ST.-CLEMENS

                                                     "Texte"

Predigt über Matthäus 26, 69-75 (vom Sonntag Reminiszere, dem 20.03.2011)

Predigt über Johannes 8, 12-16  (vom 2.Weihnachtstag 2010)

Predigt über Jeremia 23  (vom 2.Advent 2010)

 

hier finden Sie die Predigten/Texte bis November 2010

 

 

 

Predigt über Matthäus 26, 69-75

vom Sonntag Reminiszere, dem 20.03.2011

Liebe Gemeinde!

Es ist Passionszeit, Fastenzeit. Zeit, um über die unangenehmen Seiten des Lebens nachzudenken. Zeit der Reinigung von innen und von außen. Vorbereitungszeit für das größte Fest, das wir feiern können, das Fest des Lebens, der Auferstehung, das Fest des Sieges: Leben ist stärker als der Tod.

In diese Zeit hinein platzt die Naturkatastrophe des Erdbebens mit verheerenden Auswirkungen in Japan: der Tsunami hat ungezählte Menschenleben gekostet. Die Ausmaße der Atomkatastrophe sind noch nicht zu ermessen.

Und in diese Zeit hinein durften wir Anteil nehmen an dem gewaltfreien Befreiungskampf islamischer Völker in Nordafrika, die ihre Diktatoren herausgefordert haben. Den Menschen in Libyen gilt unsere besondere Sorge und Aufmerksamkeit.

Räumlich sind wir weit entfernt von dem Geschehen. Doch die Welt ist kleiner geworden. Schneller bekommen wir Informationen und sind verbunden mit den Menschen, Schwestern und Brüdern, die wir nicht persönlich kennen und die doch einfach leben möchten. So wie wir auch.

Vieles von dem, was dort geschieht, können wir nur ahnen. Teils weil die technischen Informationen nicht transportieren können, was geschah. Teils weil die Informationen teil der Politik sind. Jede Regierung teilt zunächst im Fall einer Katastrophe mit, es bestünde keine Gefahr für die Bevölkerung. Bis sich dann anderes herausstellt.

Sieben Wochen ohne ausreden heißt die Fastenaktion der evangelischen Kirche. Es gibt einen Kalender, der für jeden Tag eine Situation zeigt, die geeignet ist zu sagen: Ich war’s nicht. Ich habe ihn im Gemeindehaus aufgehängt, er zeigt Bilder und Worte, die Menschen mit und ohne Humor einladen, sich ein Stück weit auf sich selbst zu besinnen. Z.B. eine Küchenspüle voll benutzten Geschirrs. Dazu ein Text von Al Gore. Oder eine Wiese, auf der junge Menschen Bockspringen spielen. Dazu der Text, Eisenhower zugeschrieben: Die Suche nach Sündenböcken ist von allen Jagdarten die einfachste.

Wie einfach ist es, im Fall einer schlimmen Lage zurück zu schauen. Wie einfach ist es, nach Schuldigen Ausschau zu halten und sich selbst frei zu halten: Ich war’s nicht.

Jetzt aber ist es so schlimm gekommen, dass sich niemand mehr frei halten kann.

Wir haben nur diese eine Erde.

Wir atmen die Luft aus der einen Atmosphäre.

Jetzt ist es spätestens so weit, dass wir genau jetzt hinsehen müssen: So ist es. Von all dem, was geschah und geschieht, kann uns niemand frei halten. Wir können allenfalls mitwirken daran, den Schaden zu begrenzen. Denn der Schaden ist da.

Es ist zunächst ein sichtbarer Schaden: die Verwüstungen des Tsunami sind als Bilder an uns alle herangekommen. Es ist ein zu ahnender Schaden, der die beiden Atombomben von Hiroshima und Nagasaki bei Weitem übersteigt. Radioaktivität kann man nicht sehen.

Und es ist ein Vertrauensschaden: Atomenergie ist nicht sicher. Wir haben denen vertraut, die uns glauben machen wollten, Atomenergie sei sicher.

Wir haben ihnen geglaubt. Ich war’s.

Nicht: Die haben uns belogen, du warst’s!

Ich habe Verantwortung für mein Leben. Und nicht: du hast Schuld.

Der Text, den ich eben vorlas aus Mt 26, 69-75 schildert so eine Situation:

Feststimmung in Jerusalem, es soll Passah gefeiert werden, ein schönes, ein fröhliches Fest.

Jesus und seine Jünger sind auch dort, wollen auch das Passahfest feiern.

Bei der letzten Mahlzeit, die sie gemeinsam einnahmen, gab Jesus ihnen die Sinnworte mit: brot des Lebens, Kelch des Heils. Alle schworen ihm ihre Treue. Zu Petrus sagte er: „Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnet haben.“

Am Nachmittag geschah die Katastrophe: Jesus wurde gekreuzigt. Die Jünger Jesu zerstreuten sich. Petrus war allein unterwegs und drückte sich in der Nacht in den Winkeln der Stadt herum. Er setzte sich in einen Hinterhof, in dem auch andere Menschen sich aufhielten.

Eine Sklavin spracht ihn an: „Du warst auch bei Jesus!“

Petrus: „Ich weiß nicht, was du meinst.“

Er verließ den Hof.

Im Tor sagte eine andere Sklavin: „Sieh mal, der gehört auch zu Jesus, dem Nazoräer.“

Petrus: „Ich kenne ihn nicht.“

Kurz darauf sagen herumstehende Leute zu Petrus: „Du bist auch einer von denen. Dein Dialekt verrät dich.“

Petrus griff zum Fluchen und zum Schwören, ich nehme an, er wurde laut. Er sagte: „Ich kenne den Mann nicht.“

Da krähte ein Hahn.

Petrus ging ‚nach draußen’ und weinte bitterlich.

Wo auch immer dieses „Draußen“ ist.

Für mich ist es die aufgebaute Scheinwirklichkeit, in der der Petrus sich bewegt hat, die er verließ. Nach „Draußen“ ist dort, wo das Wirklichkeit ist, was wirklich ist. Auch wenn es unerträglich scheint. Auch wenn es furchtbar wehtut.

Diese Wirklichkeit kennt kein Zahnpasta-Lächeln, keine Profitmaximierung, kein Prestige.

Diese Wirklichkeit ist nackt und verletzlich, aber lebendig.

Petrus weinte bitterlich, Petrus weinte verzweifelt, so wird es auch übersetzt.

Sein Weinen, seine Tränen erlösen ihn. Es tut ihm furchtbar weh, er ist verzweifelt. D.h. er sieht auch nicht, wohin der Weg ihn weiter führen kann und wird.

Aber er lässt los von der alten Scheinwirklichkeit, in der das Überlebensgesetz der Lüge gilt. Er gibt sich hin dem, worauf er wirklich vertrauen kann, das so ohne Waffen daher kommt und ihm sein Vertrauen und seine Liebe zurückgibt. Die Liebe, die er bei Jesus entdeckt und zu leben gelernt hat.

Ich glaube, dass unsere gegenwärtige Situation mit der des Petrus vergleichbar ist.

Die eine Katastrophe ist geschehen. Das Erdbeben, der Tsunami, die Naturgewalt.

Ihr anderer Teil ist selbstgemacht und steht in unmittelbarem Zusammenhang mit unserem Hunger nach Energie, der Ideologie des Größer, Schöner, Schneller, Besser, Mehr. Dazu gehört der Satz: „Ich war’s nicht!“

Die Einsicht: „Ich bin’s!“ ist ein schmerzlicher Schritt. Aber ein heilsamer. Vieles muss durchgeschmerzt werden auf dem Weg des Erkennens: Ich bin’s. Drum ist’s besser, wir gehen ihn gemeinsam. In der Passionszeit. In der Fastenzeit. In dieser Gemeinde. Hier im Gottesdienst.

Im Namen des Jesus, der von den Toten auferstand, der auferweckt wurde zu neuem Leben. Ein stärkeres Bild des Heilwerdens kenne ich nicht.

Amen.

 

Für unsere gegenwärtige Situation habe ich schon mit dem Psalm 69 das Bild des Wassers benutzt.

Das Lied 568 nimmt dieses Bild wieder auf.

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Predigt über Johannes 8, 12-16

vom 2.Weihnachtstag 2010

 

Liebe Gemeinde!

 

Weihnachten ist das Fest der Lichter. In der Tiefe der Nacht werden sie alle angezündet: Der Adventskranz,

die Lichter am immergünen Baum.

Hier auf Amrum war es spüren, was Margot Käsmann forderte: Advent ist erst im Dezember. Der Schmuck für die Weihnachtszeit kam erst nach dem Ewigkeitssonntag in die Vorgärten und an die Straßen.

Und jetzt leuchten sie alle.

 

Heute sind wir hier versammelt im Nachsinnen. Der Heiligabend ist vorbei, die Aufregung hat sich gelegt. Geschenke, die dieses Fest würzen, sind ausgepackt.

 

Es geht um die tiefere Bedeutung. Und heute geht es um das Licht. Jesus spricht:

Ich bin das Licht. Und alle, die mir folgen, werden nicht mehr in der Finsternis umherirren, sondern das Licht des Lebens haben.

 

Licht.

Die erste Tat Gottes im uranfänglichen Schöpfungsbericht war der Satz: Es werde Licht. Oder: Licht werde.

Das, was vorher war, war Chaos, Wüste, Dunkelheit. Licht trennt die Dunkelheit auf in Tag und Nacht.

Die Dunkelheit ist nicht fort, doch sie ist nicht mehr das Einzige.

Damit Leben sein kann, braucht es uranfänglich Licht.

 

Licht ist immer wieder Metapher für Klarheit, für Wahrheit, für die Gegenwart Gottes. "Dein Wort ist meines Fußes Leuchte" (Ps 119,105), Jesus trifft sich auf dem Berg mit Mose und Elia "im Licht" -

Jesus IST das Licht.

So schreibt Johannes es auf, ca 100 Jahre nach Jesu Geburt.

Das ist Glaubenswort, geglaubtes Wort. Das ist eine auf Jesus angewandte Metapher, die ihm in den Mund gelegt wird.

Natürlich klingt es anmaßend, wenn einer sagt: "Ich bin das Licht!" Wir können davon ausgehen, dass Jesus das von Johannes in den Mund gelegt wurde - mit guter Absicht.

 

Der Zusammenhang dieses Wortes wird so komponiert, dass man sich ein Streitgespäch vorzustellen hat, bei dem Jesus sagt: Ich bin ..., und andere, die Pharisäer, bezweifeln das. Beide beharren auf ihrer Position, das Ergebnis ist kein Dialog, also auch kein Frieden, sondern Streit, Auseinandersetzung.

 

Hier gilt es, genau hin zu hören.

Johannes, einer der fünf verschiedenen Johannesse des Neuen Testamentes, gehört in eine Gruppe, die der jüdischen Gemeinde sehr nahe stand. Die jüdische Tradition, die Rituale, alles, was zum Judentum seiner Zeit gehörte, war auch seines und das seiner Freundinnen und Freunde. Doch in einem unterschieden sie sich kräftig: Johannes und seine kleine gruppe bezogen sich auf Jesus als den Gesalbten, auf Jesus als den Messias: Gott hat endlich sein Versprechen eingelöst und den Messias geschickt: in Jesus. Und das ist wesentlicher Bestandteil des jüdischen Glaubens gewesen über viele hunderte Jahre: eines Tages schickt Gott den Erlöser!

Für die Johannes-Gruppe stimmte das, für den größten Teil der jüdischen Gemeinde nicht.

Das führte zu scharfen Auseinandersetzungen, zu Abgrenzungen und zum Schluss zur Trennung.

Übrig geblieben sind polemische Worte gegen "die Juden", die dann schlimme Geschichte machten und bewirkten. Erst in jüngerer Zeit ist darüber geforscht worden, wurde der Antisemitismus in dieser Wurzel aufgedeckt. Hier in den Johannes-Texten ist der antisemitische Bezugspunkt des sich später bildenden Christentums.

Man kann es auch anders sagen: Hier bildet sich Kirche in scharfer Abgrenzung zum Judentum. Und diese Abgrenzung ist so nötig wie der Streit unter Geschwistern: man weiß besser, wer man ist, wenn man schonmal weiß, wer man nicht ist.

 

Lassen Sie uns dieses als historische Tatsache in dem Streitgespräch abgebildet sehen und uns nun dem Inhalt zuwenden:

 

Jesus ist das Licht der Welt -

alle, die ihm nachfolgen, werden nicht mehr in der Dunkelheit umher irren -

sondern sie werden das Licht des Lebens haben.

 

Das Weihnachtschristentum beschwört die Krippe, die Familie, Harmonie und Frieden.

Wenn man genau hinsieht, zieht es im Stall, besonders hygienisch dürfte es auch nicht zugegangen sein, der Vater des Kindes ist unbekannt, die Mutter blutjung - eigentlich ist der Stachel unübersehbar. Trotzdem schauen wir systematisch fort.

Der Jesus des Johannes hat keine Krippe, hat nicht die Bodenhaftung des Lukas-Berichtes, dafür aber eine Geisteshaltung, die ihn über alles, was bisher bekannt war, hinaus leuchten lässt:

Er blieb gewaltfrei bis zum Schluss, als er gewalttätig ermordet wurde.

Er überwand den Tod - oder besser gesagt: in ihm wurde der Tod überwunden, denn das hat er nicht aktiv betrieben, - er wurde auferweckt, er lebte wieder - und das noch heller, noch strahlender.

 

Jesus sei fortan der Blickpunkt für die, die sich auf Gott beziehen und Gott doch nicht greifen, spüren, erkennen können. Für die, die in den Geheimnissen der Tradition forschen und doch noch immer fragen: Hier, schaut her: Jesus ist das Licht der Welt!

Wie ein Leuchtfeuer in der Nacht gibt das Orientierung, Wegweisung. Dem kann man folgen. Und wenn man das tut, wird man selbst leuchten, wird zum "Licht des Lebens".

 

Immer wieder brauchen wir das: Wir lassen uns vom Leuchten anderer anstecken, ein Funke springt über und das Leben wird schöner als vorher. In Jesus ist der abgebildet, der Licht in Hülle und Fülle hat, von dem wir uns anstecken lassen können.

 

Bei der Taufe überreichen wir heutzutage eine Taufkerze mit genau diesem Wort: Jesus spricht: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis umherirren, sondern das Licht des Lebens haben.

Die Weihnachtsbotschaft wird hier mit dem ganzen Leben verbunden. Und das ist dann nicht nur die Krippe, sondern auch das Kreuz.

 

Advents - und Weihnachtsbeleuchtung kann man auch ohne Jesus "einfach schön" finden. Man kann aber auch in jedem angezündeten Licht einen Hinweis auf Jesus sehen, der das Licht der Welt ist für die, die auf dem Weg sind, dem Licht des Lebens, der Lebendigkeit, der Auferstehung zu folgen.

Wenn man seinen Blick dann noch weitet, kann man in jedem Sonnenstrahl Gott erkennen.

Das ist ein besonderer Blick, eine besondere Perspektive. Und die kann man bestimmt nicht immerzu aushalten. Doch es ist ein Schatz, wenn das glaubende Sehen zu einem tieferen Sehen, einem tieferen Verstehen werden kann.

Möge jeder und jedem von uns dieser Schatz in dieser Zeit mal geschenkt sein.

Amen.                                                                                                                                     nach oben

 

 

 

Predigt über Jeremia 23

vom 2.Advent 2010

 

Liebe Gemeinde!

 

Am vergangenen Sonntag, dem 1.Advent, feierten wir hier zusammen mit Kindern Gottesdienst. Ein Stück wurde gespielt, in dem das Schiff, beladen mit einem Kind, in die Kirche einzog. "Es kommt ein Schiff geladen...", dieses bedeutungsschwere Lied war Wegweiser in den Advent.

 

Prophetenstimmen wurde gelesen: Er wird bald kommen. Ja, er kommt! Wir warten auf den König. Aber der König kommt nicht in Pracht, er wird klein sein. So klein wie der Ort Bethlehem, der vom Glanz der Nachbarstadt Jerusalem überstrahlt wird.

Er wird kommen.

Er wird kommen.

Wir warten.

Wann kommt er endlich?

Kommt er?

Er wird kommen! Ganz bestimmt.

 

2000 Jahre ist dieses Warten inzwischen alt. Jesus kam, wurde geboren, lebte und starb. Unser Glaubensbekenntnis erzählt nur von diesen kurzen Stationen: Empfängnis, Geburt, Leiden und Tod. Und Auferstehung. Auferstehung in ein anderes Leben, ein Leben an der Seite Gottes, ein Leben in der Nähe Gottes, ein Leben wie Gott. Und wir Christinnen und Christen haben uns inzwischen in alledem eingerichtet, auch in seiner Widersprüchlichkeit.

 

Es kommt immer wieder mal vor, dass Menschen Anstoß daran nehmen, dass ich die jüdische Tradition zitiere, die Israelitische Herkunft Jesu und seiner Leute ausdrücklich nenne. Das geschieht durchaus mit Absicht. Denn die Geschichte Jesu gründet auf der Geschichte des jüdischen Volkes, der jüdischen Traditionen. Sie gehört zu unserer Tradition dazu wie das Alte Testament zur Bibel.

Und so kommt heute eine Stimme aus dieser Tradition zu Gehör, die schon am letzten Sonntag hier erklungen ist, gelesen wurde von einem Kind, die Stimme Jeremias.

 

Ich lese uns Jeremia 23, 5-8

Seht, die Zeit wird kommen, - so Gottes Spruch - da lasse ich für David einen gerechten Spross erstehen; diese Person wird umsichtig herrschen und Recht und Gerechtigkeit im Land umsetzen. Zu jener Zeit wird Juda Hilfe zuteil werden und Israel in Sicherheit wohnen. Ihr Name wird sein: Gott ist unsere Gerechtigkeit.

Deshalb seht, die Zeit wird kommen, - so Gottes Spruch- da sagt niemand mehr: So wahr Gott lebt, Gott hat die Kinder Israels aus dem Ägyptenland herausgeführt. Es ist vielmehr zu hören: so wahr Gott lebt: Gott hat die Nachkommen des Hauses Israel aus dem Nordland herausgeführt und aus allen Ländern, in die ich sie zerstreut habe, und hat sie hingebracht, damit sie auf ihrem eigenen Boden wohnen können.

 

Um hier die Zusammenhänge zu verstehen, braucht man etwas Vorwissen.

Jeremia war ein Prophet. Propheten haben das von Gott auszurichten, was ihnen aufgetragen wird, ob sie das wollen oder nicht. Im Falle Jeremias wurde das aufgeschrieben durch einen Schreiber, der diesen Worten Bedeutung und Gewicht beimaß. In vielen Fällen wurden Propheten auch für verrückt gehalten: Sie nahmen Dinge wahr, die andere nicht sehen und erkennen konnten - und wollten.

Im Buch des Propheten Jeremia kann man viel vom Zorn Gottes lesen. "Spruch Gottes" heißt es dann, die Ich-Rede ist Gottesrede. Da ist der Mensch, der das sagt, überhaupt nicht mehr wichtig.

Und die Menschen, zu denen er spricht, sind Angehörige des jüdischen Volkes. Die sind nicht zuhause bei sich. Denn sie sind vertrieben worden, deportiert nennt man das. Ein Kriegherr hat das jüdische Volk militärisch besiegt. Die Bauern hat er zuhause gelassen, aber die Führungsschicht, also die gebildeteren Menschen, die Leute, die machen, dass das Land funktioniert und die Sitten und Regeln eingehalten werden, die hat er nicht umgebracht sondern mit zu sich nach hause genommen. Dort lebten sie nun als Fremde, als Entwurzelte in ständiger Angst, etwas falsch zu machen. Natürlich mussten sie sich anpassen. Und natürlich vergaßen sie dabei, was ihre eigenen ursprünglichen Regeln gewesen waren. Wie schnell spreche die Kinder dann nur noch die Sprache des Landes, in dem sie leben und nicht mehr die Muttersprache von Vater und Mutter.

 

Jeremia lebte ungefähr um 600 vor Christi Geburt in dieser Zeit des großen Durcheinanders, in dieser Zeit der Heimatlosigkeit.

Er möchte trösten, bzw. Gottes Stimme in ihm tröstet die Leute:

für David wird ein gerechter Spross erstehen -

das heißt: so einer wie David, der mal König war für Israel, nur ein gerechter, nicht so ein verwegener Freischärler, so einer wird kommen und euch alle leiten. Ihr bekommt einen König, auf den sollt ihr schauen und euch dann einig sein.

Denn er ist gerecht.

Nicht so ungerecht und eigennützig, so machtbesessen und korrupt wie die anderen Herrschenden.

 

Da kommt einer, der ist gut, dem könnt ihr vertrauen. Er ist ein König.

In mir erklingt die Strophe aus dem Lied macht hoch die Tür: er ist gerecht, ein Helfer wert, Sanftmütigkeit ist sein Gefährt ...

 

Und nun kommt noch eine Verheißung dazu, die wir alle besonders zu Weihnachten erfahren: Die Sehnsucht danach, ein Zuhause zu haben und auch wirklich geborgen zu sein, diese Sehnsucht wird erfüllt. Die Prophezeiung heißt:

Seht, die Zeit wird kommen, da sprechen wir nicht mehr von dem Gott, der das Volk aus der Sklaverei geführt hat, sondern von dem Volk, das Gott nach Hause gebracht hat, damit es auf eigenem Boden wohnen kann.

"Eigener Boden" für viele ist das Grund und Boden, ein eigenes Haus, die Scholle - oder wie auch immer man das Nennen soll. Für das Volk Israel in der Situation, die ich geschildert habe, war es das eigene Land. Nach dem 2. Weltkrieg wurde aus dieser Hoffnung das Land Israel gegründet, eine Hoffnung, die politisch ausgegriffen und die dann auch politisch realisiert wurde.

 

So stark ist diese Sehnsucht, so möchte ich sie mal nennen, dass sie Menschen und Völker über Jahrtausende bewegt. Sie gehört zu den Ur-Hoffnungen, Ur-Sehnsüchten. Sie ist archaisch. Und sie ist es auch, die angesprochen wird, wenn wir auf den Stall blicken.

Ein windiger Stall oder ein hochwärmegedämmtes Haus: der Mythos von der Erwartung des Nachhausekommens wird gebrochen: Verwechsle die konkrete Realität nicht mit dem Urbild!

Dein Haus oder dein Zuhause hängt nicht am Reetdach und auch nicht an der Erde, auf der es steht. Du teilst es mit denen, die zu dir gehören, in letztendlicher Wirklichkeit ist es in dir! Erst wen du diesen Ort gefunden hast - und das ist der Ort in dir, in dem Gott wohnt, dann kannst du es teilen.

Der "Eigene Boden", das ist jener innere Ort, ohne den jeder äußerliche Ort unbeseelt bleibt.

 

Nach-Hause-Kommen, für jeden und jede einzeln ist das ein schwieriges Thema.

Für eine Gemeinschaft ist das erst recht schwierig. Die Sarazin-Debatte zeigt es. Und unser Verhältnis zum Islam ebenfalls. Sogar in Bezug auf unsere Wurzeln sind wir unsicher, ungeborgen, wissen nicht bescheid und bekommen schnell Angst, etwas zu verlieren, über das wir uns zu definieren meinen. Ich war verwundert zu hören, dass es für viele undenkbar sei, dass wir eine Menora auf den Altar stellten - als Zeichen der Kontinuität mit dem jüdischen Volk, das sich auf David beruft, ebenso wie wir.

Unser Glaube hat Geschichten. Sie sind wie ein Kleid. Viele unserer Geschichten entstammen der jüdischen Tradition. Allen voran die Geschichte, dass wir auf einen Erlöser warten, der in Gerechtigkeit regiert. Dass wir sehnsüchtig darauf warten, dass er uns nach hause führt, auf unseren eigenen Boden - in unser eigenes Herz.

 

Die Adventszeit in der Kirche ist ganz anders als die Adventszeit in unserer sich christlich nennenden Kultur. In vielen Adventsfeiern wird das behagliche Zushausesein vorweggenommen. Wie wenn Weihnachten vier Wochen lang gefeiert würde.

Hier in der Kirche ist der Advent anstrengender: es ist Fastenzeit, Zeit der Vorbereitung, Zeit zum Nachdenken, Zeit in die Tiefe zu schauen. Zeit auch, sich dem vielleicht Unangenehmen zu stellen, alte Bilder zu überprüfen und der entstehenden Leere Raum zu geben, in der etwas Neues wachsen möchte.

Amen.                                                                                                                                 nach oben