sie hat die Macht, eine Türe zu öffnen und zu schließen,
die die Angst nimmt.
Im
Zusammenhang mit der arabischen Revolution habe ich Beiträge im
Fernsehen gesehen, in denen einfache Menschen wie du und ich mutig
von ihrem Leben und Denken und Handeln berichteten. Ich erinnere
eine Frau, die sagte: „Die Soldaten haben mich misshandelt, das
war furchtbar. Jetzt habe ich keine Angst vorm Sterben mehr.“
Man
nennt sie Märtyrer, diese Leute. Martys ist das Zeugnis, das sie
ablegen. Sie sind nicht Menschen, die sich mit Sprengstoff um den
Bauch opfern und andere in den Tod reißen. Es sind Menschen, die
sich und ihrer Sache treu sind, über die Grenze des Todes hinaus.
Die
Erfahrung von Licht in so einer Situation gibt Vergewisserung und
Halt. Sie orientiert den Menschen und lenkt Geist und Seele.
Viele
der Menschen, die die Shoa, das Entsetzen, überlebt haben, haben
berichtet von solchen und ähnlichen Erfahrungen. Ich habe auch
Zeugnisse von Frauen gehört, die vergewaltigt wurden, die in ähnlichen
Bildern der Vergewisserung sprechen.
„Du
kannst nicht tiefer fallen, als in Gottes Hand“, sagte Margot Käsmann
vor 2 Jahren, als sie zurücktrat. Wer je eine existentielle Krise
erlebt hat, der oder die dürfte zumindest anmutungsweise Ähnliches
erfahren haben: „Wenn du denkst es geht nicht mehr, kommt
irgendwo ein Lichtlein her.“ Oder so ähnlich.
Wie
banal das alles klingen muss, wenn es keine innere Resonanz hat,
denke ich mir am Schluss dieser geschriebenen Rede. Ich glaube,
das ist nur lebendig transportierbar. Amen.
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Predigt
zur Jahreslosung 2.Kor 12,9
Lesung:
2.Kor 12, 1-10
vom
Sonntag, dem 01.01.2012
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Liebe
Gemeinde im neuen Jahr!
Lass
dir meine Zuneigung genug sein. Gerade in den Schwachen lebt meine
Kraft!
Dieser
Satz wurde ausgelost aus den vielen vielen Sätzen, die in der
Bibel stehen. Ausgelost für das Jahr 2012. Losung genannt. Es ist
ein Satz, den man mitnehmen kann als etwas, was einen im
Untergrund weiterhin beschäftigen kann. Als ein Ort, an dem man
sich für dieses Jahr verankert, von dem aus man fragen und
antworten, grübeln oder einfach fröhlich sein kann.
Lass
dir meine Zuneigung genügen.
Zuneigung.
Liebe.
Bei
Luther heißt es Gnade. Aber das Wort ist für viele fremd
geworden, hat es sich doch in dem Ghetto Kirche und Theologie
wohler gefühlt als draußen in der Welt.
Zuneigung.
Zugewandtheit. Hinwendung. Liebevolle Hinwendung. Zärtliche
Zugewandtheit. Sympathie. Freundschaft. Ich und Du sind verbunden,
eines ist hier und das andere dort, doch beide verbindet ein
lebendiges Band, das man Liebe nennen kann.
Lass
dir meine Zuneigung genügen.
Du
musst nicht von allen geliebt werden, meine Zuneigung genügt.
Und
mehr kann ich dir nicht geben. Lass sie genügen.
Frage
nicht ständig nach mehr, mehr! „Mehr!“, schrie der kleine Hävelmann,
„Mehr!“ und fuhr kantaper kantaper in den Himmel hinein.
Genügen.
Wir
sind ein Volk geworden, das wie der kleine Häwelmann immer:
„Mehr!“ schreit.
Lass
dir meine Zuneigung genug sein.
Ganz
schön wenig, wenn man leidet! Schmerzen erträgt, Misshandlungen,
Hinfälligkeit. Paulus quält etwas, das muss sehr stark sein. Was
es ist, darüber gibt es allerhand Spekulationen. Entscheidend
ist: er empfindet Schmerzen, Leid. Das ist für ihn wie eine
Strafe: „Faustschläge des Teufels“ sagt er dazu, „damit er
nicht überheblich“ werde.
Wie
schnell legt sich auf die Empfindung Schmerz der Gedanke: Leid tut
weh, ist böse. Warum ist es böse? Was ist da böse zu mir? Oder
bin ich böse? Ah, da geht der Gedanke weiter: Wenn ich böse
gewesen sein kann, dann ist mein Leid eine Strafe. Und ganz
schnell gibt es eine Brücke über den Abgrund Schmerz, die heißt:
Leid ist böse, ist Strafe und ich bin selbst schuld. Das Gute an
diesem Schuld-Gedanken ist nämlich, dass man sich dann nicht mehr
so ohnmächtig fühlen muss. Irgendwas wird man schon getan
haben… hat jede und jeder von uns getan … war nicht so in
Ordnung ….
Mit
derartigen Gedanken reißen wir uns gerne rein in den nächsten
Abgrund. Und Paulus bewegt sich mit diesen Gedanken haarscharf auf
der Kante dorthin. Auf der Kante zur Depression.
Aaaaber,
er schafft die Kurve.
Von
irgendwoher, von außen und innen zugleich, von dorther, wo
Nicht-Ich ist, spürt er die Nachricht in sich aufsteigen:
„Lass
dir meine Zuneigung genug sein.
Gerade
in den Schwachen lebt meine volle Kraft!“
Es
ist, wie wenn er seinen Blick um 180° wenden würde:
Ich
sage Ja zu meiner Hinfälligkeit, meinen Schmerzen, meinem Kummer,
meiner Not.
Ich
sage Ja und sehe hin.
Ich
bin nicht so eine hervorragende Figur, wie ich es gerne wäre. Ich
lebe. Und ich habe meine Qualitäten, von ihnen spricht Paulus
auch in den Sätzen, die nach unserem Text kommen, aber es gibt
einfach Vieles bei mir, an mir und in mir, das ist schwach. Ich
sage ja dazu. Ja, so ist es. Ich finde das auch nicht schön. Aber
es ist so. Und es ist sowohl als auch da, das Angenehme und das
Unangenehme. Kein: „Entweder – oder“.
Pls
schreibt: „Ich sage ja zu den Krankheiten, den Misshandlungen,
den Notlagen, den Verfolgungen und Ängsten, da es für den
Messias geschieht. Denn wenn ich schwach bin, habe ich Kraft.“
Hier
gilt es nicht, eine Loosermentalität zu kultivieren. Hier geht es
um die größte Kraft, die es in uns Menschen gibt: die Kraft des
Liebens und der Hingabe an das Lieben.
Im
Blick auf den Jesus, der geliebt hat, der an nichts festgehalten
hat, der sich gelassen hat und selbst in seinem Prozess nicht
Recht haben wollte, kann auch ein Paulus von sich selbst ablassen
und spüren: Gerade da, wo ich am schwächsten bin, bin ich am stärksten.
Nämlich dort in mir, wo ich liebe.
Und
das wirkt von allein nach draußen.
Die
Korinther sind eine kunterbunte Gemeinde, bei der man eigentlich
nicht von Gemeinschaft sprechen kann. Sie sind so unterschiedlich,
sowohl in ihren Überzeugungen als auch in ihren Handlungen, dass
es für Paulus kaum auszuhalten ist.
Er
möchte es allen recht machen, das ist unmöglich.
Er
versucht es immer wieder, es ist noch immer unmöglich.
Er
findet sich selbst eigentlich gut, spürt aber den Gegenwind der
Kritik, möchte sich biegen und zerbricht fast daran. Das tut ihm
weh.
Dank
der inneren Weite, die er gewonnen hat, schafft er den
Perspektivwechsel und erkennt seinen wunden Punkt, erkennt den Ort
seiner Schmerzen, seines Leides. Er sieht hin, hält aus, was er
sieht, sagt Ja dazu – und es passiert eine eigentümliche
Verwandlung:
Gerade
in den Schwachen lebt Gottes volle Kraft.
Er
erlebt die volle Kraft Gottes.
Er
erlebt sie als Zuneigung, Zuwendung, als Liebe – oder eben mit
dem alten mächtigen Wort gesagt, er erlebt Gnade.
Seine
Kraft fließt wieder.
So,
wie Paulus gestrickt ist, kann er nichts anderes tun als es
aufschreiben, es weitersagen. Gut, das handelt ihm einerseits Ärger
ein. Andererseits bekommen wir Anteil an etwas, das ist, würden
wir das von uns selbst öffentlich machen, eher mit Scham besetzt.
Wer gibt schon gerne zu, was, wie und wo seine Schwächen sind? Es
besteht die Gefahr, dass andere schamlos darauf herumtrampeln.
Allzumal in unserer Kultur.
Wäre
es hier nicht höchste Zeit für eine Konversion? Für eine
Wandlung, eine Veränderung um 180°, für eine Buße, wie sie
z.B. am Anfang des Markus-Evangeliums steht im Zusammenhang mit
der Taufe Jesu: Kehrt um und tut Buße! ?
Denn
wir haben den Gott der Stärke und Allmacht in den Kirchen
jahrhundertelang angebetet.
Und
es gilt bei diesem Götzen das Recht des Stärkeren.
Wir
haben gesellschaftlich den Gott des Geldes als der eigentlichen
Macht angebetet. Nietzsche hat diese beiden Götzen auch als
Bewohner der Kirchen überführt und damit ausgesprochen, was
lange als Missbrauch in den heiligsten Räumen gewohnt hat: Das
zarte Wort von der Liebe zum zerbrechlichen Leben wird zum
Machtwort von der Herrschaft über das Leben anderer Menschen. Bis
heute, nur bis gestern hoffentlich.
Denn
heute ist ein neues Jahr.
Heute
kann es anders weitergehen. Heute muss es nicht so bleiben, wie es
war.
Doch
das setzt voraus, dass auf dieser Insel des heutigen Tages ein
Leuchtturm entsteht, der aufmerksam und hell dorthin strahlt, wo
es sonst dunkel ist. Dorthin, wo unser eigener Schmerz wohnt,
dorthin, wo Leid ist.
Der
Kraftstoff für diesen Leuchtturm ist das Lieben, mit dem wir zu
jeder Art von Leben ja sagen. Und aus dem Handlungen erwachsen,
die vom Lieben gespeist werden. Schon das liebevolle Hinsehen ändert
etwas, bewirkt eine Konversion. Handeln, das keine kalte Moral
bleiben kann, ist dann Folge des Liebens. Folge der Liebe zum
Leben.
Dieses
Leben ist schwach und zerbrechlich.
Es
ist angefochten: „Wer braucht mich schon?“
Es
ist endlich, ob mit Krankheiten oder ohne.
Es
ist wunderschön. Und tieftraurig zugleich. Und trotzdem
lebenswert als einmalige Chance, jeder Tag ein Geschenk.
Leben
ist schwach und stark zugleich.
Es
ist hell und dunkel zugleich.
Eine
unglaubliche Fülle tut sich auf für die oder den, der hinsieht
mit dem Blick des Leuchtturmes: einmal rundum, 360°. In dieser
zugemuteten Fülle steckt „Gottes Zuneigung“, für die das
Wort Größe oder Macht nur ungenügende und missbräuchliche Wörter
sind. Doch wir haben keine anderen Worte als diese. Außer
vielleicht dem in die Verbannung geschickten Wort Gnade?
Auch
im neuen Jahr werden wir also die Mühe nicht los, uns immer
wieder wachsam zu fragen, ob wir da nicht doch wieder einem Götzen
dienen, der uns Stärke vorgaukelt, wo es keine gibt.
„Lass
dir meine Zuneigung genug sein. Gerade in den Schwachen lebt meine
Kraft.“ 2.Kor 12,9 Amen.
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Predigt
über Klagelieder 3, 22-26, 31-32
vom
Sonntag, dem 09.10.2011
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Liebe
Gemeinde!
Es
ist Herbst. Die Zeit des Vergehens, Zeit, in der Vergänglichkeit
allenthalben zu sehen und zu spüren ist. Ein letztes Aufbäumen
am vergangenen Wochenende mit Spätsommerwetter, so sommerlich war
es hier im letzten Sommer nur selten. Doch den ersten Herbststurm
hatten wir, es ist nicht zu leugnen.
Auch
in dem neuen Gemeindebrief können sie lesen, das Thema Tod und
Sterben ist nahe. Vor beidem haben wir Angst. Vor dem Sterben aber
wohl am allermeisten. Denn, das ahnen wir und meinen es zu wissen,
es hat mit Schmerzen zu tun, mit Leid.
Wohl
deshalb wurde dem heutigen Sonntag ein Text aus den Klageliedern
zugeordnet, aus dem Zusammenhang geschnittene Verse des 3.
Kapitels.
Ein
Wort vorweg zu den Klageliedern.
Sie
sind entstanden nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels in
der Zeit nach 500 v.Chr. Mit ihrer ungeheuer ausdrucksstarken
Kraft haben die Christen sie dem Propheten Jeremia zugeordnet,
denn auch er litt lautstark, vernehmbar, bis heute schriftlich
vernehmbar:
Gott
hat einen Elenden in den Staub gestoßen, er muss leiden, er
schreit um Hilfe und hat nicht das Gefühl, dass da wer wäre, die
oder der sich kümmerte. Ausdruck größten Leidens, laute
sprachgewaltige Klage.
Und
zwischen diesen vielfältigen Klagen, Klagebildern, befinden sich
Worte einer Gewissheit, die irgendwoher aus einem Untergrund zu
kommen scheint, der nicht erkennbar ist: Gott hört nicht auf sich
zu erbarmen. Erbarmt sich aufs Neue, Morgen für Morgen.
Wie
ein Hiob im Staub, so mutet der an, dessen Worte hier
aufgeschrieben wurden, wie einer der verzweifelt ist, fast
hoffnungslos und der den berühmt gewordenen Satz zum Klingen
bringt: „Ich kann nicht tiefer fallen als in Gottes Hand.“
Auch
wenn die Sprache dieser Verse uns im heutigen Deutsch befremdlich
klingt, sei doch gesagt, dass die Worte im Hebräischen kunstvoll
gedichtet sind. Man nennt es Akrostichon: Die Verse beginnen
jeweils mit einem folgenden der 22 Buchstaben des Alphabetes. Unsägliches
Leid erfährt eine feste Form, die hält und trägt.
Noch
einmal diese Worte, eben schon gelesen Klagelieder 3, 22-26. 31-32
(Übersetzung Bibel in gerechter Sprache):
Nicht
zu Ende ist Adonaj damit, sich freundlich zu erweisen, hat ja
nicht aufgehört sich zu erbarmen,
tut’s
auf’s neue Morgen für Morgen. Wie ist deine Treue so groß!
„Adonaj
gehört zu mir“, spricht meine Kehle, „deshalb harre ich
aus.“
Wohl
denen, die auf Adonaj hoffen, der Kehle, die danach fragt.
Gut
ist’s, still zu harren auf die Hilfe Adonajs.
-
Nicht
auf immer verstößt mein Gott,
stößt
zwar in Kummer, erbarmt sich jedoch voll freundlicher Güte.
Zu
einigen befremdlichen Wörtern:
Adonaj:
Wenn im hebräischen Text das Tetragramm stand, war es vokalisiert
als Adonaj. „Mein Herr“ hieße das ins Deutsche übersetzt,
eine Ehrenanrede für jemanden höher Stehendes. Ins Deutsche übertragen
wurde es von Luther und seinen Nachfolgern schlicht als „Herr“
übersetzt. Gemeint als Ehrenanrede führte dieser Titel zur
Verfestigung der Vorstellung Gottes als Mann, zur Gleichschaltung
des Göttlichen mit dem Männlichen. In dieser Übersetzung ist
das hebräische Wort beibehalten worden, erklingt fremdartig
anmutend und bewirkt damit bei uns, dass das Göttliche weit weg
zu sein scheint, spiegelt die Erfahrung die Getrenntseins zwischen
Gott und Mensch.
Wohl
der Kehle, die nach Gott fragt, ruft, schreit – das hebräische
Wort ist näfäsch. Und es hat mehrere Übersetzungen: Seele,
Kehle, Blut.
Wir
können davon ausgehen, dass Körper und Seele, Bauch und Kopf in
diesem Wort nicht getrennt sind sd. vereint, verbunden. Blut, der
Saft des Lebens, der fließen muss, sonst gibt es kein Leben. Atem
fließt durch die Kehle, es geht nicht anders. Was die Kehle
zuschnürt bedroht das Leben. Zuguterletzt ist die Kehle der Ort,
durch den die Töne kommen, die unsere Lebendigkeit vernehmbar
machen, Kommunikation, reden, singen, Stimme. Feines Vibrieren und
Artikulieren verbindet uns miteinander.
Also:
Hier mein Körper, da dein Körper – in jeder und jedem von uns
ist alles mit allem verbunden, wir alle miteinander sind verbunden
durch die Luft, die eine Luft, die wir alle durch unsere Kehlen
atmen. Durch das, was unsere Stimmen zu Gehör und Klang bringen.
Näfäsch,
ein Seelenwort.
Nun
zum Text.
„Adonaj
gehört zu mir, deshalb harre ich aus“, spricht meine Kehle.
Tiefes
Leid kann in tiefe Verzweiflung führen – oder eben auch
ausharren lassen. Ausharren, aushalten, ertragen – Tillich, ein
großer Theologe des vergangenen Jahrhunderts prägte den Begriff:
Hineingehalten in das Nichts.
Ich
glaube, es ist sehr schwer, tiefes Leid auszuhalten, zu ertragen
ohne dass es eine Perspektive für die Hoffnung gäbe.
„Hinabgestiegen in das Reich des Todes“, heißt es im
Glaubensbekenntnis, wissen wir eigentlich, was wir da sagen?
Wo
ist da der Glaubensanker?
Es
gibt und gab Menschen, die „ausharren“ müssen. Ausharren im
Nichts, in Schmerzen, in Verletzungen, in Todesnähe. Ich denke an
die Geschichten, die ich aus der Shoa gehört habe. Und an andere
Geschichten, fürchterliche Geschichten von Gewalt, die Menschen
Menschen angetan haben. Wo eine oder einer in seinem Intimsten
verletzt ist, kann auch das Vertrauen in den Abgrund fallen.
Carola
Mossbach dichtet dazu:
Lebendig
verwundet
Gebrochenen
Auges
sehe
ich manches schärfer und tiefer
ins
Dunkle
zerschlagenen
Herzens
fühle
ich über den Rand
meiner
Trauer hinaus
aufrecht
gehe ich auf wunden Füßen
mit
Gottes Stärke im Rücken
die
Seele blutet
aber
nicht mehr zum Tod hin
die
Schmerzen sprechen
mich
in die Welt
zerbrochen
hat
er mich nicht
aus
dieser Wunde fließt
auch
Leben
(aus
Himmelsspuren S. 123)
„Gut
ist’s, still zu harren auf die Hilfe Gottes / Adonajs.“
Wo
Leid spürbar wird, besteht die Tendenz zu fliehen. Weg, nur weg
hier! Den Schmerz übertönen, überspielen, beiseite schieben.
Still
harren, stille werden, innen und außen, sich hinhalten – so wie
man sich hier dem Wind hinhalten kann, dann passiert noch immer
sehr viel. Nein, ganz „einfach“ mal nichts tun, geschehen
lassen. Was meinen Sie, was da los ist, wenn man mal nichts tut! Für
viele ist das schier unerträglich. Das Wunder, das da passieren
kann, ist, dass alles Mögliche und Unmögliche sich sehr laut
bemerkbar macht aber
nicht bleibt. Es zieht weiter, es verändert sich. Still ausharren
als körperliche Erfahrung kann dahin führen, dass Tränen fließen
und versiegen. Dass aus der fürchterlichen Leere eine lebendige
Weite wird. (Hier habe ich frei von der Stelle auf dem Kniepsand
gesprochen, die man als fürchterliche Leere oder auch
unermesslich reiche Weite empfinden kann. Und beides ist wahr,
existiert miteinander.) Hier spricht Erfahrungstheologie und nicht
Dogmatik.
Nicht
auf immer verstößt mein Gott,
stößt
zwar in Kummer, erbarmt sich jedoch voll freundlicher Güte.
Hier
ist eine Theologie angesprochen, die die Generation vor mir mal Mülleimer-Theologie
genannt hat. Erst den armen Menschen in den Mülleimer treten und
ihn dann mit der Gnade wieder rausholen. Ich glaube, diese
Theologie ist jahrhundertelang getrieben worden, ohne dass
aufgearbeitet wurde, was wir Theologen da verbrochen haben. Ihr
Strickmuster geht ganz einfach:
Wenn
es dir schlecht geht, ist das bestimmt eine Strafe für etwas. Du
hast Krebs? Lungenkrebs? Ha, das kommt vom Rauchen.
Du
Hast Brustkrebs? Ha, du hast ein Problem mit deinem Muttersein. Mütter
sind sowieso an allem schuld.
Du
hast ein Problem mit der Haut? Na, bestimmt Kontaktschwierigkeiten
… usw., was dergleichen Plattitüden noch mehr sind.
Oder:
jemandem werden Kind, Frau, Eltern oder andere nahe Menschen
genommen, er oder sie ist in tiefer Trauer gefangen und fragt
sich: Womit habe ich das verdient?
Leid
wird oft als Strafe gedacht. Gedacht. Also bewertet. Und Bewerten
hilft beim Leiden nicht. Denken auch nicht.
Leiden
ist Erfahrung, es ist kein Akt des Denkens.
Wir
bringen Leiden und Gott miteinander in Verbindung.
Dabei
geht es um den inneren Ort an dem wir leiden: Seele, Kehle, näfäsch,
Blut bzw. Herz – oder wie auch immer man diesen inneren Bereich
nennen möchte. Meister Eckart nannte ihn Seelefünklein. Es ist
der Ort, an dem wir am tiefsten verletzlich, empfindlich, empfänglich
sind. Dort sind wir gleichzeitig so schwach wie ein neugeborenes
Kind und stark wie eine weise Alte oder ein weiser Alter. Dort
wohnt unsere Liebe und unsere Fähigkeit zum Leid.
Wer
Leid vermeiden will, vermeidet auch das Lieben.
Und
dort wartet dann der Tod, der Beziehungstod. Dann kann das
Verbundensein nicht mehr gespürt werden: es kommt kein Ton mehr
aus der Kehle.
Was
da mit uns geschieht, ist nichts, was wir steuern könnten. Wir können
nur eines tun: uns hinhalten. Stille werden. Und wach sein dabei:
hinsehen, hinhören, wahrnehmen und annehmen und ziehen lassen,
auch vergeben ist ziehen lassen.
Ein
uraltes Bild ist es zu sagen: Was da geschieht, macht Gott. Gott
ist im Werden, Gott ist im Vergehen. Was da geschieht ist ohne
Wenn – dann und ohne Warum. Es ist auch ohne wozu. Es geschieht
einfach, Kummer und Leiden gehören zum Leben dazu. Auch im Leiden
ist Gott.
Erbarmen
und freundliche Güte zu erfahren, aus der Enge in die Weite
geleitet zu werden, darin ist Gott.
Und
das kann nirgendwo anders geschehen als in der Seele, in dem
einzelnen Menschen.
Hier
in diesem Textabschnitt geht es um den Einzelnen, die Einzelne. In
den anderen Kapiteln des Buches der Klagelieder geht um die
Gemeinschaft, um die Tochter Zion, wie das Volk Gottes genannt
wird. Ausgehend von diesem Kern, den jeder und jede einzeln in
sich trägt kann sich dieses Geschehen ausbreiten zu einem großen
Frieden der Verbundenheit aller mit allen. Amen.
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Predigt
über Genesis 3, 23-24
vom
Engelsonntag, dem 25.09.2011
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Liebe
Gemeinde!
Heute
am Michaelissonntag, dem Sonntag nach Herbstanfang, dem Sonntag
vor Erntedank, soll es
um Engel gehen.
Engel,
was sind das eigentlich? In der protestantischen Theologie haben
sie fast keinen Platz. In der Volksfrömmigkeit umso mehr. Wäre
Weihnachten ohne Engel denkbar?
1.
Die Entstehungsgeschichte der Engel ist ein Zusammentun von Gen 6
und der Legende: Die Gottessöhne (die männlichen Engel) stiegen
auf die Erde herab und vermählten sich mit den Menschentöchtern.
Die daraus geborenen Kinder seien Engel gewesen. Einer von ihnen
nahm himmlisches Licht mit auf die Erde und wollte sich dort zum
Chef machen: Luzifer, der Lichtbringer. Dafür wurde er vom Himmel
ausgestoßen und musste künftig auf der Erde und unter der Erde
bleiben und wurde zur Figur des Teufels, des Satans.
Dass
passiert, wenn man oben und unten, hell und dunkel, gut und böse
so bewertet, dass das eine das andere ausschließt. Dann braucht
es Mittler. Und das sind die Engel.
2.
Wir brauchen die Engel oft dann am meisten, wenn wir uns der
Zerbrechlichkeit des Lebens bewusst werden. Wenn wir merken und
erfahren, dass wir nicht alles machen können. Oder sogar, dass
wir gar nichts machen können. „Denn er hat seinen Engeln
befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen …“ Wie
viele Kinder haben diesen Taufspruch von ihren Eltern bekommen.
„Wir wollen ja nicht Gott damit belästigen, sich um unser Kind
zu kümmern. Er kann bestimmt nicht auf alle aufpassen. Aber einen
Engel, den brauchen wir!“ Dahinter steckt noch das
neuplatonische Gottes- und Weltbild, in dem der Himmel und die
Erde wie eine Hierarchie sind: oben, an der Spitze thront Gott,
der unbewegte Beweger, je tiefer die Chargen kommen, desto mehr
Bewegung und Verstrickung gibt es.
Wie
auch immer wir uns das erklären mögen, es gibt die Erfahrung von
Engel-Präsenz. Es gibt die Erfahrung, dass da etwas zwischen
Himmel und Erde ist, das ganz selbstständig handelt und in
liebevoller Weise mit jeder und jedem von uns verbunden ist.
Der
Engel in dir
Der
Engel in dir
freut
sich über dein
Licht
weint
über deine Finsternis
Aus
seinen Flügeln rauschen
Liebesworte
Gedichte
Liebkosungen
Er
bewacht
deinen
Weg
Lenk
deinen Schritt
engelwärts
Rose
Ausländer
3.
Wir brauchen Engel! Engel brauchen wir an den Stellen, wo wir
unserer Angst vor dem Tod begegnen.
3.1.
Ich erinnere eindrucksvolle Bilder von Chagall oder von Hieronymus
Bosch, die ihrer Phantasie freien Lauf gelassen haben. Auch
Phantasie schöpft aus einem großen Meer, das zu uns gehört und
das wir gerne verdrängen. Weil es eben Angst macht.
Kinder
sind oft noch näher an diesen Gefilden. Ich las von 4-6-Jährigen,
die schwebende Menschen malten und entsprechende Geschichten dazu
erzählten, ohne dass irgendwer sie vorher damit beschäftigt hätte.
Es ist schon viel in uns drin. Und es kommt viel hinzu im Laufe
des Lebens.
3.2.
Menschen, die Nahtod-Erfahrungen gemacht haben, berichten von
Lichtwesen, die zu ihnen gesprochen hätten. Dieser Bereich wird häufig
von okkult veranlagten Menschen zitiert, bei denen ich das Problem
sehe, dass sie sich interessant oder gar mächtig machen möchten
damit. Aber das ist noch kein Grund, diesen Bereich aus dem Leben
auszuschließen.
3.3.
Engel als Mittler zwischen Himmel und Erde, Engel als Mittler
zwischen Leben und Tod – ihre Aufgabe ist es, die Angst zu
nehmen. Ihre Aufgabe ist es Mut zu machen. Ihre Aufgabe ist es,
durch die Angst hindurch zu begleiten.
Eine
Engelgeschichte dafür ist die Geschichte vom Erzengel Michael.
Sie hat nur wenig Anknüpfungspunkte in der Bibel. In der
Apokalypse des Johannes wird er kurz genannt, den Rest überliefert
die Tradition, v.a. die der Legenda aurea. Unzählige Legenden
ranken sich um diesen obersten (Erz) – Engel.
Michaels
große Tat ist es, mit dem alten Drachen, dem Luzifer, gekämpft
zu haben und ihn besiegt zu haben. Fortan ist er derjenige, der
die Seelen der Verstorbenen im Himmel wiegt und ins Paradies führt.
Über wie vielen Kirchenportalen ist seine Gestalt abgebildet!
3.4.
Aus unserer heutigen Sicht gehören diese Geschichten ins
Mittelalter. Doch wir brauchen sie. Manche Menschen mögen
vielleicht sagen: Das brauche ich nur in einer schwachen Stunde.
Aber die Kinder zeigen es uns, ihr unbedarfter Zugang ist
selbstverständlich. Und so verstecken sie sich in Büchern wie
z.B. bei Michael Ende: Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivfahrer.
Die beiden besiegen den Drachen Frau Malzahn. Weil sie sie nicht töten,
kann sie zum goldenen Drachen der Weisheit werden. Oder der
Drachenreiter von Cornelia Funke. Oder … es gibt bestimmt noch
mehr Bücher und Geschichten, die einigen von Ihnen einfallen. Ob
die Kuschel-Drachen der Spielzeugindustrie die gefährlichen
Schattenseiten dessen einschließen, was Drachen symbolisieren,
das bezweifle ich.
4.
Engel sind gestaltgewordener Ausdruck für lebendige, liebevolle
Vermittlung zwischen den Welten.
Wir
hängen mit unserem Denken und Fühlen oft in dieser einen
Wirklichkeit fest, die so irdisch, so materiell ist. „Ich glaube
nur an das, was ich sehen kann!“ ist einer der Kernsätze dieser
Lebensweise. Für viele, für sehr viele Menschen ist daraus der
Glaube an Geld geworden.
4.1.
Wenn es um Begriffe wie Glück geht oder Leid, Angst vorm Tod oder
Gerechtigkeit, dann plötzlich merken wir, wie sehr wir auch die
andere Wirklichkeit / andere Wirklichkeiten brauchen. Wir kennen
uns damit nicht so gut aus, haben vielleicht sogar Angst. Denn
hier haben wir keine Kontrolle, keine Macht mehr.
Einer
der Schritte des Zähmens dieses Drachens der Angst könnte sein
zu sagen: Ja, ich habe Angst. Und ich schaue hin: Wie sieht sie
aus? Wie fühlt sie sich an? Lässt sie sich erforschen? Das kann
ein qualvolles Versteckspiel geben, der Drache Angst lauert. Wenn
man ihm in die Augen schaut, kann man erleben, dass die Angst
weicht und ein Tor sich öffnet, sich etwas Neues auftut. Das ist
ein Geschenk.
Alle
diese Geschichten sind Mutmach-Geschichten für die, die das noch
nicht erleben durften: Sie mutig, schau hin! Dafür braucht es
einen Engel, der den Rücken stärkt. Hieronymus Bosch hat es so
gemalt.
4.2.
Erkennbar wird: Es gibt noch mehr zwischen Himmel und Erde als nur
Luft und Astronomie. Wenn ich mich dem zuwende, kann es gefährlich
werden. Ich begegne meiner Angst. Der Angst vor dem Fremden, dem
Unbekannten. Und zugleich meiner Liebe, meiner Sehnsucht, „dem,
was mich unbedingt angeht“, würde Paul Tillich sagen.
„Es
müssen nicht Männer mit Flügeln sein“, dichtet Rudolf Otto
Wiemer und nimmt die kleine Tat des Aufrichtens und Stärkens als
ein Hineinragen in das Himmelreich. Die Engel vermitteln den Weg
dorthin, zeigen ihn sozusagen, machen vor, wie es geht – und wie
das Handeln der Engel aussieht: wohl tun, stärken, aufrichten –
oder auch Nein sagen. Wie bei dem Engel, der Abraham in den Weg
trat, als er sein Kind opfern wollte, den Isaak.
4.3.
Cherubim bewachen den Baum des Lebens, der mitten im Paradies, im
Garten Eden wächst. Denn, so wird es in der Bibel erklärt: der
Mensch, die Menschen sollen nicht nach dem Baum des Lebens
greifen. Im Kino gab es vor einiger Zeit den Film Avatar. In ihm
wird, so sah ich es, anschaulich gezeigt, was mit dem Baum des
Lebens gemeint ist. Bei aller Gewalt, die in diesem Film leider
auch gezeigt wird, zeigt dieser Baum die strömende Kraft der
Liebe, die das ganze Leben erfüllt und alle mit allem verbindet,
Himmel und Erde.
An
der Grenze des Paradieses gibt es die Cherubim und die Flamme des
zuckenden Schwertes, so heißt es in Gen 3.
Für
mich ist das symbolischer Ausdruck dafür, dass es wirklich gefährlich
ist, das Paradies betreten zu wollen. Es haben zu wollen. Engel
zeigen den Weg. Ebenso berühren sie auch mit dem flammenden
Schwert.
Uns
bleiben diese Berührungen nicht erspart. Dafür brauchen wir
einen imaginierten Weltenherrscher auf seinem höchsten Thron
nicht verantwortlich zu machen. In meinen Augen ist er ein Produkt
der Phantasie. Eher schon kann es heißen, der Spur des Liebens zu
folgen, die den Schmerz leider einschließt, und auf das Geführt-Werden
zu vertrauen.
4.4.
In dem Weihnachtslied: Lobt Gott, ihr Christen, alle gleich …
heißt es in der letzten Strophe: Heut schließt er wieder auf die
Tür zum schönen Paradies, der Cherub steht nicht mehr dafür,
Gott sei Lob, Ehr und Preis!
Dieses
Lied wird zur Geburt des Jesus-Kindes gesungen. In dem Geborensein
ist der Tod mit in die Welt gekommen. Das Paradies steht erst dann
offen, wenn das Geheimnis von Leben und Tod, von Liebe und Schmerz
erkannt, erlebt, begriffen wird. Dafür ist Jesus als der
Christus, als der Auferstandene unser Bild, unser Glaubensbild.
Amen.
Ich
habe sehr viele Anregungen aus dem Buch von Ellen Stubbe gewonnen:
Die Wirklichkeit der Engel in Literatur, Kunst und Religion, 1995
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Predigt
über Matthäus 5, 21-26
vom
Israelsonntag, dem 28.08.2011
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Liebe
Gemeinde!
Der
10.Sonntag nach Trinitatis ist in unserem Kalender der
Israelsonntag. Das liegt ungefähr in der Nähe des 9.Aw, der nach
dem jüdischen Kalender der Tag ist, an dem 67 n.Chr. der Tempel
in Jerusalem geschändet, entweiht und zerstört wurde.
In
unserer christlichen Tradition hat er keine ganz einfache
Geschichte. Als sog. Judensonntag war er der Tag, an dem die Juden
besonders verfolgt wurden, mit der schlichten Begründung, sie hätten
unserer Herrn Jesus umgebracht. Dass Jesus auch ein Jude war, kam
niemandem in den Sinn.
Der
Tempel wurde zerstört. Es gab einige Synagogen in der damals
bekannten Welt, der Tempel aber war das zentrale Heiligtum. Der Hügel
Zion, auf dem im übertragenen Sinne der Schemel für die Füße
Gottes gedacht wurde, war ein heiliger Berg. Ein Hügel wie viele
andere und doch vorgestellt und gedacht als das Zentrum der Welt.
Die
Besatzungsmacht, damals waren es die Römer, hatten den Tempel
geschliffen. Sie hatten zerstört, was heilig war, symbolisch als
heilig gesehen wurde, denn Gott ist unsichtbar. Aber wir brauchen
etwas zum Anfassen. Etwas, woran wir uns halten können. Wer einen
Tempel zerstört, vernichtet etwas Heiliges, etwas, was heil sein
und heil machen soll. Was eine Vergewaltigung für einen einzelnen
Menschen ist, das ist die Zerstörung eines Tempels für ein Volk.
Da wird mutwillig, also absichtsvoll in das Intimste der Seele
vorgedrungen und es wird zerstört, was sichtbar ist, was fühlbar
ist. Ob es nun die Person eines Einzelnen ist oder die
Individualität eines Volkes. Diese Art Gewalt zielt auf die
Vernichtung des Lebens.
Von
diesem zerstörten Tempel ist bis heute nur noch die Klagemauer übrig.
Der Ort ist bis heute als ein heiliger heiß umstritten: Juden,
Christen und Muslime leben dort ihre Religionen in einem labilen
Gleichgewicht, bis heute.
Die
Gewalt, die dem Tempel und damit den Juden angetan wurde, wurde über
die Jahrhunderte transportiert. Unendlich viel Leid wurde
angerichtet, Ein Vernichtungsfeldzug gegen die Juden war im
vergangenen Jahrhundert der traurige Tiefpunkt einer Überzeugung,
die heute auf dem Prüfstand steht.
Ob
diese Überzeugung als christliche zu identifizieren ist?
Ich
glaube, es gibt bis heute Menschen, die sich als Christen
identifizieren und glauben, es sei recht und billig, den anderen
zu vernichten, wenn er nicht seine Überzeugung teilt –
Am
heutigen Sonntag möchte ich das auf den Prüfstand stellen.
Ich
habe mich leiten lassen von den Gedanken des Peter von der
Osten-Sacken, der in der Arbeitshilfe von Aktion Sühnezeichen
einen sehr umfassenden hervorragenden Text zu den Antithesen der
Bergpredigt geschrieben hat.
Doch
zuvor möchte ich auf ein Wort eingehen, das immer wieder
vorkommt, auch in unserem Psalm ist es wieder da: Das hebräische
Wort Tora, das so schwer übersetzbar ist und hier mit Weisung übersetzt
wird.
Tora
leitet sich von dem Verb jrh ab, das lehren, unterweisen und
zeigen heißt. Dieses Wort gehört nicht in die Sphäre des
Rechtes, sd. in die ethischer Unterweisung, Instruktion.
Im
AT wird Tora im Zusammenhang mit Gottesbefragung gebraucht:
Propheten, Priester und Weisheitslehrer vermitteln das, was sie
als göttliche Weisung erhalten haben an das Volk. Tora ist das,
was diese Personen von Gott verstanden und begriffen haben, wobei
Intellekt und Erfahrung zusammen gehen.
In
der Mose-Gestalt kommt der Aspekt des Rechtes hinzu: die 10 Gebote
als Weisungen sind Maßstab für ein Urteil.
Aus
christlicher Sicht ist dieser Maßstab Recht bezeichnet worden, in
der Polarisierung von Gesetz und Evangelium ist viel darüber
geschrieben worden.
Das
wird dem Bedeutungszusammenhang des wWortes Tora nicht gerecht.
Die Tora ist göttliche Weisung, die in die Praxis, also in den
Erfahrungsraum des Menschen, des Lebens gehört und deren Quelle
das Herz ist. In das Herz aus Fleisch, das das Herz aus Stein
erweicht.
Bei
Mt heißt es in der Bergpredigt: Jesus sei gekommen, die Tora zu
erfüllen (Mt 5,17). Das bedeutet nicht, dass sie von nun an abgelöst
wäre, sd. das bedeutet, dass sie aktuell ins Heute gholt wird und
damit neu angesagt wird. Denn sie muss immer wieder neu gelernt
werden.
Und
jetzt zu den Antithesen aus der Bergpredigt.
Sie
stehen nicht am Anfang der Bergpredigt, ihnen vorausgegangen sind
Seligpreisungen, die so klingen wie im Psalm 1: Selig oder Glücklich
ist der Mann, die Frau, die …
Selig
oder glücklich, es geht um die Erfahrung des Reiches Gottes, um
das erfüllte, das erlöste Leben, das im Sinne Gottes geführt
werden kann – soll .- wird.
21
Ihr habt gehört, dass Gott zu früheren Generationen sprach: Du
sollst
nicht
töten. Wer
aber tötet, wird vor Gericht als schuldig gelten. 22 Ich lege
euch
das heute so aus: Die das Leben ihrer Geschwister im Zorn beschädigen,
werden
vor Gericht als schuldig gelten. Und die ihre Geschwister durch
Herabwürdigung
beschädigen, werden in der Ratsversammlung als schuldig
gelten.
Und wer ihnen das Lebensrecht abspricht, wird im Gottesgericht als
schuldig
gelten. 23Wenn du also im Begriff bist, deine Gabe auf dem Altar
darzubringen
und dich dort erinnerst, dass eines deiner Geschwister etwas
gegen
dich hat, 24 so lass dein Opfer dort vor dem Altar und geh’,
vertrage
dich
erst mit deinem Bruder oder deiner Schwester, und dann magst du
kommen
und dein Opfer darbringen. 25 Einige dich schnell mit Menschen,
die
dich vor Gericht bringen wollen, solange du noch mit ihnen auf dem
Weg
bist, damit sie dich nicht aburteilen lassen und du dem
Gerichtsdiener
übergeben
wirst und ins Gefängnis musst. 26 *Wahrhaftig, ich sage dir, du
wirst
von dort nicht freikommen, ehe du nicht den letzten Rest deiner
Schulden
bezahlt hast.
Antithesen
heißen diese Sätze, weil sie die These des Gebotes, z.B. „du
sollst nicht töten“ in ein Gegenüber stellen, sozusagen eine
Anti-Haltung einnehmen.
Im
Grunde geht es jedoch um etwas Anderes: Da ist ein gebot, eine
Regel, ein Maßstab. Dieser hat eine Oberfläche, die Fläche des
Handelns. In der Wirklichkeit, von der in der Bergpredigt
gesprochen wird, geht es um das, was dahinter liegt: um die Überzeugung,
den Glauben, das, was das Herz wirklich bewegt.
Man
kann böse auf jemanden sein. Aber man wird in seiner Wut durch
das Gebot gebremst: nein, ich darf ihm jetzt nicht wehtun. Ich
darf ihm nicht an sein Leben gehen.
Doch
die innere Grundhaltung bleibt.
Wovon
in dieser Predigt die Rede ist, die an die gerichtet ist, die
erleben möchten, was das Reich Gottes ist, das ist die tiefe
innere Veränderung, die mit einem Glaubenden stattfinden soll, in
einem Seligen stattgefunden haben soll, die dafür sorgt, dass
keiner dem anderen an die Kehle geht.
Und
wer ihnen das Lebensrecht abspricht, wird im Gottesgericht als
schuldig
gelten.
Nehmen
wir die Geschichte des Nationalsozialismus, die Geschichte des
Antijudaismus: Juden ist das Lebensrecht abgesprochen worden. Ca.
sechs Millionen Juden wurden umgebracht, vernichtet.
Bis
heute hat sich Europa davon nicht erholt. Es gibt Organisationen,
die den Muslimen das Lebensrecht absprechen. Und einige ihrer
Mitglieder nennen sich christlich, wie z.B. dieser Anders Brejvik,
der in Norwegen zig Menschen gezielt umgebracht hat. Er hat nicht
Muslime umgebracht, er hat im Grunde „Geschwister“ umgebracht.
Sein Hass auf die, die ihm ähnlich sind und waren, war größer
als der Hass auf die Feinde, auch das eine bemerkenswerte Tatsache
im jahrtausendealten schlechten Verhältnis zwischen Juden und
Christen.
Versteht
man diese Verschärfung des Gebotes: „Du sollst nicht töten!“
als ein Gesetz, wird es zu einer bedrückenden Moral. Versteht man
es als Einladung zu einer tieferen Arbeit am Herzen, an der
inneren Einstellung, wird es zu einer Seelenarbeit, die es wagt,
den unangenehmen Anteilen der Seele zu begegnen.
Ebenso
die Anweisung, sich mit dem Bruder / der Schwester zu vertragen,
bevor ich mich zu Gott wende „zum Altar gehe“.
Eine
ausgesprochen gesetzliche Haltung ist im christlichen Zusammenhang
daraus entstanden:
-
du
darfst nicht zum Abendmahl, wenn du dich nicht vorher mit all
denen verträgst, mit denen du im Streit gelegen hast. Mit der
liturgischen Sprache „Wahrhaft, würdig und recht, billig
und heilsam ist’s …“ dürfte sich jeder ausgeschlossen fühlen,
der irgendwo im Winkel seines Herzens noch einen Groll auf
irgendjemanden spürt.
-
In
der liturgischen Gestaltung ist dies in den Händedruck als
Friedensgruß vor dem Abendmahl eingeflossen. Das ist eine
geradezu fundamentalistische, gesetzliche Auslegung dieses
Textes.
Wenn
ich mich Gott zuwende, öffne ich mein Herz, lasse zu, dass auch
Unangenehmes, Peinliches, Schambesetztes sein darf. Wenn ich mich
nach dem Reich Gottes sehne, ist meine Liebe angesprochen, in erfüllter
und in unerfüllter Weise. Dann bin ich offen, schwach,
verletzlich, dann bin ich im Kontakt mit mir selbst und mit dem,
was ich zurzeit als Tiefstes empfinde. Dort, auf dem Grund meiner
Seele, wohnt auch das, was ich am Anderen nicht leiden mag, weil
ich es bei mir selbst nicht ertrage.
An
diesem Ort widerspricht es sich, Gott zu lieben und die Menschen
zu hassen.
Mit
der Bergpredigt will der Jesus des Mt ins Reich Gottes einladen.
Und das Reich Gottes ist nicht hier und nicht da, denn es ist, wie
es in Lk 21,17 heißt: mitten unter uns.
Unser
Verhältnis zu Gott und unser Verhältnis zu unseren Mitmenschen
– es ist ein und dieselbe Haltung.
Erst
wenn das Lebensrecht eines jeden Menschen geachtet wird, erst wenn
die Heiligkeit des Lebens nicht nur für die gilt, die man liebt
sondern auch für die, die man nicht lieben kann, erst dann
betritt man die Schwelle, auf der das anfangen kann, was als
„Reich Gottes“ bezeichnet wird.
In
der Bergpredigt geht es nicht um die Verwirklichung von Idealen.
Es geht um die Verwirklichung von Menschlichkeit, wie sie in Jesus
vorgelebt wurde.
Mit
der rhetorischen Einführung der Tora: „Es ist euch gesagt“
oder: „Den Alten wurde gesagt..“ – „ich aber sage euch“
geht es im Grunde nicht um eine Gegenüberstellung. Es geht um
eine Vertiefung, eine Unterweisung für Fortgeschrittene, für
Menschen, die sich auf dem Weg ihrer Sehnsucht und ihrer Liebe
bewegen und Menschlichkeit verwirklichen möchten.
Das
kann man und das darf man nicht gesetzlich verstehen, das ist eine
Unterweisung. Und damit ist es im tieferen Sinne Tora.
Herzensbildung.
Glücklich
sind die, die Lust haben an der Weisung Gottes.
Sie
werden sein wie Bäume, gepflanzt an Wasserläufen, die ihre
Frucht bringen zu ihrer Zeit und ihre Blätter welken nicht.
War
Jesus so einer? Ich denke: Ja!
Es
täte unserer Welt gut, die Christen würden ihm darin nachfolgen.
Auch die, die sich zumindest „noch“ christlich nennen.
Vielleicht können sich sonst andere, die sich mal christlich
nannten, sich so bald nicht mehr nennen.
Es
bleibt die Frage, wie ein Mensch wie der Mörder Anders Brejvik
unwidersprochen sich christlich nennen kann.
Und
es bleibt die Frage, wie das weltweite Christentum, die
christlichen Kirchen sich zur Gewalt verhalten. Diese Frage kann
nur mit der Bergpredigt und nicht ohne sie beantwortet werden.
Amen.
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Abendfeier vom
28.07.2011
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Knapp
eine Woche ist es her, da hallte ein Ruf um Erbarmen durch die
Welt. In Oslo brachte ein einzelner Mann viele Menschen um.
Unvermittelt, ohne, dass irgendwelche Zusammenhänge deutlich
wurden, es gab keinen äußerlich erkennbaren Grund.
Mit
einer Bombe zerstörte er Gebäude des Regierungssitzes der
norwegischen Regierung. Mit einem Gewehr erschoss er gezielt junge
Menschen, die sich mit Fröhlichkeit in einem Camp versammelt
hatten.
Seine
Gewalt platzte mitten in den Frieden hinein.
Erbarmen!
Entsetzen!
Furchtbar!
Das
Leid der Hinterbliebenen können wir uns nur vorstellen, ermessen
können wir es nicht. Das Leid derer, die für ihr Leben verletzt
sind erst recht nicht. Erbarmen!
Kyrie
eleison – das ist ein Ruf um Erbarmen. Herr, erbarme dich. Herr
– das ist eine Majestät, Name für eine regierende Gestalt,
Kyrie!, das klingt wie gesungene Ohnmacht im gegenüber zu einer
größeren Macht. Die Mächte des Lebens empfinden sich als
getrennt. Eine kleine Macht, die sich einer größeren Macht
unterwirft. Mensch ruft Gott. Keine Verbindung. Falsch verbunden.
Bitte wählen Sie eine andere Nummer.
Erbarmen.
Ein
seltsames Wort, in der Alltagssprache kommt es nicht vor. Es gehört
zur Kirchensprache, zu einer Sprache, die aus dem Alltag
herausgesetzt ist. Erst wenn das Leid zu schlimm wird, taucht es
auf in unserem Alltag: erbarmungslos habe er geschossen, gezielt
Menschen umgebracht.
Barmen,
es ist der Ausdruck dafür, dass das Herz Leid empfindet,
Schmerzen ausdrückt. Der Schmerz der Liebe ist Trauer, die schwer
auszuhalten ist. Leicht wendet sich dieser Schmerz um in Zorn, in
Fragen nach dem Warum, wendet sich vom Herzen zum Kopf. Erbarmen
ist Mitfühlen, den nicht-eigenen Schmerz in sich selbst
empfinden. Erbarmen verbindet sich mit dem Herzen das anderen, der
anderen.
Der
Norwegische Regierungschef reagierte mit einer Geste der
Verbundenheit, die die Trennung der Gesellschaft in friedliche und
unfriedliche Menschen nicht zuließ: Wir bleiben eine offene
Gesellschaft, wir wollen weiterhin einander vertrauen und in
Frieden leben.
Aus
meiner sicht stimmte das Volk ihm zu, als es sich am Montagabend
zu einer riesigen friedensdemonstration versammelte, in der die
Verbundenheit mit den Opfern und ihren Angehörigen ausgedrückt
wurde.
Verbundenheit.
Auf
einmal sind wir alle miteinander verbunden, fühlen einander
sogar, wenn wir die Menschen, die dort leiden, gar nicht kennen.
Erbarmen.
In
Norwegen. Am Horn von Afrika. Die Bilder rücken nahe.
Wie
kann Gott das zulassen? Tausende Menschen haben diese Frage
gestellt, haben sich zergrübelt an ihr, sind an ihr zugrunde
gegangen. Denn sie haben das Gefühl, ihr Ruf um Erbarmen bleibe
ungehört.
Ich
sage es anderes: in dem Ruf erklingt Gott. In dem Ruf ist die
Kraft des Lebens, die auch im Leid sehr stark ist. In dem Ruf ist
Gott gegenwärtig. Die Kraft der Liebe. Die Kraft der
Verbundenheit.
Ein
ganz besonderes Lied, das diesen Ruf um Erbarmen unterstützt ist
das Lied: Gott ist gegenwärtig, das wir gleich auch singen
werden, EG 165.
Gott
ist gegenwärtig, Gott ist da. Immer schon da. Gott ist hier.
Jetzt an diesem Ort. Und auch da, in Norwegen bei den Leuten die
trauern. In Somalia, Kenis, Äthiopien.
Wir
fühlen uns so oft getrennt von allem und allem, so selten
verbunden mit allen und allem. Vielleicht kann man sagen, dass,
wer sich unglücklich fühlt, sich auch getrennt fühlt. Ich bin
anders als die anderen, keiner mag mich – undsoweiter. Und wer
sich glücklich fühlt, sich mit allem und allen verbunden fühlt:
„I love you all!“
Gerhard
Tersteegen lebte in der Zeit des Barock und der Aufklärung, einer
Zeit steiler dogmatischer Thesen, einer Zeit der
Vernunftorientierung. Er wählte einen dritten Weg, einen fast
verschütteten, den Weg der Mystik. Myein ist griechisch und heißt:
die Augen schließen.
Tersteegen
schreibt, von Gottes Gegenwart werden wir angerührt, wenn wir
„Mund und alle Sinne stille halten“ und „alles, Äußere,
insoweit es das Innere hindern möchte, drangeben, um dem inneren
Zug und den Wirkungen des Geistes Gottes Raum zu lassen …“
Er
dichtete in einer Weise, die den Menschen auf dem Weg nach innen
begleitet, Str. 4:
Luft,
die alles füllet, drin wir immer schweben, aller dinge Grund und
Leben. Meer ohn Grund und ende, wunder aller Wunder, ich senk mich
in dich hinunter. Ich in dir, du in mir, lass mich ganz
verschwinden, dich nur sehn und finden.
Hier
hören wir von einem Bild der Verbundenheit, das noch tiefer und
weiter geht als nur in die beziehung von Ich-Du-Wir. Verbundenheit
mit allen und allem. Mit der Luft schwebend, im Wasser des Meeres
fließend – ein Bild löst sich in das andere auf, kein Bild
wird gehalten, es entsteht ein großes gemeinsames Bild wie bei
einem Mandala.
Am
vergangenen Montag waren wir wieder um 18.00 Uhr versammelt in der
Mahnwache mit Gebet. Meistens sind wir wenige. Am letzten Montag
waren wir ein paar mehr Menschen. Ca. 5 Min schweigen wir immer,
beten. Beten für die Menschen in Japan, beten für eine Welt, die
Frieden und Vertrauen erlaubt. Am vergangenen Montag waren die
Menschen in Oslo und die Menschen in Afrika mir besonders nahe.
Unsere Stille empfand ich besonders intensiv. Als ich dann in der
Tagesschau die Menschen in Oslo sah, die an jenem Tag demonstriert
hatten, Menschen guten Willens, Menschen mit einer Rose in der
Hand, da wusste ich: Hier ist die Kraft, die ich gespürt habe.
Das ist Wirklichkeit. Erbarmen für diese Welt.
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Predigt
über Johannes 11, 35-42
vom
Sonntag, dem 24.07.2011
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Liebe
Gemeinde!
Sehr
oft, wenn ich am Sonntag Menschen verabschiede, bedanken sie sich
dafür, dass ich mich mit dem Bibeltext auseinander gesetzt habe,
dass ich zuweilen auch Anteil gegeben habe an meinem Fragen und
mich nicht mit bereits bekannten Antworten begnügt habe. Ich
bedanke mich für diese Rückmeldung. Und hoffe zugleich, dass ich
Sie nicht zu sehr anstrenge. Und hoffe, dass das, was ich sage,
nicht nur intellektuell redlich ist, sd. Ihnen auch etwas gibt. In
die heutige Zeit hinein, für Ihr gegenwärtiges Leben.
Heute
haben wir ein Textstück aus dem Johannes-Evangelium als
Predigttext: Joh 1, 35-42.
Zunächst
einmal zum Zusammenhang, in dem das Textstück steht:
Das
Johannes-Evangelium ist das jüngste der vier Evangelien. Es ist
ein jüdischer Text, in griechischer Sprache geschrieben. Es wird
„dem Jünger, der Jesus liebte“ zugeschrieben, ist daher als
Johannes benannt. Der Verfasser ist eng vertraut mit der jüdischen
Tradition. Wie Klaus Wengst herausgearbeitet hat, gehörte er zur
jüdischen Gemeinde, zu einer kleinen Schar derer, die Jesus als
den Messias betrachteten und sich damit aus der jüdischen
Gemeinschaft, der Synagoge lösten, lösen mussten. Es ist davon
auszugehen, dass sie ausgeschlossen wurden, dass ein schmerzlicher
Trennungsprozess stattfand, der im Johannes-Evangelium verarbeitet
wird: „Jesus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben!“ Mit
dieser Überzeugung schlossen diese Juden sich aus der
Gemeinschaft des Judentums aus.
Über
die Jahrhunderte sind Sätze aus dem Johannes-Evangelium im
anti-judaistischen Sinn missbraucht worden. Der christliche
Antisemitismus speiste sich unter anderem auch mit Sätzen aus dem
Johannes-Evangelium, die in zweifelhafter Weise ausgelegt wurden.
Vor
dieser Geschichte stehen wir heute. Sie hat einen tiefen Graben,
der viele Juden das Leben gekostet hat.
Bei
näherem Hinsehen entziehen sich die Texte einer derartig
eindeutigen Auslegung.
Unser
Text steht gleich am Anfang des Evangeliums. Er beginnt mit dem
philosophisch anmutenden Prolog: Am Anfang war das Wort, das Wort
war bei Gott und Gott war das Wort ..“
Und
es fährt fort mit einer Erdung:
Der
Jude Johannes lehrt die Menschen, er tauft sie und wird gefragt:
Bist du der Messias?
Nein,
antwortet er, es kommt einer, der größer ist als ich.
Noch
dichter werden wir herangeführt:
Johannes
sieht Jesus auf sich zu kommen und spricht: „Hier ist das Lamm
Gottes, das das Unrecht der Welt aufhebt.“ (Ich folge der Übersetzung
der Bibel in gerechte Sprache.) Johannes bekennt sich zu Jesus als
dem Messias, dem Gesalbten, dem Christus.
Im
Joh ist eine große Sprachbegabung zu erkennen, die den Wechsel
zwischen den Kulturen einschließt. Wir können die Vertrautheit
mit der jüdischen Kultur voraussetzen, das Aramäische ebenso wie
die jüdischen Lehrhaus-Traditionen und die Kenntnisse der
Schriften, die wir heute das Alte Testament nennen. Aus dieser
Tradition stammt das Wort Messias, es heißt: Gesalbter.
Wir
können eine Vertrautheit mit der hellenistischen Tradition
voraussetzen, die Kenntnisse des Griechischen und der
hellenistischen Traditionen voraussetzt. Aus dieser Tradition
stammt das Wort Christos, Gesalbter.
Gesalbt
ist, wer eine besondere Würde empfangen hat, hinter die er nicht
zurück kann: eine prophetische, eine priesterliche, eine königliche.
Die Salbung dient der Erfüllung eines göttlichen Auftrages in
der Welt.
Johannes,
der Lehrer am Jordan, bekennt sich zu Jesus, nun folgen ihm
weitere nach:
Joh
1,35-42
35Am
nächsten Tag stand Johannes wieder da und zwei aus der Gruppe
seiner Jüngerinnen und Jünger. 36 Johannes richtete seinen Blick
auf Jesus, wie er vorbeiging, und sagte: »Hier ist das Lamm
Gottes.« 37 Die beiden aus der Gruppe der Jüngerinnen und Jünger
hörten ihn sprechen und folgten Jesus. 38 Jesus drehte sich um
und sah sie, wie sie folgten, und sagte ihnen: »Was sucht ihr?«
Sie sagten ihm: »Rabbi – was übersetzt Lehrer bedeutet –, wo
bist du zu Hause?« 39 Er sagte ihnen: »Kommt und seht!« Da
kamen sie und sahen, wo er wohnte, und blieben bei ihm jenen Tag.
Es war ungefähr vier Uhr nachmittags.
40Andreas,
der Bruder des Simon Petrus, war einer von den beiden, die
Johannes gehört hatten und Jesus gefolgt waren. 41 Dieser fand
zuerst seinen Bruder Simon und sagte ihm: »Wir haben den Messias
gefunden« – was übersetzt *Christos
oder der Gesalbte heißt. 42 Er brachte ihn zu Jesus. Jesus
richtete seinen Blick auf ihn und sagte: »Du bist Simon, der Sohn
des Johannes, du wirst Kephas genannt werden« – was übersetzt
Petrus oder Felsbrocken heißt.
Schüler
des Johannes folgen dem Jesus, der auch für ihren Lehrer ein
Lehrer ist.
Jesus
fragt sie: Was sucht ihr?
Wenn
dich einer fragt: Was suchst du?, dann fragt er / sie dich mehr
als nur „Was willst du haben?“ Da fragt einer nach dem Ganzen,
dem Einen, dem Alles: „Wonach sehnst du dich?“ „Was ist dein
Wunsch nach Erfüllung, nach Erlösung, deine Vision vom Leben?“
Die
Jünger antworten mit einer Frage: „Lehrer, wo bleibst du?“
Diese Frage ist aus dem Griechischen schillernd ins Deutsche zu übersetzen:
Wo wohnst du?, Wo ist dein Zuhause? – Wohin kann und darf ich
dich verorten, welcher Landsmann bist du? - Oder auch: Wie lebst
du? Was ist deine Lebensform, deine sichtbare Überzeugung vom
Leben?
Jesus
lädt sie ein: „Kommt und seht!“
Sie
kommen mit, sehen, wie Jesus „wohnt“ und bleiben bei ihm einen
Tag lang. Sie sehen, wie er lebt, wovon er überzeugt ist, was
sein Zuhause ist, seine Heimat kann man auch sagen – ein hoch
besetztes Wort, ich weiß! Was ist für dich, was ist für mich
Zuhause, Heimat? Wo schlafe ich, wo esse ich, wie tue ich das? Mit
wem teile ich mein Leben? Und wie teile ich mein Leben?
Für
viele von uns ist das ein privater Bereich. Privat heißt auch:
verboten. Da lässt man nicht jeden und jede hinein.
„Kommt
und seht!, lädt Jesus diese Schüler des Johannes ein. Er hat
nichts zu verbergen, er legt sein Leben offen. Er lehrt mit seinem
Leben.
Am
Nachmittag geht einer von den beiden, Andreas, zu seinem Bruder:
„Wir haben den Messias gefunden!“
Offensichtlich
ist Andreas von dem, was er gesehen hat, überzeugt. Jesus ist der
Richtige. Der richtige Lehrer, der richtige Meister, der Gesalbte,
der, der den Gottesauftrag hat und ihn lebt.
Wir
erfahren leider nicht, was er noch gesehen hat. Wo Jesus schläft,
was er isst, mit wem er lebt und wie er das tut. Was war das
Zuhause des Jesus, die Heimat und damit auch der Ort der
Geborgenheit für ihn, den Andreas gesehen hat?
Was
sind meine, deine, unsere Vorstellungen von Zuhause, wohnen,
Heimat, um die hoch besetzten Begriffe zu nennen, bevor ich nüchtern-sachlich
nur von „bleiben“ spreche, wie der griechische Text es tut?
Von Jesus wissen wir immerhin so viel, dass man von seiner
geografisch-räumlichen Heimat als der eines Vagabundierenden
sprechen kann. Seine Heimat war in ihm.
Passt
das mit einem Bild von Kirche zusammen, die am örtlich
Bestehenden festhält und die Lebensform Familie geradezu heiligt?
Den
Andreas hat das, was er sah, überzeugt, er läuft zu seinem
Bruder Simon und erzählt es ihm. Simon kommt mit ihm zu Jesus.
Jesus sieht ihn an, nennt ihn beim Namen und benennt ihn um: Du
bist Simon, der Sohn des Johannes, du wirst Kephas genannt
werden!“, was übersetzt Felsbrocken heißt.
Kephas
ist die mit einem Schluss-S versehene Transskription des aramäischen
Wortes kefa und bedeutet Fels. Die genaue griechische
Transskription wäre petra. Einen Mann mit einem femininen Wort zu
bezeichnen dürfte als unpassend empfunden worden sein, so wurde
die maskuline Form petros genommen, auch wenn das nur Felsbrocken
heißt.
So
kam nach Johannes Petrus zu seinem Namen. Spontan, intuitiv, mit
einem Blick, in einem Augenblick erkannt, benannt, in den
Machtbereich Jesu hinein genommen.
Ein
wichtiger Hinweis in diesem Zusammenhang ist für mich, dass der
erste Jünger Jesu Andreas und nicht Simon ist, der später in der
Hierarchie den ersten Platz bekam. Wengst versteht das als ein
geschwisterliches und nicht hierarchisches Modell von Gemeinde.
Als
drittes Thema in diesem Text erkenne ich: das Benennen, Bezeugen.
Johannes
benennt Jesus als „Lamm Gottes“.
Jesus
benennt Simon als „Kephas“.
Andreas
benennt Jesus als Messias, Christos, Gesalbten.
In
allen drei Fällen handelt es sich um ein Bezeugen:
Ich
sehe in dir …. Das Lamm Gottes, den Felsen, den Gesalbten.
Ich
drücke damit meine Beziehung zu dir aus, mein Bild von dir:
Johannes
sieht in Jesus als dem Lamm die Zartheit, die Schwäche, die
zugleich eine Stärke ist, die Kindlichkeit, die Einfachheit, die
Arglosigkeit – und was man noch sehen kann, wenn man ein Lamm
sieht.
Andreas
sieht in Jesus den lang erwarteten Menschen, der den Lebensauftrag
von Gott verwirklicht und den Menschen damit eine neue
Orientierung gibt. Zugleich sieht er ihn als Lehrer, als einen,
der ihm beibringen kann, worauf es im Leben wirklich ankommt.
Und
Jesus sieht den Simon, den gar nicht zu kennen scheint, als einen
Felsen oder Felsbrocken, der zuverlässig, schwer und hart sein
soll. Und was man noch in einem Felsbrocken sehen kann.
Wir
benennen einander mit Namen und wenn es sein muss auch mit Titeln.
Das ordnet unser Lebensumfeld und unsere Beziehungen und gibt uns
Sicherheit im Umgang miteinander. Wir ordnen und verorten: hier
gehörst du in meinem Leben hin.
Das
bist du, Jesus, für mich, sagen Johannes der Täufer und Andreas,
der Schüler:
Lehrer,
Lamm, Gesalbter.
Und
Jesus benennt den Simon: Felsbrocken. Das hört sich schon weniger
nach Chef, Stellvertreter Christi auf Erden oder oberster Apostel
an. Auch wenn es dann so gekommen ist.
Was
ist Jesus für uns heute?
Lehrer?
Es
gibt so viele Worte, Aussprüche von ihm, die man alle kritisch
befragen kann: Hat er das wirklich gesagt? Konnte er das überhaupt
so gesagt haben? Oder haben das Menschen so aufgeschrieben, wie
sie gemeint haben, dass er das gesagt habe?
Wir
müssen uns darauf verlassen, dass es so gemeint war, wie es
aufgeschrieben wurde. Und die Mühe wird uns nicht erspart, selbst
den Zusammenhang, die tiefere Bedeutung zu entdecken, zu
erforschen. Indem wir uns damit auseinandersetzen, eignen wir uns
das Gemeinte und nicht die exakten Worte an. Denn das wäre
Auswendiglernen mit einer Neigung zum Fundamentalismus. Auch den
hat es schon gegeben und gibt es noch immer.
Lehrer.
Ich
wüsste so gerne, wie Jesus ganz konkret gelebt hat. Was mögen
Andreas und der andere Johannes-Schüler wohl gesehen haben? Wie
geht das tiefere Glauben wirklich? Wer bringt einem das bei? Oder
besser gefragt: Wer begleitet einen? Wo sind die Lehrer, die den
Weg durch das Dickicht der Seele begleiten? Dabei geht es eben
nicht nur um intellektuelle Beweglichkeit und theoretisches
Denken, es geht auch ganz einfach um Praxis. Um das Beten-Lernen,
um das Lieben-Lernen, um das Wachsen des Glaubens durch Tiefen und
Untiefen hindurch.
Es
gibt einige Lehrerinnen und Lehrer, viele in intellektueller
Hinsicht, weniger schon in praktischer Hinsicht.
Die
verfasste Kirche hat sich mit den Lehrerinnen und Lehrern in
praktischer Hinsicht immer etwas schwer getan. Langsam, langsam,
im Zuge der geistlichen Erosion auch der Kirche wachsen sie heran
und fallen wieder Sparmaßnahmen zum Opfer. Sei es das
Ansverus-Haus als solch ein Ort, seien es andere Orte und
Einrichtungen am Rande der Kirche. Und selbstverständlich ist
auch der Gottesdienst ein Ort des Lehrens, in begrenztem Umfang.
Lehrer
und Gesalbter. Gesalbt und damit in seinem göttlichen Auftrag
benannt wurde Jesus durch die Frau, die in die Mahlzeit der Männer
platzte und ihm Salböl auf den Kopf tat. „Zu ihrem Gedächtnis
sei das geschehen, habe Jesus gesagt. Ich denke heute daran.
Bei
diesem Lehrer und Gesalbten, dem Messias, dem Christus, gibt es
immer wieder Überraschungen, Entdeckungen, Aufregungen:
Nichts
ist einfach nur gewöhnlich. Beim näheren Hinsehen entstehen neue
Zusammenhänge, die plötzlich sehr viel mit unserem Leben zu tun
haben können.
Ich
nehme ihn für mich als einen fernen und doch nahen Lehrer für
das Reich Gottes, den ich in den Texten der Bibel finden kann. Als
einen der mich fragt: „Was suchst du?“ Und der dann sagt:
„Komm und sieh!“
Ich
denke dabei an die vielen Reich-Gottes-Sucherinnen und –Sucher
und an die Möglichkeit, sich zu verirren. Wie ein Wegweiser kommt
mir dabei der Satz Martin Bubers in den sinn, der mich seit Jahren
begleitet:
Dieses
ist der Reich Gottes:
Das
Reich der Gefahr und der Herausforderung,
des
ewigen Beginnens und des ewigen Werdens,
des
aufgetanen Geistes und der tiefen Verwirklichung,
das
Reich der heiligen Unsicherheit.
Amen.
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Predigt
über Lk 15, 1-7 das verlorene Schaf
vom
Sonntag, dem 10.07.2011
(es
gilt das gesprochene Wort, z.T. frei gehalten)
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Liebe
Gemeinde!
In
dem wunderbaren Gleichnisse-Buch von Luise Schottroff fand ich
eine kleine Geschichte, in der sie ihren Vater zitierte:
Es
ist Kindergottesdienst.
Ihr
Vater, der Pastor erzählt: „’Stellt euch vor, vorhin, als ich
hierher kam, ist mir etwas Wunderbares begegnet: klein, braun, mit
buschigem Schwanz und ganz flink. Es jagte einen Baum hoch. Könnt
ihr erraten, was das war?’ Fritzchen antwortet: ‚Normalerweise
würde ich ja sagen, es war ein Eichhörnchen. Aber so, wie ich
den Laden hier kenne, war es der Herr Jesus.’“ (S.134)
So
könnte es uns mit dem Gleichnis vom verlorenen Schaf auch
passieren. Wir kennen sie schon, bevor wir sie fertig gehört
haben und sagen uns selbst: Ah ja, so ist das! Und sind damit ganz
schnell fertig: Hundert Schafe, eines ist fort, wird
wiedergefunden: große Freude. 99 allein gelassen, macht nichts,
das war das eine wert.
So
könnte man schnell fertig sein.
Ich
möchte mit Ihnen aber noch etwas tiefer hineinspüren, gerade
weil das Eichhörnchen nicht der Herr Jesus ist.
Ich
habe schon am vergangenen Sonntag über ein Gleichnis gepredigt
und die bisher gängige Interpretation etwas infrage gestellt. Ich
bin sehr dankbar für das Gespräch, das ich daraufhin mit einer
Gottesdienstbesucherin hatte und möchte jetzt etwas genauer
hinsehen: Was eigentlich ist ein Gleichnis? Und was soll das?
Jesus
befindet sich in unserem Text inmitten einer Schar von Hörerinnen
und Hörern, die sich sonst nicht verstehen würden: Zöllner als
einfache Leute, die generell verdächtig werden Unrecht zu tun, zu
betrügen. Und Rechtgläubige Pharisäer – also Menschen, die
versuchen die Regeln des Glaubens einzuhalten- und
Schriftgelehrte, also Leute die sehr gut bescheid wissen, gerade
über die heiligen Dinge.
Lk
15,1: „Es kamen immer wieder alle, die beim Zoll beschäftigt
waren und zu den Sündern gezählt wurden zu Jesus, um ihn zu hören.“
Jesus
wird hier als Lehrer beschrieben. Jede und jeder kann kommen, auch
solche, die als böse, als nicht-dazu-gehörig gelten.
Lk
15,2: „Die Angehörigen der pharisäischen Glaubensrichtung und
die Schriftgelehrten murrten und sagten: „Der akzeptiert ja sündige
Leute und isst mit ihnen!“
Hier
passiert eine Polarisierung, eine Dramatisierung, das Problem wird
deutlich: Ist einer mehr wert als der andere? Für wen eigentlich
ist das Wort von Gott da? Für die, die schon kennen oder für
die, die es (noch) nicht kennen? Wer darf die Lehre Jesu überhaupt
hören? Nur Eingeweihte? Oder alle? Wer gehört dazu und wer
nicht?
Lk
15,3: „Jesus aber erzählte ihnen folgendes Gleichnis: …“
Gleichnisse
sind Geschichten, die nie wirklich stattgefunden haben – aber
doch immer wieder stattfinden, in jedem Leben irgendwie anders,
aber in der Grundstruktur gleich.
Im
Rahmen der jüdischen Tradition des Lehrens sind die Gleichnisse
Geschichten, die indirekt von Gott erzählen. Wir Hörenden sollen
mit ihnen arbeiten, wir sollen sie in uns aufnehmen und in uns
bewegen, wir dürfen nicht nur, wir sollen unser eigenes Leben in
ihnen wieder finden. Jesus erzählt keine abstrakten Lehrsätze.
Er nimmt das ganz konkrete Leben hier und jetzt als Schauplatz für
das, was er von Gott ausrichten möchte: Das Reich Gottes.
Die
Hörerinnen und Hörer dieses Gleichnisses wissen, was es heißt,
Schafe zu besitzen, Schafe zu hüten. Ein Schaf hat einen Wert,
vielleicht nicht nur einen finanziellen.
Für
uns heute bräuchten wir andere Bilder.
Heute
ist es chic, im Tausend-Sterne-Hotel für eine zeitlang Schafe zu
hüten. Da bezahlen manche viel Geld für: unter freiem Himmel,
einen Hütehund an der Seite und weit und breit nichts und
niemanden.
Wer
oder was sind heute unsere Schafe? Wer, wo, wie und was ist das
Lebendige, was uns heute vielfach verloren geht, und wenn wir noch
so viel haben? Vielfach hüten wir heute nichts Lebendiges mehr,
eher hüten wir Dinge. Und wo es sich um lebendige Wesen handelt,
werden sie häufig verdinglicht, verwaltet, abgewickelt und
behandelt in Modulen –
Die
Schafe und die Hirten haben in der biblischen Sprache eine lange
Tradition. David, der erste israelitische König, war ein
Schafhirte – und ein Taugenichts in seiner Jugend. Das
Hirtenbild schillert in seiner historischen Bedeutung.
Das
Bild des Schafes schillert weniger. Sie gelten eher als dumm und
als treu. Wenn jemand sie leitet, laufen sie gerne hinterher, außer
manchmal, wie das so ist. Ziegen wären da anders.
Ein
Schaf geht verloren. Und der Hirte / die Hirtin geht hinterher.
Im
Sinne des Eichhörnchens müsste man jetzt sagen: Aha! Damit ist
bestimmt Jesus gemeint, der hinterher geht. So ist dieses
Gleichnis jahrhundertelang interpretiert worden. Macht das Sinn,
wenn es doch Jesus sein soll, der dieses Gleichnis erzählt? Kann
es nicht einfach so sein, das jeder und jede die gute Hirtin, der
gute Hirte sein könnte, der oder die dem Verlorenen hinterher
geht?
Und
der Hirte findet das verlorene Schäfchen! Es macht sich eine oder
einer mit einer lebensfördernden Absicht auf und erreicht das
Gute, erreicht das Gesuchte, findet das Ziel.
Das
ist die eigentliche Aussage dieses Gleichnisses: geh los, du wirst
finden! Die Freude wird groß sein!
Und
wenn du mal das Schäfchen sein solltest, verloren, ausgestoßen
aus der Gemeinschaft, verirrt und hilflos: es gibt bestimmt
jemanden, der oder die losgeht und dich vermisst, dich sucht und
dich auch findet.
Oho,
das ist heutzutage in unserer Gesellschaft nicht mehr selbstverständlich.
Kürzlich las ich in der Zeitung, dass eine Frau acht Jahre lang
tot in ihrem Haus gelegen hat. Erst dann hat es jemand bemerkt.
Der Jammer ist hier meines erachtens nicht ihr Tod, sd. die
Tatsache, dass es keine und keiner gemerkt hat. Was merken wir
noch voneinander? Keiner denkt an mich, nur ich?
Die
Rolle des Schäfchens dürfte niemandem von uns fremd sein: mit
dem Opfer-Sein kennen wir uns aus.
Schwerer
hingegen ist das Mitfühlen mit dem oder der anderen. Das Gefühl
dafür zu haben: da fehlt mir jemand. Ich bin verbunden mit ihm
oder ihr, sie oder er gehört zu mir dazu. Und selbst wenn ich
sauer darauf sein sollte, dass „das Schaf“ gerade weggelaufen
ist, ich mache mich trotzdem auf den Weg.
Heute
wird diese Verbundenheit nur noch in Familien vorausgesetzt, auch
dort kann man sie nicht für selbstverständlich erachten. Die
Vision, Jesu Vision für das Reich Gottes wäre, dass diese
Verbundenheit für die ganze Herde gälte.
Nicht
nur die Kleinfamilie, auch nicht nur die Großfamilie, eher schon
das ganze Dorf, die Stadt, das Land, die ganze Welt!
Und
jetzt wieder auf der Erde landen, ganz konkret:
Oft
bin ich ein Schaf. Das steht allein in der Landschaft und fühlt
sich nicht wahrgenommen. Keiner sieht mich, keiner liebt mich,
keiner sucht mich – das Lied kennen wir alle und haben es
bestimmt auch schon in den unterschiedlichen Tonlagen gesungen.
(Ich denke an das Bild von F.K. Wächter mit der Ganz im Stiefel:
Bestimmt sieht mich wieder kein Schwein! Und dabei ist das alles
so ernst.)
Doch,
es gibt jemanden, der sucht. Das ist ein Glück für beide. Für
das Schaf und für die suchende Person. Und in der Freude des
Findens und des Gefundenseins ereignet sich Gott.
Oder
ich bin eine Hirtin, ein Hirte. Das eine weggelaufene Schaf tut
mir weh, ich bedaure es, ich sorge mich, vielleicht bin ich auch
sauer, weil es mir Arbeit macht, aber ich gehe trotzdem los. Da
ist ein Vertrauen in mir, eine Liebe, die ist stärker als die
Gleichgültigkeit, als die Bequemlichkeit, als die
Selbstbezogenheit des Selbstmitleides. Ich gehe los und ich finde!
Ist das nicht wunderbar? Es hat etwas genützt!
Liebe
Gemeinde!
Die
Bilder in diesen Gleichnis-Geschichten dürfen nicht absolut
genommen werden. Dafür gibt es das Bilderverbot.
Wir
wissen, dass wir uns von Gott keine Bilder machen sollen, aber wir
brauchen Bilder. Und wenn wir das schon tun, dann dürfen wir sie
nicht anbeten! „Mach dir kein Bild und bete es nicht an!“
In
allen diesen Geschichten gibt es einen roten Lebensfaden, einen
goldenen Heiligkeitsfaden. Den können wir nur dann aufspüren,
wenn wir uns in die Geschichten hinein begeben, mit ihnen spielen,
wenn wir selbst Teil der Geschichten geworden sind.
Lange
galten sie als Sinnbilder, in denen das Reich Gottes mit der
Kirche gleichgesetzt wurde, in denen den Sündern Angst eingejagt
wurde und der ganze Kirchenbetrieb prima funktionieren konnte,
weil ja jeder einen Platz im Reich Gottes haben wollte.
Irgendwie
haben die Gläubigen es gemerkt.
Schon
klein Fritzchen hat es gemerkt.
In
meiner Glaubenswirklichkeit ist es eher so:
Keine
Schwierigkeit wird uns erspart. Wir gehen verloren. Und wir müssen
Verlorenes suchen. Das Versprechen gilt: Wir werden gefunden. Und
wir finden. Doch dafür müssen wir uns ein bisschen bewegen. Das
lehrt Jesus uns bis heute.
Das
könnte am Anfang einfach heißen: Ich mache die Augen auf und
sehe hin. Sehe mein Selbstmitleid in dem Verlorensein. Sehe meine
Übergriffigkeit im Bevormunden derer, die ich gefunden zu haben
meine.
Und
kehre um zu dem unmittelbaren Suchen und Finden, kehre um zu den
anderen Schafen, die vielleicht genauso einsam sind wie ich. Das
Versprechen gilt: Gott ist immer schon da, bevor wir Gott suchen.
Amen.
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Predigt
über Lk 14, 16-24 und Matthäus 22, 1-14
vom
Sonntag, dem 03.07.2011 (2.Sonntag nach Trinitatis)
(es
gilt das gesprochene Wort)
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Liebe
Gemeinde!
„Erzähl
mir eine Geschichte!“ so endete oft der Tag, wenn ich mein Kind
ins Bett brachte. Dann las ich vor
oder
ich erzählte frei aus der Erinnerung, aus spontaner Eingebung.
Und wenn sie nicht gestorben sind,
leben
sie noch heute.
Wie
wahr waren diese Geschichten? Wie echt?
Die
meisten Geschichten waren frei erfunden. Nicht nur von mir, auch
von anderen. Märchen, wir wissen alle, dass das Geschichten sind,
die nie wirklich stattgefunden haben. Und doch sind sie wahr –
auf eine andere Weise.
Gleichnisse
heißen die Beispielgeschichten der Evangelien, die Jesus erzählt
und die ebenso wenig stattgefunden haben. Im Erzählfluss des
Lebens bilden sie etwas ab, was überall wahr und wirklich ist.
Nur wie kann man das jetzt verstehen? Es gibt so viele Auslegungsmöglichkeiten
wie Menschen – und noch mehr.
Die
Ausgangsituation unserer heutigen Geschichte ist zweimal
aufgeschrieben worden, einmal von Lukas und einmal von Matthäus.
Die Lukas-Version haben wir eben in der Lesung gehört, die Matthäus-Version
lautet so nach der Bibel in gerechter Sprache:
1Und
Jesus fuhr fort und sprach wieder zu ihnen in Gleichnissen:
»2
Die *gerechte
Welt Gottes ist mit der Wirklichkeit in der folgenden Geschichte
von einem Menschenkönig zu vergleichen, der ein Hochzeitsmahl für
seinen *Sohn
veranstaltete. 3Und er schickte seine *Sklaven,
um die Eingeladenen zum Hochzeitsmahl zu rufen, und sie wollten
nicht kommen. 4Da schickte er noch einmal andere Sklaven und
sagte: ›Richtet den Eingeladenen aus: Hört her! Ich habe mein
Mahl vorbereitet, meine Stiere und die gemästeten Tiere sind
geschlachtet, und alles ist bereit. Kommt her zum
Hochzeitsfest.‹ 5 Sie aber gingen weg, ohne sich beeindrucken zu
lassen, einer zu seinem eigenen Ackerland, ein anderer zu seinen
Geschäften. 6 Die übrigen Eingeladenen überwältigten die *Sklaven
des Königs, misshandelten sie und töteten sie. 7Da wurde der König
zornig und schickte seine Truppen und vernichtete diese Mörder
und verbrannte ihre Stadt. 8Dann sagte er zu seinen Sklaven:
›Das Hochzeitsmahl ist vorbereitet,
doch
die Eingeladenen waren es nicht wert. 9 Geht zu den Stadtausgängen
der Straßen und ladet alle, die ihr findet, zum Hochzeitsmahl
ein.‹ 10Und diese Sklaven gingen hinaus auf die Straßen und
sammelten alle ein, die sie fanden, böse und gute. Und der
Hochzeitssaal war gefüllt mit Menschen, die zu Tisch lagen. 11Der
König kam herein, um die zu Tisch Liegenden zu besichtigen, und
sah dort einen Mann, der trug keine der Hochzeit angemessene
Kleidung. 12Und er sagte zu ihm: ›Mein Lieber, wie bist du hier
hereingekommen ohne festliche Kleidung?‹ Der aber blieb stumm.
13Da sagte der König zu seinen Bediensteten: ›Bindet ihm Füße
und Hände zusammen und werft ihn hinaus an einen Ort, an dem
absolute Finsternis herrscht. Dort wird er schreien und vor
Todesangst mit den Zähnen knirschen.‹ 14 Gott ruft alle Völker,
aber das schwächste liebt er besonders.«
In
beiden Geschichten, Gleichnissen, wird eingeladen zu einem
Festessen. Bei Lukas gibt es keinen Anlass, bei Matthäus ist der
Anlass der schönste, den man sich denken kann: ein Hochzeitsmahl.
Fest der Liebe, Fest der Verbundenheit zweier Menschen.
In
beiden Gleichnissen ergeht eine Einladung zunächst an ausgesuchte
Menschen. Doch die können nicht kommen und sagen ab.
Ist
Nein-Sagen so etwas Schlimmes?
Der
Gastgeber aus dem Lukas-Evangelium scheint auf die Ablehnung
seiner Einladung hin seine Ausrichtung geändert zu haben: er
schickt seinen Sklaven und bittet ihn, die Leute von den Hecken
und Zäunen zu holen.
Bei
Matthäus geht es dramatischer zu: Die Eingeladenen wollen nichts
von der Einladung hören und erschlagen die Boten, die sie
brachten. Mord und Totschlag gehen weiter, der König rächt sich
und bringt die Mörder um. Auch hier werden jetzt die Leute von
den Hecken und den Zäunen geholt. Und wieder wird der gastgebende
König wütend, als er sieht, dass einer nicht angemessene
Kleidung trägt – Die Geschichte endet mit einer Verwünschung
und einem knappem Moralsatz: „Gott ruft alle Völker, aber das
schwächste liebt er besonders.“
Unsere
Gefühle werden angesprochen, wir identifizieren uns und fragen:
Wer ist wer in dieser Geschichte? Wo bin ich?
Ganz
oft sind diese Geschichten in einfacher Weise verstanden worden:
Der
Gastgeber ist Gott.
Die
Eingeladenen sind wir. Wir lassen uns allerhand einfallen, um der
Einladung nicht Folge zu leisten, Gott wird böse und das Leid
wird groß. Und damit wir unser Leid besser verstehen können und
uns nicht so ohnmächtig fühlen müssen, sagen wir dann, dass wir
selber böse sind. Oder die anderen, unsere Brüder und Schwestern
seien es, schließlich hätten sie den Boten erschlagen –
1.
kommt so kein Frieden.
2.
vom Reich Gottes ist keine Rede mehr. Das Gleichnis hat seine
Auftrag verloren.
Die
gerechte Welt Gottes, die Vision von Gerechtigkeit, das geheilte
Leben – wo in diesen Geschichten wird es abgebildet?
Wut,
Mord und Totschlag sind in dieser Welt das, worunter wir leiden.
Das kann nicht das Reich Gottes abbilden.
Matthäus
und Lukas interpretieren in ihrem Erzählen beide. Matthäus trägt
starke Gefühle ein, Gefühle, die so stark sind, dass man es mit
der Angst bekommen kann. Wo Angst und Gewalt sind, sind wir mitten
in der Welt, mitten drin im dicksten Sumpf.
Wie
da rauskommen?
Eine
Einladung ist da. Gleich wie vornehm oder zerlumpt die Geladenen
sind.
Ein
Festmahl soll gefeiert werden, sogar ein Hochzeitsmahl könnte es
sein. Doch der Anlass spielt in Wirklichkeit keine Rolle. Es geht
ums Feiern, um Essen und Trinken, das Leib und Seele zusammen hält,
es geht um Gemeinschaft, Zusammensein – wie schön! Darauf kann
man sich freuen, das ist ein Genuss.
Im
Grunde ist es so einfach:
Alle
sind eingeladen. Egal ob früh oder spät gerufen.
Das
mag schwer sein es anzunehmen. Es beginnt ein Karussell von
Geschichten, die immer komplizierter werden, je mehr man sich in
ihnen verstrickt. Und selbst der, der es gut meinte, der König,
der seinem Sohn ein schönes Hochzeitsfest ausrichten wollte,
verstrickt sich geradezu heillos und gerät dabei in einen
Kreislauf von Leid, Gewalt, Mord und Totschlag. Dieser Mensch kann
unmöglich für Gott stehen!
Es
ist schwer, etwas Gutgemeintes anzunehmen.
Warum
darf man nicht nein sagen?
Dann
kann man das Fest eben nicht mitfeiern. Und? Dann bleibt man eben
allein zurück. Bleibt auf dem Zaun sitzen und schaut zu.
Wenn
man selbst einlädt und wird zurück gewiesen. Das ist traurig.
Ist es nicht ehrlicher, sich dieser Traurigkeit bewusst zu werden
als sie umzuwandeln in Zorn. Zorn speist sich oft aus enttäuschter
Liebe, aus einem Wunsch, das Leben möge so und so sein. Hier war
es der Wunsch: alle sollen zusammen sein, sollen es gut haben.
Alle! Der Wunsch geht etwas zu weit. Das klappt nicht. Das kann
gar nicht gehen. Der König täte gut daran, etwas weiser zu
werden.
Ohne
dass es Mt bewusst gewesen sein dürfte, hat er in seiner Art der
Darstellung viel von dem abgebildet, was das Christentum
schuldhaft in den beiden Jahrtausenden seiner Existenz bewirkt
hat. Nach wir vor bleibt die ur-menschliche Vision einer göttlichen
Verbundenheit, die die Grenzen von Verschiedenheit aller Art überschreitet.
Reich oder arm, gebildet oder ungebildet, männlich oder weiblich,
Sklave oder frei, alle sind eingeladen.
Und
wenn ich die Geschichte in meiner Version mal weitererzählen dürfte,
würde ich hinzufügen: Du musst nicht kommen. Nein-Sagen ist
erlaubt!
Wie
wird das wohl mal werden in unserer Welt mit uns Christinnen und
Christen? Es gibt ja allerhand Leute, die inzwischen Nein sagen.
Leute, die auf den Zäunen sitzen und genau beobachten, was die
anderen beim Festmahl so tun.
Und
es gibt auch allerhand Leute, die gerne mal reinschauen würden,
auf Stippvisite sind.
Und
es gibt die große Vision vom Frieden, der nur gewaltfrei sein
kann. Vom Frieden, der über Essen und Trinken für alle
hinausgeht.
Wenn
ich es mir mal erlauben darf, die Geschichte für heute
umzudichten:
In
einer Welt voller Krieg, Gewalt und Leid gibt es eine Königin,
die lädt ein zu einem Fest der Liebe, des Friedens und der Verständigung
(Darüber gibt es einen Film: Babettes Fest).
Geladen
sind die Nächsten, die Angehörigen, die Familienmitglieder. Das
wären für uns Christinnen und Christen auch die anderen
Konfessionen, das sowieso, und das sind die Mitglieder der anderen
Religionen, der Geschwisterreligionen wie die Juden und die
Muslime. Und jetzt kommen noch die von den Hecken und den Zäunen:
alle, die an Gott glauben, alle, die dem Lebensprinzip des Liebens
folgen möchten, einfach alle religiösen Menschen. Alle!
Alle
sind eingeladen. Keiner muss kommen, jeder und jede, die mag, kann
kommen.
Und
mit denen, die kommen, wird’s ein schönes Fest.
Wär
das nicht wunderbar?
Dann
gäb’s mal ein paar Stunden lang Frieden auf dieser Welt.
Und
wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute! Amen!
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Predigt
über Lukas 11, 5-13
vom
Sonntag Rogate, dem 29.05.2011
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Liebe
Gemeinde!
Bittet,
so wird euch gegeben. Sucht, so werdet ihr finden.
Klopft
an, so wird euch aufgetan.
Wie
wahr und wie unwahr zugleich sind diese Verse, die ich so gerne
eindeutig und klar hätte – ich würde mir wünschen, dass es
so, und genau so wäre.
Um
etwas bitten – und es bekommen.
Etwas
suchen – und es finden.
Anklopfen
– und es wird geöffnet.
Am
heutigen Sonntag geht es um das schwierige Thema Beten. Und oft
heißt beten bei uns: bitten.
Beten.
Zunächst einmal: ich habe es mir inzwischen angewöhnt, die
Menschen, große und kleine, dazu aufzufordern die Hände zu
falten. Das hilft nämlich: wenn die Hände zusammen sind, sind
sie ruhig und sammeln nicht von irgendwo sonst her noch
irgendwelche Ablenkungen ein. Das konzentriert.
Sammelt
auf eine Mitte.
Die
Augen zu schließen. Dann wandert der Blick nicht irgendwo herum
sondern richtet sich nach innen.
Da
innen ist immer noch Trubel genug.
Und
wenn wir jetzt, Hände und Augen konzentriert, auf das richten,
was wir bitten, dann passiert das, was Dorothee Sölle auch nannte
wünschen. Beten und wünschen. Beten und Wünschen liegen nah
beieinander.
Die
eine wünscht sich einen Puppenwagen, die andere, dass ihr Sohn
sie besuchen kommt.
Der
eine wünscht sich ein neues Auto, der andere wünscht sich eine
schöne Reise mit der Familie –
Wünschen,
damit ist noch nicht genug gesagt.
Bitten,
das ist dann schon ein Schritt mehr: Du, bitte, höre mich. Mach
deine Türe auf und lass mich
herein
mit meinem Wunsch!
Ob
das nun ein Nachbar ist, der den anderen nachts um Brot bittet
oder ob ich Gott bitte, dass den
Menschen
in Japan geholfen wird.
Es
klingt unverschämt, dass da nachts einer den anderen aus dem Bett
wirft, weil er Brot für seinen
Gast
braucht. Deswegen
erzählt Jesus auch dieses Beispiel. Weil es so unverschämt
klingt und man
drüber
nachdenken soll.
Der
Nachbar bittet um Brot.
Er
bittet nicht um das Silberbesteck. Und er bittet auch nicht um Schätze
oder Großartiges. Einfach Brot.
Brot
ist Lebensmittel, Grundnahrungsmittel. Brot ist das Wesentliche
der Nahrung, auch in dieser Kultur.
Vom
Brot sagt Jesus an anderer Stelle: Brot des Lebens.
Es
geht hier um zweimal Heiliges: Brot, das als Grundlage unserer
Lebensmittel not-wendig ist. Und es
geht
um das heilige Gebot der Gastfreundschaft.
Wenn
nachts einer kommt und unter deinem Dach Zuflucht sucht, dann ist
es ein heiliges Gebot, ihn aufzunehmen, zu bewirten und ihm ein
Bett zu geben.
Es
gibt einen Unterschied beim Wünschen, beim Bitten. Geht es um
Brot und ein Dach über dem Kopf?
Oder
geht es um den Ferrari und den Kaviar?
Wenn
wir die Hände falten, die Augen schließen und nach innen
schauen, dann merken wir leichter, was wichtig ist. Dann spüren
wir eher, was mit uns ist: das Herz, das da klopft und manchmal
klein und ängstlich ist oder groß und weit. Dann spüren wir wer
und was uns wichtig ist: die guten Wünsche für die, die wir
lieben. Dann kann man sogar erleben, dass man das ganze Leben, die
ganze Welt liebt.
Um
dieses große weite Herz geht es Jesus.
Beim
Bitten und wenn wir gebeten Werden.
Beim
Suchen und beim gesucht Werden.
Beim
Anklopfen und wenn bei uns selbst angeklopft wird.
Es
gibt Situationen, da mag man nicht gefragt werden. Da ist man so
sehr mit sich selbst beschäftig, da darf auch niemand eindringen.
Das ist richtig, wichtig und nötig. Nachts jemanden aus dem Bett
zu holen, dafür braucht es einen richtig guten Grund.
Durchaus
gibt es die berechtigte Möglichkeit nein zu sagen. Gerade nach
den fürchterlichen Missbrauchsskandalen in den Kirchen wird es
mir immer deutlicher, wie sehr Menschen im Raum der Kirchen sich
gefürchtet haben davor nein zu sagen.
Deswegen
ist es wichtig hinzusehen: worum wird gebeten.
Um
Brot des Lebens bei dem einen Nachbarn. Und bei dem, der Besuch
bekommen hat, noch um ein Bett dazu.
Es
geht um ganz einfache schlichte not-wendige Bedürfnisse, die das
Leben erhalten. Um nicht mehr. Es geht nicht um Luxus. Etwas zu
essen und ein Dach über dem Kopf.
Wenn
ich an die vielen Menschen denke, die sich auf den Weg nach Europa
gemacht haben und an den Küsten Italiens ankommen, erschöpft und
ausgetrocknet, übermüdet und oftmals krank. Diese Menschen
kommen für Brot und ein Dach über dem Kopf. Und nicht für den
Luxus. Niemand verlässt ohne Not seine Heimat. Auch und gerade
wenn es Muslime sind, die hier nach einer neuen Lebensgrundlage
suchen – wie christlich sind wir eigentlich hier im Abendland?
Jesus hat uns hier ganz direkt etwas gesagt, an dessen Bedeutung
geht kein Weg vorbei.
Warum
können wir, warum können so viele Menschen um uns herum das
nicht hören? Was hindert uns daran?
Ich
glaube, das Problem liegt da, wo unser Herz hart und klein ist. Wo
wir Angst haben, es nicht wahr haben wollen und uns allerhand
ausdenken, damit nur ja keiner merkt wie viel Angst wir eigentlich
haben. Dann pusten wir uns auf uns fühlen uns stark mit unseren
Bomben.
Doch
das eigentliche Problem ist, dass wir selbst Angst haben.
Wenn
wir das spüren können, ist schon viel gewonnen.
Unsere
eigene Angst macht uns so eng, dass wir die Not der anderen nicht
erkennen können.
Keiner
kann immer nur Angst haben. Wenn sie etwas abgeflaut ist, dann spüren
wir unsere Liebe, unsere Verbundenheit mit anderen Menschen. Da
ist eine Tür: Jeder Mensch auf dieser Erde ist ein geliebtes
Wesen, ein zu liebendes Wesen. Keiner kann leben ohne zu lieben
und geliebt zu werden. Alle Menschen auf der Erde sind geliebte
Wesen Gottes, die Bibel sagt sogar: Gottes Ebenbilder!
Wenn
wir das Lieben in uns finden, dann haben wir schon an die Türe
Gottes angeklopft. Und die wird uns aufgemacht. Versprochen. Ob
wir dort finden, was wir uns gewünscht haben, ist fraglich. Ich
glaube aber, dass die Wünsche sich auf diesem Weg verändern.
Wenn
wir unser Herz in die Hand nehmen, unsere Angst und unser Lieben,
dann finden wir, was wir suchten. Dann wird uns die Türe
aufgetan, an die wir klopften. Dann bitten wir, und es wird nicht
nur uns selbst sondern allen reichlich gegeben.
Ja,
Eliane, da ist in Christus dann alles neu. Du selbst wirst neu
dabei, dein Leben wird neu und die Welt wird dadurch auch neu.
Jesus sprach vom Königreich Gottes, das dann anbricht. Das,
wonach sich, glaube ich, alle sehnen. Amen.
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Predigt
über Johannes 21, 1-14
vom
2. Sonntag nach Ostern, dem 08.05.2011
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Liebe
Gemeinde!
„Hast
du auch deinen Johannes gelesen?!“, diese Aufforderung, diese
Ermahnung erinnere ich aus irgendeinem
Brief
von irgendeinem „Kirchenvater“, der seinen Schüler ermahnte.
Ob das vor 50 Jahren vor 100 Jahren, vor
500
Jahren oder gar vor 1800 Jahren geschrieben wurde, ich erinnere es
nicht. Ich erinnere nur, wie wichtig
diesem
Lehrer war, dass sein Schüler das Johannes-Evangelium las.
Genau
das Evangelium, das mir am unzugänglichsten erschien. Am
schwersten verständlich.
Und
daher heute drei Schritte:
1.
Die Voraussetzung das Johannes-Evangelium heute zu lesen
2.
Die Geschichte selbst, Joh 21.
3.
Der Riss in der Geschichte.
Zu
1.
Die
Geschichte des jüngsten Evangeliums hat zur Voraussetzung die
Zerstörung des Tempels, Zerstreuung
der
Juden. Ihnen war von den Römern untersagt im Tempel zu beten.
Zwei Schüler des jüdischen Lehrers
Jochanan
Ben Sakkaj schmuggeln ihn noch während des Krieges aus Jerusalem
(im Sarg). Dieser Lehrer
erwirkt
beim römischen Kaiser die Erlaubnis, ein Lehrhaus zu eröffnen.
Und diese Lehrhaus wurde zur
Keimzelle
jüdischen Überlebens. Dort fand dieTora-Auslegung statt, diie
Interpretation der Gebote und damit
eine
neue Definition der Lebenspraxis, die ohne den Tempel auskommen
musste. Pharisäer. Jetzt erst gibt
es
sie!
Viele
Lehr-Meinungen stehen nebeneinander. Eine Richtung meint, sie habe
exklusiv recht: die Christen.
Denn
sie meinen, der Messias sei in Jesus gekommen, Gott sei in Jesus
in die Welt gekommen,
ein-für-alle-mal.
Sie werden als Ketzer ausgeschlossen.
Abschiedsrede
Joh 16,2: Ihr werdet ausgeschlossen werden! Nachträgliche Ankündigung,
die das Geschehen
erklärt
und erträglich macht.
Der
Konflikt bekommt eine größere Schärfe: die Gefährdung der
ohnehin verfolgten Juden durch eine „Irrlehre“
ist
größer als die Kritik durch Unwissende, die Christus-Gläubigen.
Häretiker waren für die jüdische
Gemeinschaft
schlimmer als Nicht-Juden. Polemik gegen Juden und Pharisäer ist
auf diesem Hintergrund
anders
als auf dem Hintergrund dessen, was sich dann entwickelte: ein
Antisemitismus, der sich aus Sätzen
des
Johannes-Evangeliums speist. „Hast du deinen Johannes
gelesen?“ Zu dieser Frage gehört der
Antisemitismus
dazu. Hier lebt die Identität des Christen aus der Abgrenzung
gegen das Judentum.
Notwendig
ist’s daher den Text neu sprechen zu lassen. Mit ihm neu in den
Dialog treten, das „im Joh-Ev
manifeste
Nichtgespräch“ aufbrechen. (Wengst)
Zum
Text für heute: Er ist, das ist allenthalben gesichert, nachträglich
an das Joh-Ev drangehängt worden.
Es
muss eine Gruppe von Verfassern / Redakteuren gegeben haben, die
fanden, es sei notwendig, die
Geschichte
nach Jesu Auferstehung weiter zu erzählen.
Zu
2.
Und
jetzt kommt unser Text, die Geschichte für heute: Joh 21,, 1-14
in der Übersetzung der Bibel in
gerechte
Sprache.
Danach
erschien Jesus den Jüngerinnen und Jüngern noch einmal am See
von Tiberias. Er erschien so: Simon
Petrus
und Thomas, der Didymos oder Zwilling genannt wird, und Nathanael
aus Kana in Galiläa und die Söhne
des
Zebedäus und zwei andere von seinen Jüngerinnen und Jüngern
waren zusammen. Simon Petrus sagte zu
ihnen:
„Ich gehe fischen.“ Die anderen sagten zu ihm: „Wir kommen
mit dir.“ Sie gingen hinaus und stiegen in
das
Boot, aber in jener Nacht fingen sie nichts. Als es schon Morgen
war, stand Jesus am Ufer, die
Jüngerinnen
und Jünger wussten jedoch nicht, dass es Jesus war. Da sagte
Jesus zu ihnen: „Kinder, ihr habt
wohl
keinen Fisch?“ Sie antworteten ihm: „Nein.“ Er sagte zu
ihnen: „Werft das Netz auf der rechten Seite des
Bootes
aus, dann werdet ihr welche finden.“ Sie warfen es aus und
konnten es nicht mehr herausziehen wegen
der
Menge der Fische. Da sagte jener Jünger, den Jesus liebte, zu
Petrus: „Es ist Jesus, der Lebendige.“ Als
Simon
Petrus hörte, dass es Jesus sei, zog er sein Oberkleid an, denn
er war nackt, und sprang in den See.
Die
anderen Jünger kamen mit dem Boot, denn sie waren nicht weit vom
Land entfernt, nur etwa 100 Meter.
Sie
zogen das Netz mit den Fischen. Als sie an Land stiegen, sahen sie
ein Kohlenfeuer mit Fischen darauf
und
Brot. Jesus sagte zu ihnen: „Bringt von den Fischen, die ihr
jetzt gefangen habt!“ Simon Petrus stieg aus
dem
See hinaus und zog das Netz an Land. Es war mit 153 großen
Fischen gefüllt. Obwohl es so viele waren,
zerriss
das Netz nicht. Jesus sagte zu ihnen: „Kommt und frühstückt!“
Niemand von den Jüngerinnen und
Jüngern
wagte zu fragen: „Wer bist du?“ Denn sie wussten, es war
Jesus, der Lebendige. Jesus kam, nahm
das
Brot und gab es ihnen, und den Fisch ebenso. Dies war schon das
dritte Mal, dass Jesus seinen
Jüngerinnen
und Jüngern erschien, nachdem er von den Toten auferweckt war.
Liebe
Gemeinde!
Zum
dritten Mal erscheint der Auferstandene, der Lebendige. Und das
war nicht wirklich so, also wie Kinder
sagen
würden „in echt“, sondern es ist eine Geschichte, die noch
dringend all den anderen Geschichten mit
Jesus
hinzugefügt werden musste, damit sich der Kreis schließt. Der
Kreis des Wirkens Jesu, der am See
begann,
wo die Jüngerinnen und Jünger zu Menschenfischern wurden.
Die
Jüngerinnen und Jünger sind an den See Genezareth zurückgekehrt.
Nach Galiläa. Sie tun wieder das, was
sie
damals liegen ließen, ihre Arbeit. Das Fischen.
Es
ist Abend geworden. Petrus, der Anführer sagt: „Ich gehe
fischen.“ Die anderen sagen: „Wir kommen mit.“
So
geht das oft. So einfach. So banal.
Sie
fischen die ganze Nacht. Sie fangen nichts.
Diese
Geschichte gab es schon mal. Sie fischten die ganze Nacht, doch
sie fingen nichts.
Es
wird Morgen, ein sanftes Licht zieht am Himmel hoch. Es ist die kälteste
Stunde der Nacht. Alle sind müde
und
erschöpft. Die Anstrengung war bisher vergeblich. Dem Ufer schon
recht nahe, ca. 100 Meter entfernt ist
eine
Gestalt zu sehen. Sie spricht zu den sich nahenden Fischern:
„Kinder, ihr habt wohl keinen Fisch?“
Sie
rufen zurück: „Nein!“
„Na,
dann werft euer Netz mal auf der rechten Seite des Bootes aus!“
Die
rechte Seite, ich muss schmunzeln. Mich erinnert das an die
Geschichte von den Schildbürgern, die die
Stelle
am Boot markierten, wo sie die Glocke versenkten. Die rechte Seite
– ohne den schmunzelnden Blick
könnte
das die richtige Seite bezeichnen – als ob es „die“ richtige
Stelle je gäbe.
Wir
verwechseln das oft: zum richtigen Zeitpunkt an der richtigen
Stelle zu sein machen wir fest an
irgendwelchen
Bedingungen, die „richtig“ sein sollen. Ich glaube, hier
handelt es sich um so etwas wie den
richtigen
Moment in dieser Dämmerstunde zwischen Nacht und Tag, zwischen
der einen und der anderen
Wirklichkeit.
Man könnte auch Kairos dazu sagen, Kairos bezeichnet einen
solchen besonderen Zeitpunkt
am
besonderen Ort.
Zu
3.
Plötzlich
wird aus der Banalität des gewöhnlichen Tuns ein besonderes Tun.
Unversehens wurde eine Grenze
überschritten,
überfahren, übertreten.
Und
sie fangen Fische, viele Fische, sehr viele Fische. So viele, dass
das Netz eigentlich reißen müsste.
Große
Fische: 153 Stück!
Es
sei wohl sehr gerätselt worden, was diese 153 als Zahl zu
bedeuten hätte. In dem Kommentar, den ich
benutzt
habe, konnte das nicht geklärt werden. Ich verstehe das so: es
waren ganz viele! Sehr viele! Nämlich
genau
soundso viele. Es soll sich alles ganz wirklich anhören. Ja, das
ist wirklich passiert. Auch wenn wir
heute
wissen, dass es nicht so passiert ist. Wissenschaftlich sozusagen,
an der körperlichen Realität
orientiert.
Aber diese Realität ist eben nicht die einzige. Es gibt auch die
Glaubensrealität. Die geglaubte
Wirklichkeit.
In der ist alles möglich.
Und
das hat mit Jesus zu tun, dem Lebendigen, wie die BigS übersetzt.
Dem Auferstandenen, der überall
gegenwärtig
sein kann, wo geglaubt wird.
Wo
geglaubt wird, befinden wir uns häufig in diesem Dämmerungsbereich
zwischen Nacht und Tag, zwischen
Tag
und Nacht. Im Zwielicht, wie man auch sagt, in dem Bereich, in dem
beide Lichter wirksam sind. Vielen
macht
das Angst – genau: hier geht es um Vertrauen, um Mut. Vertrauen
und Mut, Zuversicht und Hoffnung
an
der Pforte der
Hoffnungslosigkeit und Vergeblichkeit, an der Pforte zwischen
Nacht und Tag.
Simon
Petrus und der Jünger, den Jesus lieb hatte sind die beiden
Personen, die allen voran Jesus erkennen
und
bedingungslos ihrer Wahrnehmung vertrauen. Sie geben den Übrigen
damit ein Beispiel, gehen ihnen voran
oder
voraus, bis dahin, dass Simon Petrus sein Obergewand anzieht und
damit ins Wasser springt.
Die
Geschichte endet damit, dass auf einem Kohlefeuer Brote und Fische
geröstet werden und als Frühstück
verzehrt
werden.
„Kommt
und esst!“ sagt Jesus, der, der ihnen auch gesagt hatte:
„Werft eure Netze noch einmal aus!“
Alles
ist wieder normal, so wie immer. Sie sind zusammen, sie essen und
trinken – und doch ist es ein ganz
besonderer
Tag, der da beginnt. Ein einmaliger Tag. Ein Tag wie alle anderen.
Gerade
weil diese Geschichte so wunderbar komponiert ist, spricht sie
mich heute, am 2.Sonntag nach Ostern
besonders
an. Sagen wir mal, es sei 1900 Jahre her, dass sie aufgeschrieben
wurde. Das macht nichts. Sie ist
so
farbig, so lebendig, wie wenn sie eben erst geschehen wäre. Und
das genau passiert Menschen auch heute.
Mit
anderen Geschichten, die vergleichbar sind. Die Geschichten gehen
anders. Aber immer wieder gibt es
diesen
Sprung in der Wirklichkeit, der auf eine andere, eine Glaubens-
und Vertrauenswirklichkeit hinweist.
Wer
sich darauf einlässt, kann einen reichen Fang machen.
So
bekommt bei aller historischen Kritik das Johannes-Evangelium
einen versöhnlichen Schluss, der
keineswegs
als judenfeindlich zu verstehen ist. Hier entsteht Identität für
die, die mit dem auferstandenen
Jesus
verbunden sind, ganz ohne Abgrenzung gegenüber der gemeinsamen
Herkunft.
Wenn
wir über unseren Glauben sprechen, geht es um solche Erfahrungen.
Lehrmeinungen können zu Streit
führen.
Glaubenserfahrungen sind bereichernd für jeden und jede, die
berichtet, der zuhört. Amen.
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Predigt
über Psalm 22,2
vom
4. Sonntag der Passionszeit, dem 03.04.2011
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Liebe
Gemeinde!
Heute,
am 4. Sonntag in der Passionszeit, möchte ich mich mit Ihnen dem
Thema Verzweiflung annähern.
Es
ist ein Wagnis, das braucht Mut. Wäre ein grundlegender Mut nicht
da, könnte ich das Thema nicht wagen.
Ich
lade Sie ein, gemeinsam dieses Wagnis einzugehen. In Gemeinschaft
sind wir jede und jeder beschützter.
Jesus
ruft am Kreuz:
Mein
Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Eli,
eli, le’ma sabachtani! So ähnlich mag es auf aramäisch
geklungen haben.
Worte
aus dem 22. Psalm.
Und
der lautet weiter in den Versen 2.3.7 und 15:
Ich
schreie, aber meine Hilfe ist ferne.
Mein
Gott, des Tages rufe ich dich, doch antwortest du nicht, und des
Nachts, doch finde ich keine Ruhe.
Ich
aber bin ein Wurm und kein Mensch, ein Spott der Leute und
verachtet vom Volke. Ich bin ausgeschüttet
wie
Wasser, alle meine Knochen haben sich
voneinander gelöst;
mein Herz ist
in meinem Leibe wie
zerschmolzenes
Wachs.
Mein
Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!
Wie
viele Menschen haben diesen Schrei in ihrem Leben erlebt.
Wie
viele Menschen ihn heute schreien in den Naturkatastrophen und den
menschengemachten
Katastrophen
unserer Zeit –!
Es
ist Passionszeit. Zeit, in der wir das neue Leben nahen sehen können.
Zeit, die dunklen Themen
zu
betrachten, das
Finstere zu beleuchten und daran zu wachsen.
Passion ist
nicht nur Leiden, es ist auch
Leidenschaft.
Es ist der Mut, das Leiden zu sehen und auszuhalten,
an ihm zu wachsen, aus ihm zu lernen.
Es
ist der Blick auf Jesus am Kreuz.
Ich
möchte jetzt mit Ihnen einen Weg gehen, der Schmerzpunkte berühren
kann. Einen Weg in Stationen.
Sie
sind gehalten, aufgefangen in Gottes Hand. Und Sie können sich
jederzeit abseits hinstellen und
zuschauen,
wenn Sie nicht mehr hinspüren möchten.
Mein
Gott, warum hast du mich verlassen!
Verlassen.
Allein. Einsam. In Schmerzen, bestimmt von Schmerzen, im Körper,
in der Seele.
Peter
L. Niegel dichtet:
Immer
noch im Werden
Meine
Seele verletzt, mein Körper kalt und erstarrt
in
diesen tausend dunklen Gefühlen der Angst, der Traurigkeit,
der
Verzweiflung
Widersinnig
ist mir das Gekrieche
in
dieser mundtot gemachten und tausendfach vergewaltigten
Welt
Unmöglich
Worte zu finden
Wenn
das Maß überläuft
Wenn
die Wahrheit so weh, so sehr weh tut
Wenn
ich keinen Weg mehr zu mir selbst finde
Wenn
ich mich selbst nicht mehr erkenne
Und
doch – ich spüre es
Ich
bin noch immer im Werden
Immer
wieder zerrissen in mir
So
chaotisch, so höllisch, so schmerzvoll
Und
dann gibt es ein Wort, einen Brief, eine Berührung
dass
aus dem Chaos die Ordnung entsteht
Bloß
wann, bloß wann?
Mein
Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Ich
kenne so viele Menschen, die das rufen. Und ich habe es selbst oft
getan. Ich blicke auf den Jesus, der
das
ruft und verbinde mich mit ihm, verbinde mich mit denen, denen es
ähnlich geht:
der
Frau in der Klinik, die ich einige Jahre kenne. Sie ist so schwer
krank, sie sagte, sie wolle lieber sterben
als
weiterleben. Und lebt doch weiter, jeden schwerfälligen Atemzug
neu.
Ich
denke an das Kind, das auf dem Foto des Briefes der Pastorin aus
Tokio abgebildet ist. Es sucht seine
Eltern,
sie sind nach dem Erdbeben verschwunden.
Ich
denke an die Frau, die von Libyschen Soldaten vergewaltigt wurde
und den Mut fand, in das Hotel einzudringen, in dem die
Journalisten wohnen. Aller Scham und Schande zum Trotz fand sie
den Mut, den
Journalisten
und Journalistinnen ihre Geschichte zu erzählen.
Und
mein Blick geht zurück zu diesem Jesus, dem Verzweifelten.
Manchmal
ist der Schmerz der Verzweiflung zu groß. Dann macht man sich
selbst tot, stumpft ab, wird fühllos. Ich will es nicht, schreit
das Ich, ich will nicht! Es schreit. Immerhin. Es schreit.
Die
Stunde der Angst (Christa Mathies)
Tropfen
um Tropfen füllt sich die Schale
Mit
Bitterkeit.
Es
ist die Stunde des Argwohns.
Hinter
vertrautem Gesicht
lauert
Verrat.
Die
Lemuren rücken vor.
Die
Beklommenheit wächst.
Die
Schlinge wird enger.
Es
ist die Stunde der Angst.
Schrei
Bevor
du erstickst!
Schreien,
wütend werden, das hilft der Macht wieder auf. Eben noch
Ohnmacht, jetzt immerhin Schrei.
Und
bevor wir die Sackgasse der Wut betreten, lenken wir den Blick
dorthin, wo der Schmerz wohnt:
Verlassen,
verhöhnt, nichts ist übrig von dem Ich, das gerne lebt, gerne
lebte. Angst vor dem Sterben,
Angst
vor dem Tod, wie eine riesenmächtige Wolke legt sie sich auf den
Schmerz, nimmt gefangen,
macht
eng.
Ich
rufe zu Dir, Gott,
gib
Antwort!
Du
hast mich geführt,
jetzt
bin ich hier,
und
es ist einsam, kalt und leer
und
still – Du schweigst.
Wo
soll ich Halt und Richtung finden,
wenn
doch alles zerbricht?
Ich
habe Dir geglaubt,
und
Du schweigst.
Wenn
ich jetzt falle, alles hinwerfe
Und
mich weigere zu gehen …
Du
schweigst.
Und
wenn ich einfach gehe,
blind
in irgendeine Richtung laufe ….
Du
schweigst auch dann.
Du
bist geduldig, Gott, in deinem Schweigen,
ausdauernd,
hart.
Ich
stehe in der Stille
Und
ziehe mich auf mich zurück.
Ich
möchte alle Weisheit
Dir
vor die Füße werfen.
Doch
wo sind Deine Füße,
wo
die Grenze,
wo
dein Außerhalb?
Du
bist ein strenger Lehrer,
unausweichlich
groß
indem
Du frei lässt.
Du
bist das Sein, lässt es auch Dich –
Du
lässt niemals los.
Judith
Magdalena Kornev-Rietmann
Jesus
schrie noch einmal und hauchte seinen Atem aus.
Dieser
Schrei war nicht das letzte Wort.
Doch
wer verzweifelt ist, kann darauf nur hoffen.
Nähren
wir die Hoffnung, die eigene und die anderer. Amen.
Alle
Zitate aus dem Büchlein: Österlich leben, ein spiritueller
Begleiter. Erschienen im
Verlag
am Eschbach 2009
Lied
383 Bekanntmachungen Lied 346,1-
Fürbitte
Zu
dir, Gott, schreien wir, den Schrei der Verzweifelten
Den
Schrei der Trostlosen, den Schrei der Verlassenen, den Schrei der
Geschändeten.
Zu
dir Gott rufen wir die Frage ohne Antwort: Warum! Warum?!
Wir
sind nicht mehr als Menschen, begrenzt in unserem Verstehen,
begrenzt in unserem Leben
Wir
würden diese Grenzen gern überschreiten
Doch
wir scheitern daran, verzweifeln und stürzen in deine antwortlose
Stille
Du,
Gott, auf dem Grund unseres Betens
Du,
Gott, über allem und unter allem
Du,
Gott, wir hoffen auf dich – fang du uns auf.
Was
uns persönlich bewegt, bringen wir in der Stille vor dich
-
Vaterunser
…
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Predigt
über Matthäus 26, 69-75
vom
Sonntag Reminiszere, dem 20.03.2011
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Liebe
Gemeinde!
Es
ist Passionszeit, Fastenzeit. Zeit, um über die unangenehmen
Seiten des Lebens nachzudenken. Zeit der Reinigung von innen und
von außen. Vorbereitungszeit für das größte Fest, das wir
feiern können, das Fest des Lebens, der Auferstehung, das Fest
des Sieges: Leben ist stärker als der Tod.
In
diese Zeit hinein platzt die Naturkatastrophe des Erdbebens mit
verheerenden Auswirkungen in Japan: der Tsunami hat ungezählte
Menschenleben gekostet. Die Ausmaße der Atomkatastrophe sind noch
nicht zu ermessen.
Und
in diese Zeit hinein durften wir Anteil nehmen an dem gewaltfreien
Befreiungskampf islamischer Völker in Nordafrika, die ihre
Diktatoren herausgefordert haben. Den Menschen in Libyen gilt
unsere besondere Sorge und Aufmerksamkeit.
Räumlich
sind wir weit entfernt von dem Geschehen. Doch die Welt ist
kleiner geworden. Schneller bekommen wir Informationen und sind
verbunden mit den Menschen, Schwestern und Brüdern, die wir nicht
persönlich kennen und die doch einfach leben möchten. So wie wir
auch.
Vieles
von dem, was dort geschieht, können wir nur ahnen. Teils weil die
technischen Informationen nicht transportieren können, was
geschah. Teils weil die Informationen teil der Politik sind. Jede
Regierung teilt zunächst im Fall einer Katastrophe mit, es bestünde
keine Gefahr für die Bevölkerung. Bis sich dann anderes
herausstellt.
Sieben
Wochen ohne ausreden heißt die Fastenaktion der evangelischen
Kirche. Es gibt einen Kalender, der für jeden Tag eine Situation
zeigt, die geeignet ist zu sagen: Ich war’s nicht. Ich habe ihn
im Gemeindehaus aufgehängt, er zeigt Bilder und Worte, die
Menschen mit und ohne Humor einladen, sich ein Stück weit auf
sich selbst zu besinnen. Z.B. eine Küchenspüle voll benutzten
Geschirrs. Dazu ein Text von Al Gore. Oder eine Wiese, auf der
junge Menschen Bockspringen spielen. Dazu der Text, Eisenhower
zugeschrieben: Die Suche nach Sündenböcken ist von allen
Jagdarten die einfachste.
Wie
einfach ist es, im Fall einer schlimmen Lage zurück zu schauen.
Wie einfach ist es, nach Schuldigen Ausschau zu halten und sich
selbst frei zu halten: Ich war’s nicht.
Jetzt
aber ist es so schlimm gekommen, dass sich niemand mehr frei
halten kann.
Wir
haben nur diese eine Erde.
Wir
atmen die Luft aus der einen Atmosphäre.
Jetzt
ist es spätestens so weit, dass wir genau jetzt hinsehen müssen:
So ist es. Von all dem, was geschah und geschieht, kann uns
niemand frei halten. Wir können allenfalls mitwirken daran, den
Schaden zu begrenzen. Denn der Schaden ist da.
Es
ist zunächst ein sichtbarer Schaden: die Verwüstungen des
Tsunami sind als Bilder an uns alle herangekommen. Es ist ein zu
ahnender Schaden, der die beiden Atombomben von Hiroshima und
Nagasaki bei Weitem übersteigt. Radioaktivität kann man nicht
sehen.
Und
es ist ein Vertrauensschaden: Atomenergie ist nicht sicher. Wir
haben denen vertraut, die uns glauben machen wollten, Atomenergie
sei sicher.
Wir
haben ihnen geglaubt. Ich war’s.
Nicht:
Die haben uns belogen, du warst’s!
Ich
habe Verantwortung für mein Leben. Und nicht: du
hast Schuld.
Der
Text, den ich eben vorlas aus Mt 26, 69-75 schildert so eine
Situation:
Feststimmung
in Jerusalem, es soll Passah gefeiert werden, ein schönes, ein fröhliches
Fest.
Jesus
und seine Jünger sind auch dort, wollen auch das Passahfest
feiern.
Bei
der letzten Mahlzeit, die sie gemeinsam einnahmen, gab Jesus ihnen
die Sinnworte mit: brot des Lebens, Kelch des Heils. Alle schworen
ihm ihre Treue. Zu Petrus sagte er: „Ehe der Hahn kräht, wirst
du mich dreimal verleugnet haben.“
Am
Nachmittag geschah die Katastrophe: Jesus wurde gekreuzigt. Die Jünger
Jesu zerstreuten sich. Petrus war allein unterwegs und drückte
sich in der Nacht in den Winkeln der Stadt herum. Er setzte sich
in einen Hinterhof, in dem auch andere Menschen sich aufhielten.
Eine
Sklavin spracht ihn an: „Du warst auch bei Jesus!“
Petrus:
„Ich weiß nicht, was du meinst.“
Er
verließ den Hof.
Im
Tor sagte eine andere Sklavin: „Sieh mal, der gehört auch zu
Jesus, dem Nazoräer.“
Petrus:
„Ich kenne ihn nicht.“
Kurz
darauf sagen herumstehende Leute zu Petrus: „Du bist auch einer
von denen. Dein Dialekt verrät dich.“
Petrus
griff zum Fluchen und zum Schwören, ich nehme an, er wurde laut.
Er sagte: „Ich kenne den Mann nicht.“
Da
krähte ein Hahn.
Petrus
ging ‚nach draußen’ und weinte bitterlich.
Wo
auch immer dieses „Draußen“ ist.
Für
mich ist es die aufgebaute Scheinwirklichkeit, in der der Petrus
sich bewegt hat, die er verließ. Nach „Draußen“ ist dort, wo
das Wirklichkeit ist, was wirklich ist. Auch wenn es unerträglich
scheint. Auch wenn es furchtbar wehtut.
Diese
Wirklichkeit kennt kein Zahnpasta-Lächeln, keine
Profitmaximierung, kein Prestige.
Diese
Wirklichkeit ist nackt und verletzlich, aber lebendig.
Petrus
weinte bitterlich, Petrus weinte verzweifelt, so wird es auch übersetzt.
Sein
Weinen, seine Tränen erlösen ihn. Es tut ihm furchtbar weh, er
ist verzweifelt. D.h. er sieht auch nicht, wohin der Weg ihn
weiter führen kann und wird.
Aber
er lässt los von der alten Scheinwirklichkeit, in der das Überlebensgesetz
der Lüge gilt. Er gibt sich hin dem, worauf er wirklich vertrauen
kann, das so ohne Waffen daher kommt und ihm sein Vertrauen und
seine Liebe zurückgibt. Die Liebe, die er bei Jesus entdeckt und
zu leben gelernt hat.
Ich
glaube, dass unsere gegenwärtige Situation mit der des Petrus
vergleichbar ist.
Die
eine Katastrophe ist geschehen. Das Erdbeben, der Tsunami, die
Naturgewalt.
Ihr
anderer Teil ist selbstgemacht und steht in unmittelbarem
Zusammenhang mit unserem Hunger nach Energie, der Ideologie des Größer,
Schöner, Schneller, Besser, Mehr. Dazu gehört der Satz: „Ich
war’s nicht!“
Die
Einsicht: „Ich bin’s!“ ist ein schmerzlicher Schritt. Aber
ein heilsamer. Vieles muss durchgeschmerzt werden auf dem Weg des
Erkennens: Ich bin’s. Drum ist’s besser, wir gehen ihn
gemeinsam. In der Passionszeit. In der Fastenzeit. In dieser
Gemeinde. Hier im Gottesdienst.
Im
Namen des Jesus, der von den Toten auferstand, der auferweckt
wurde zu neuem Leben. Ein stärkeres Bild des Heilwerdens kenne
ich nicht.
Amen.
Für
unsere gegenwärtige Situation habe ich schon mit dem Psalm 69 das
Bild des Wassers benutzt.
Das
Lied 568 nimmt dieses Bild wieder auf.
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Predigt
über Johannes 8, 12-16
vom
2.Weihnachtstag 2010
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Liebe
Gemeinde!
Weihnachten
ist das Fest der Lichter. In der Tiefe der Nacht werden sie alle
angezündet: Der Adventskranz,
die
Lichter am immergünen Baum.
Hier
auf Amrum war es spüren, was Margot Käsmann forderte: Advent ist
erst im Dezember. Der Schmuck für die Weihnachtszeit kam erst
nach dem Ewigkeitssonntag in die Vorgärten und an die Straßen.
Und
jetzt leuchten sie alle.
Heute
sind wir hier versammelt im Nachsinnen. Der Heiligabend ist
vorbei, die Aufregung hat sich gelegt. Geschenke, die dieses Fest
würzen, sind ausgepackt.
Es
geht um die tiefere Bedeutung. Und heute geht es um das Licht.
Jesus spricht:
Ich
bin das Licht. Und alle, die mir folgen, werden nicht mehr in der
Finsternis umherirren, sondern das Licht des Lebens haben.
Licht.
Die
erste Tat Gottes im uranfänglichen Schöpfungsbericht war der
Satz: Es werde Licht. Oder: Licht werde.
Das,
was vorher war, war Chaos, Wüste, Dunkelheit. Licht trennt die
Dunkelheit auf in Tag und Nacht.
Die
Dunkelheit ist nicht fort, doch sie ist nicht mehr das Einzige.
Damit
Leben sein kann, braucht es uranfänglich Licht.
Licht
ist immer wieder Metapher für Klarheit, für Wahrheit, für die
Gegenwart Gottes. "Dein Wort ist meines Fußes Leuchte"
(Ps 119,105), Jesus trifft sich auf dem Berg mit Mose und Elia
"im Licht" -
Jesus
IST das Licht.
So
schreibt Johannes es auf, ca 100 Jahre nach Jesu Geburt.
Das
ist Glaubenswort, geglaubtes Wort. Das ist eine auf Jesus
angewandte Metapher, die ihm in den Mund gelegt wird.
Natürlich
klingt es anmaßend, wenn einer sagt: "Ich bin das
Licht!" Wir können davon ausgehen, dass Jesus das von
Johannes in den Mund gelegt wurde - mit guter Absicht.
Der
Zusammenhang dieses Wortes wird so komponiert, dass man sich ein
Streitgespäch vorzustellen hat, bei dem Jesus sagt: Ich bin ...,
und andere, die Pharisäer, bezweifeln das. Beide beharren auf
ihrer Position, das Ergebnis ist kein Dialog, also auch kein
Frieden, sondern Streit, Auseinandersetzung.
Hier
gilt es, genau hin zu hören.
Johannes,
einer der fünf verschiedenen Johannesse des Neuen Testamentes,
gehört in eine Gruppe, die der jüdischen Gemeinde sehr nahe
stand. Die jüdische Tradition, die Rituale, alles, was zum
Judentum seiner Zeit gehörte, war auch seines und das seiner
Freundinnen und Freunde. Doch in einem unterschieden sie sich kräftig:
Johannes und seine kleine gruppe bezogen sich auf Jesus als den
Gesalbten, auf Jesus als den Messias: Gott hat endlich sein
Versprechen eingelöst und den Messias geschickt: in Jesus. Und
das ist wesentlicher Bestandteil des jüdischen Glaubens gewesen
über viele hunderte Jahre: eines Tages schickt Gott den Erlöser!
Für
die Johannes-Gruppe stimmte das, für den größten Teil der jüdischen
Gemeinde nicht.
Das
führte zu scharfen Auseinandersetzungen, zu Abgrenzungen und zum
Schluss zur Trennung.
Übrig
geblieben sind polemische Worte gegen "die Juden", die
dann schlimme Geschichte machten und bewirkten. Erst in jüngerer
Zeit ist darüber geforscht worden, wurde der Antisemitismus in
dieser Wurzel aufgedeckt. Hier in den Johannes-Texten ist der
antisemitische Bezugspunkt des sich später bildenden
Christentums.
Man
kann es auch anders sagen: Hier bildet sich Kirche in scharfer
Abgrenzung zum Judentum. Und diese Abgrenzung ist so nötig wie
der Streit unter Geschwistern: man weiß besser, wer man ist, wenn
man schonmal weiß, wer man nicht ist.
Lassen
Sie uns dieses als historische Tatsache in dem Streitgespräch
abgebildet sehen und uns nun dem Inhalt zuwenden:
Jesus
ist das Licht der Welt -
alle,
die ihm nachfolgen, werden nicht mehr in der Dunkelheit umher
irren -
sondern
sie werden das Licht des Lebens haben.
Das
Weihnachtschristentum beschwört die Krippe, die Familie, Harmonie
und Frieden.
Wenn
man genau hinsieht, zieht es im Stall, besonders hygienisch dürfte
es auch nicht zugegangen sein, der Vater des Kindes ist unbekannt,
die Mutter blutjung - eigentlich ist der Stachel unübersehbar.
Trotzdem schauen wir systematisch fort.
Der
Jesus des Johannes hat keine Krippe, hat nicht die Bodenhaftung
des Lukas-Berichtes, dafür aber eine Geisteshaltung, die ihn über
alles, was bisher bekannt war, hinaus leuchten lässt:
Er
blieb gewaltfrei bis zum Schluss, als er gewalttätig ermordet
wurde.
Er
überwand den Tod - oder besser gesagt: in ihm wurde der Tod überwunden,
denn das hat er nicht aktiv betrieben, - er wurde auferweckt, er
lebte wieder - und das noch heller, noch strahlender.
Jesus
sei fortan der Blickpunkt für die, die sich auf Gott beziehen und
Gott doch nicht greifen, spüren, erkennen können. Für die, die
in den Geheimnissen der Tradition forschen und doch noch immer
fragen: Hier, schaut her: Jesus ist das Licht der Welt!
Wie
ein Leuchtfeuer in der Nacht gibt das Orientierung, Wegweisung.
Dem kann man folgen. Und wenn man das tut, wird man selbst
leuchten, wird zum "Licht des Lebens".
Immer
wieder brauchen wir das: Wir lassen uns vom Leuchten anderer
anstecken, ein Funke springt über und das Leben wird schöner als
vorher. In Jesus ist der abgebildet, der Licht in Hülle und Fülle
hat, von dem wir uns anstecken lassen können.
Bei
der Taufe überreichen wir heutzutage eine Taufkerze mit genau
diesem Wort: Jesus spricht: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir
nachfolgt, wird nicht in der Finsternis umherirren, sondern das
Licht des Lebens haben.
Die
Weihnachtsbotschaft wird hier mit dem ganzen Leben verbunden. Und
das ist dann nicht nur die Krippe, sondern auch das Kreuz.
Advents
- und Weihnachtsbeleuchtung kann man auch ohne Jesus "einfach
schön" finden. Man kann aber auch in jedem angezündeten
Licht einen Hinweis auf Jesus sehen, der das Licht der Welt ist für
die, die auf dem Weg sind, dem Licht des Lebens, der Lebendigkeit,
der Auferstehung zu folgen.
Wenn
man seinen Blick dann noch weitet, kann man in jedem Sonnenstrahl
Gott erkennen.
Das
ist ein besonderer Blick, eine besondere Perspektive. Und die kann
man bestimmt nicht immerzu aushalten. Doch es ist ein Schatz, wenn
das glaubende Sehen zu einem tieferen Sehen, einem tieferen
Verstehen werden kann.
Möge
jeder und jedem von uns dieser Schatz in dieser Zeit mal geschenkt
sein.
Amen.
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Predigt
über Jeremia 23
vom
2.Advent 2010
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Liebe
Gemeinde!
Am
vergangenen Sonntag, dem 1.Advent, feierten wir hier zusammen mit
Kindern Gottesdienst. Ein Stück wurde gespielt, in dem das
Schiff, beladen mit einem Kind, in die Kirche einzog. "Es
kommt ein Schiff geladen...", dieses bedeutungsschwere Lied
war Wegweiser in den Advent.
Prophetenstimmen
wurde gelesen: Er wird bald kommen. Ja, er kommt! Wir warten auf
den König. Aber der König kommt nicht in Pracht, er wird klein
sein. So klein wie der Ort Bethlehem, der vom Glanz der
Nachbarstadt Jerusalem überstrahlt wird.
Er
wird kommen.
Er
wird kommen.
Wir
warten.
Wann
kommt er endlich?
Kommt
er?
Er
wird kommen! Ganz bestimmt.
2000
Jahre ist dieses Warten inzwischen alt. Jesus kam, wurde geboren,
lebte und starb. Unser Glaubensbekenntnis erzählt nur von diesen
kurzen Stationen: Empfängnis, Geburt, Leiden und Tod. Und
Auferstehung. Auferstehung in ein anderes Leben, ein Leben an der
Seite Gottes, ein Leben in der Nähe Gottes, ein Leben wie Gott.
Und wir Christinnen und Christen haben uns inzwischen in alledem
eingerichtet, auch in seiner Widersprüchlichkeit.
Es
kommt immer wieder mal vor, dass Menschen Anstoß daran nehmen,
dass ich die jüdische Tradition zitiere, die Israelitische
Herkunft Jesu und seiner Leute ausdrücklich nenne. Das geschieht
durchaus mit Absicht. Denn die Geschichte Jesu gründet auf der
Geschichte des jüdischen Volkes, der jüdischen Traditionen. Sie
gehört zu unserer Tradition dazu wie das Alte Testament zur
Bibel.
Und
so kommt heute eine Stimme aus dieser Tradition zu Gehör, die
schon am letzten Sonntag hier erklungen ist, gelesen wurde von
einem Kind, die Stimme Jeremias.
Ich
lese uns Jeremia 23, 5-8
Seht,
die Zeit wird kommen, - so Gottes Spruch - da lasse ich für David
einen gerechten Spross erstehen; diese Person wird umsichtig
herrschen und Recht und Gerechtigkeit im Land umsetzen. Zu jener
Zeit wird Juda Hilfe zuteil werden und Israel in Sicherheit
wohnen. Ihr Name wird sein: Gott ist unsere Gerechtigkeit.
Deshalb
seht, die Zeit wird kommen, - so Gottes Spruch- da sagt niemand
mehr: So wahr Gott lebt, Gott hat die Kinder Israels aus dem Ägyptenland
herausgeführt. Es ist vielmehr zu hören: so wahr Gott lebt: Gott
hat die Nachkommen des Hauses Israel aus dem Nordland herausgeführt
und aus allen Ländern, in die ich sie zerstreut habe, und hat sie
hingebracht, damit sie auf ihrem eigenen Boden wohnen können.
Um
hier die Zusammenhänge zu verstehen, braucht man etwas Vorwissen.
Jeremia
war ein Prophet. Propheten haben das von Gott auszurichten, was
ihnen aufgetragen wird, ob sie das wollen oder nicht. Im Falle
Jeremias wurde das aufgeschrieben durch einen Schreiber, der
diesen Worten Bedeutung und Gewicht beimaß. In vielen Fällen
wurden Propheten auch für verrückt gehalten: Sie nahmen Dinge
wahr, die andere nicht sehen und erkennen konnten - und wollten.
Im
Buch des Propheten Jeremia kann man viel vom Zorn Gottes lesen.
"Spruch Gottes" heißt es dann, die Ich-Rede ist
Gottesrede. Da ist der Mensch, der das sagt, überhaupt nicht mehr
wichtig.
Und
die Menschen, zu denen er spricht, sind Angehörige des jüdischen
Volkes. Die sind nicht zuhause bei sich. Denn sie sind vertrieben
worden, deportiert nennt man das. Ein Kriegherr hat das jüdische
Volk militärisch besiegt. Die Bauern hat er zuhause gelassen,
aber die Führungsschicht, also die gebildeteren Menschen, die
Leute, die machen, dass das Land funktioniert und die Sitten und
Regeln eingehalten werden, die hat er nicht umgebracht sondern mit
zu sich nach hause genommen. Dort lebten sie nun als Fremde, als
Entwurzelte in ständiger Angst, etwas falsch zu machen. Natürlich
mussten sie sich anpassen. Und natürlich vergaßen sie dabei, was
ihre eigenen ursprünglichen Regeln gewesen waren. Wie schnell
spreche die Kinder dann nur noch die Sprache des Landes, in dem
sie leben und nicht mehr die Muttersprache von Vater und Mutter.
Jeremia
lebte ungefähr um 600 vor Christi Geburt in dieser Zeit des großen
Durcheinanders, in dieser Zeit der Heimatlosigkeit.
Er
möchte trösten, bzw. Gottes Stimme in ihm tröstet die Leute:
für
David wird ein gerechter Spross erstehen -
das
heißt: so einer wie David, der mal König war für Israel, nur
ein gerechter, nicht so ein verwegener Freischärler, so einer
wird kommen und euch alle leiten. Ihr bekommt einen König, auf
den sollt ihr schauen und euch dann einig sein.
Denn
er ist gerecht.
Nicht
so ungerecht und eigennützig, so machtbesessen und korrupt wie
die anderen Herrschenden.
Da
kommt einer, der ist gut, dem könnt ihr vertrauen. Er ist ein König.
In
mir erklingt die Strophe aus dem Lied macht hoch die Tür: er ist
gerecht, ein Helfer wert, Sanftmütigkeit ist sein Gefährt ...
Und
nun kommt noch eine Verheißung dazu, die wir alle besonders zu
Weihnachten erfahren: Die Sehnsucht danach, ein Zuhause zu haben
und auch wirklich geborgen zu sein, diese Sehnsucht wird erfüllt.
Die Prophezeiung heißt:
Seht,
die Zeit wird kommen, da sprechen wir nicht mehr von dem Gott, der
das Volk aus der Sklaverei geführt hat, sondern von dem Volk, das
Gott nach Hause gebracht hat, damit es auf eigenem Boden wohnen
kann.
"Eigener
Boden" für viele ist das Grund und Boden, ein eigenes Haus,
die Scholle - oder wie auch immer man das Nennen soll. Für das
Volk Israel in der Situation, die ich geschildert habe, war es das
eigene Land. Nach dem 2. Weltkrieg wurde aus dieser Hoffnung das
Land Israel gegründet, eine Hoffnung, die politisch ausgegriffen
und die dann auch politisch realisiert wurde.
So
stark ist diese Sehnsucht, so möchte ich sie mal nennen, dass sie
Menschen und Völker über Jahrtausende bewegt. Sie gehört zu den
Ur-Hoffnungen, Ur-Sehnsüchten. Sie ist archaisch. Und sie ist es
auch, die angesprochen wird, wenn wir auf den Stall blicken.
Ein
windiger Stall oder ein hochwärmegedämmtes Haus: der Mythos von
der Erwartung des Nachhausekommens wird gebrochen: Verwechsle die
konkrete Realität nicht mit dem Urbild!
Dein
Haus oder dein Zuhause hängt nicht am Reetdach und auch nicht an
der Erde, auf der es steht. Du teilst es mit denen, die zu dir gehören,
in letztendlicher Wirklichkeit ist es in dir! Erst wen du diesen
Ort gefunden hast - und das ist der Ort in dir, in dem Gott wohnt,
dann kannst du es teilen.
Der
"Eigene Boden", das ist jener innere Ort, ohne den jeder
äußerliche Ort unbeseelt bleibt.
Nach-Hause-Kommen,
für jeden und jede einzeln ist das ein schwieriges Thema.
Für
eine Gemeinschaft ist das erst recht schwierig. Die
Sarazin-Debatte zeigt es. Und unser Verhältnis zum Islam
ebenfalls. Sogar in Bezug auf unsere Wurzeln sind wir unsicher,
ungeborgen, wissen nicht bescheid und bekommen schnell Angst,
etwas zu verlieren, über das wir uns zu definieren meinen. Ich
war verwundert zu hören, dass es für viele undenkbar sei, dass
wir eine Menora auf den Altar stellten - als Zeichen der Kontinuität
mit dem jüdischen Volk, das sich auf David beruft, ebenso wie
wir.
Unser
Glaube hat Geschichten. Sie sind wie ein Kleid. Viele unserer
Geschichten entstammen der jüdischen Tradition. Allen voran die
Geschichte, dass wir auf einen Erlöser warten, der in
Gerechtigkeit regiert. Dass wir sehnsüchtig darauf warten, dass
er uns nach hause führt, auf unseren eigenen Boden - in unser
eigenes Herz.
Die
Adventszeit in der Kirche ist ganz anders als die Adventszeit in
unserer sich christlich nennenden Kultur. In vielen Adventsfeiern
wird das behagliche Zushausesein vorweggenommen. Wie wenn
Weihnachten vier Wochen lang gefeiert würde.
Hier
in der Kirche ist der Advent anstrengender: es ist Fastenzeit,
Zeit der Vorbereitung, Zeit zum Nachdenken, Zeit in die Tiefe zu
schauen. Zeit auch, sich dem vielleicht Unangenehmen zu stellen,
alte Bilder zu überprüfen und der entstehenden Leere Raum zu
geben, in der etwas Neues wachsen möchte.
Amen.
nach
oben
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